Serie Alte Weilheimer Gastwirtschaften

Feldarbeiter freuten sich am Bierkeller

Serie Der „Ochsen“ war wohl die älteste Gastwirtschaft Weilheims und hatte eine große Bedeutung. Heute gibt es das Gebäude und den dazugehörigen Lagerkeller auf dem Egelsberg nicht mehr. Von Bianca Lütz-Holoch

Foto: Weilheim

Von den derzeitigen Bewohnern Weilheims ist wahrscheinlich kaum einer im „Ochsen“ eingekehrt: Die Gastwirtschaft brannte bereits im Jahr 1929 ab, das Gebäude wurde danach nicht mehr aufgebaut. Dort, wo es einst stand, zweigt jetzt die Karl-Scheufelen-Straße von der Kirchheimer Straße ab.

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„Schon 1730 wurde der Ochsen erwähnt. Er war vermutlich das älteste Gasthaus in Weilheim“, sagt Wilhelm Braun. Der Stadtführer hat im vergangenen Jahr kräftig in Archiven und Heimatbüchern gestöbert und einiges über alte Gastwirtschaften im Städtle he­rausgefunden. „Der Ochsen war eine große, bedeutende Wirtschaft vor der Stadtmauer, mit eigener Brauerei und Bierkeller am Schmalzlesrain“, sagt Wilhelm Braun. „Es war früher wichtig, außerhalb der Mauern eine Gaststätte zu haben, wo Reisende einkehren konnten, wenn die Stadttore schon geschlossen waren.“

Der erste Wirt, der in den Archiven auftaucht, ist Andreas Fezer. Ihn nennt Martin Mun­dorff in einem Aufsatz im Heimatbuch „Weilheim - Geschichte der Stadt an der Limburg“ als Betreiber im Jahr 1756. „Der letzte Wirt war ab 1919 Georg Sigel“, sagt Wilhelm Braun. Georg Sigels Vorgänger Ernst Friedrich Sigel und Wilhelm Sigel betrieben neben der Gastwirtschaft noch eine Bierbrauerei. Martin Mun­dorff schreibt: „Wilhelm Sigel versuchte darüber hinaus mit der Einrichtung einer heizbaren Kegelbahn den Umsatz seines Gaststättenbetriebs zu steigern.“ Wilhelm Sigel war zwischen 1886 und 1919 Wirt des Ochsen.

Das Bier, das die Ochsenwirte brauten, bewahrten sie in einem Lagerkeller am Schmalzlesrain auf dem Egelsberg auf. Bei einer reinen Lagerstätte blieb es aber nicht. Der Ochsenwirt Wilhelm Sigel beantragte um das Jahr 1904, am Bierkeller auch ausschenken zu dürfen. Davon würden vor allem von März bis November die Feldarbeiter profitieren, führte er an. Sie konnten bei Hitze ihr Bier nicht mit aufs Feld nehmen, weil es bei hohen Temperaturen ungenießbar wurde.

Zunächst gab es damals wohl auf der örtlichen Verwaltungsebene Einsprüche gegen das Vorhaben, wie in Martin Mundorffs Aufsatz zu lesen ist. Die Donaukreisregierung als übergeordnete Behörde erteilte dann aber doch noch die Ausschankerlaubnis. Ihre Begründung: „Neben der Nützlichkeit für die Feldarbeiter wird vom Weilheimer Stadtschultheißenamt hervorgehoben, dass der Bierkeller wegen seiner Lage, insbesondere der sich dort bietenden schönen Aussicht auf die Alb, einen beliebten Ausflugsort bieten würde.“

Später war sogar in der Diskussion, den Gaststättenbetrieb des Bierkellers auszudehnen. Insbesondere vom nahegelegenen Sportplatz, wo der Fußballclub trainierte, kam Zulauf.

„Mit dem Verschwinden des Ochsen verlor der Bierkeller dann seine Bedeutung und wurde schließlich aufgegeben“, berichtet Wilhelm Braun. Das Grundstück, auf dem sich der Lagerkeller befand, wurde verkauft. „Erst gründete die Familie Weiß dort eine Früchteverwertungsfirma, danach übernahm die WLZ das Gelände und baute eine große Geflügelschlachterei auf“, so Braun. Heute befindet sich ein Wohngebiet auf der Fläche. „Aber alte Weilheimer sagen dazu bis heute noch ,auf dem Bierkeller‘“, weiß Wilhelm Braun.