Lenninger Tal

Online-Auktion sorgt für Wirbel

Scheufelen Sämtliche Maschinen des Lenninger Traditionsunternehmens standen vorübergehend im Internet zum Verkauf. Währenddessen laufen die Verhandlungen mit einem neuen Investor. Von Anke Kirsammer

Zurzeit stehen bei der Scheufelen GmbH in Oberlenningen alle Maschinen still. Dr. Ulrich Scheufelen hofft, dass sich ein Investo
Zurzeit stehen bei der Scheufelen GmbH in Oberlenningen alle Maschinen still. Dr. Ulrich Scheufelen hofft, dass sich ein Investor findet, damit die Graspapier-Produktion wieder anlaufen kann. Foto: Jean-Luc Jacques

Seit einem Monat stehen bei der Lenninger Firma Scheufelen die Räder still. Nur ein halbes Jahr nach dem Neustart kam das Unternehmen mit dem Phönix im Logo wieder ins Trudeln, Ende Februar wurde ein neuerlicher Insolvenzantrag gestellt. Seitdem hängen die 100 Mitarbeiter in der Luft. Vergangene Woche wurde der Belegschaft nun mitgeteilt, dass die Geschäftsleitung mit einem möglichen Investor verhandelt. Dass nur wenige Tage später der komplette Maschinenpark auf der Internetseite eines Online-Auktionators eingestellt war, fühlte sich für viele langjährige Mitarbeiter wie ein Schlag in die Magengrube an.

Laut Website sollten vom Büromobiliar über die drei Papiermaschinen bis zur Dampfturbine rund 1 000 Positionen unter den Hammer kommen. Im Zuge der letzten Insolvenz waren die Maschinen und anderes Anlagevermögen an die Nordia Invest verkauft worden. Wer die Scheufelen GmbH übernimmt, muss deshalb mit dem Hamburger Unternehmen über den Kauf beziehungsweise die Pacht der Maschinen verhandeln. „Dass sie im Internet angeboten werden, ist nicht sehr glücklich“, sagte der Beiratsvorsitzende Dr. Ulrich Scheufelen am Dienstag und kündigte an, mit den Verantwortlichen zu sprechen. Am gestrigen Mittwoch war die Internetseite mit dem Angebot gelöscht. Ulrich Scheufelen relativiert: Die Auktion hätte ohnehin frühestens im Mai stattgefunden. Die Gesellschaft, der die Maschinen gehören, habe inzwischen aber eingesehen, dass sie durch die Aktion die momentan laufenden Verhandlungen stört. Denn gemäß Dr. Ulrich Scheufelen gibt es Gespräche mit einem potenziellen, großen Investor, dessen Name derzeit erwartungsgemäß nicht nach außen dringt. Nur so viel: „Wir kennen ihn aus früheren Zeiten. Er würde optimal passen.“ Solange kein Vertrag unterschrieben sei, könne man allerdings nur verhalten optimistisch sein.

Der vorläufige Insolvenzverwalter Dr. Philipp Grub prüft derzeit, was sich aus dem Unternehmen machen lässt. Er bestätigt, dass es einen Interessenten gibt, der die Firma intensiv unter die Lupe nimmt und das Marktpotenzial abklopft. Dass die Anlagen im Internet angeboten wurden, stehe den Bemühungen, einen neuen Investor zu finden, nicht entgegen, so Philipp Grub. Gerüchte, es gehe bei Scheufelen lediglich nur noch darum, die Firma abzuwickeln, verweist er ins Reich der Spekulation.

Wie die übrige Belegschaft, so ist auch der Betriebsratsvorsitzende Sandro Vitiritti dennoch völlig verunsichert. Als er Ende vergangener Woche von einem Kollegen per WhatsApp die Nachricht bekommen hatte, dass die Anlagen verkauft werden, schien für ihn das endgültige Aus der Papierfabrik besiegelt. „Man weiß nicht mehr, was man glauben soll“, sagt der 43-Jährige. Seit fast 25 Jahren arbeitet der Papiertechnologe bei Scheufelen. Vor knapp einem Jahr übernahm er den Betriebsratsvorsitz. Anders als bei der letzten Insolvenz, ist er nun schon die dritte Woche freigestellt. „Das ist schade“, so lautet sein knapper Kommentar. Auch würde er sich einen etwas besseren Informationsfluss wünschen. Nach wie vor ist er vom innovativen Produkt Graspapier überzeugt. „Das ist gut“, sagt er. Er habe gehofft, dass es auf dem Markt einschlägt und ehemalige Mitarbeiter sogar wieder zurückgeholt werden könnten. „Es waren Aufträge da, aber eben nicht genug. Wir hoffen alle, dass es weitergeht.“

Die Freistellung der Mitarbeiter erklärt Philipp Grub indes damit, dass derzeit zwar aus dem Bestand verkauft werde, die Produktion aber nicht läuft. Allein die Kosten für Strom und Gas belaufen sich monatlich auf einen satten sechsstelligen Betrag. Dafür fehlt zurzeit das Geld. Dem Juristen zufolge ist die Belegschaft im Gläubigerausschuss eingebunden. Mit am Tisch sitzt der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Mehmet Simsek genauso wie ein Vertreter der Agentur für Arbeit.

Noch bis Ende April bekommen die Beschäftigten Insolvenzgeld. Das entspricht zwar dem Lohn, auf Sonntags- und Schichtzuschläge müssen die Mitarbeiter jedoch verzichten. „Wir wollen versuchen, im Laufe des April zu einer Lösung zu kommen“, erklärt Philipp Grub. Auch der vorläufige Insolvenzverwalter ist begeistert vom Graspapier, auf das die Scheufelen GmbH nach wie vor setzt. In der Schweiz beispielsweise sei der Kontakt von Lebensmitteln mit Altpapier verboten. Würde so ein Gesetz in der EU kommen, wäre das eine riesige Chance für Scheufelen. „Das ist ein politisches Thema“, betont Philipp Grub. Das schlagende Argument ist für ihn das Einsparpotenzial bei Wasser, Energie und chemischen Stoffen. Was der Firma nach dem Neustart im vergangenen Jahr gefehlt habe, seien ausreichend Kunden. „Eigentlich handelt es sich um ein Start-up-Unternehmen“, sagt Philipp Grub. Das ökologische Graspapier müsse sich eben erst am Markt etablieren.

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