Weilheim und Umgebung

Sich einfach mal gehen lassen

Abenteuer Hansjörg Richter und sein 14-jähriger Sohn Norman aus Bissingen wanderten im Sommer von Bad Mergentheim bis vor die heimische Haustüre. Dabei legten sie 154 Kilometer zurück. Von Heike Siegemund

Über Stock und Stein: Nicht immer führte die 154 Kilometer lange Route von Hansjörg und Norman Richter über einen geschotterten
Über Stock und Stein: Nicht immer führte die 154 Kilometer lange Route von Hansjörg und Norman Richter über einen geschotterten Wanderweg. Foto: pr

Die Haustür schließen und im Urlaub ankommen - ohne erst mehrere Stunden mit dem Auto fahren zu müssen: Das erlebte Hansjörg Richter aus Bissingen vor zwei Jahren, als er mit seiner Frau nach Meersburg am Bodensee gewandert war. Von zu Hause aus, wohlgemerkt. Das Wandern hat Hansjörg Richter so viel Spaß gemacht, dass er kurze Zeit später mit seinem Sohn Norman von Memmingen nach Bissingen gelaufen ist.

Auch heuer wollte der 55-Jährige unbedingt wieder per pedes unterwegs sein, und so entstand die Idee, im Sommer zusammen mit dem 14 Jahre alten Sohnemann erneut auf Tour zu gehen. Ausgangspunkt war diesmal Bad Mergentheim, wo zunächst ein Besuch des dortigen Wildtierparks anstand. Dann ging es los: Ausgestattet mit Rucksäcken und Teleskopstöcken begaben sich Vater und Sohn auf eine einwöchige Abenteuerreise mit vielen unvergesslichen Erlebnissen. Insgesamt 154 Kilometer legten die beiden auf acht Etappen zurück und überwanden dabei 3 000 Höhenmeter. Ihre Stationen waren Stuppach, Öhringen, Wüstenrot, Backnang, Winterbach, Reichenbach und schließlich Bissingen. Übernachtet haben die Wanderer in Gasthöfen, aber auch bei Privatleuten. Die Unterkünfte hatten sie schon vor ihrer Tour gebucht. „Einmal haben wir in einem Atelier auf Feldbetten geschlafen, ein anderes Mal in einem früheren Kinderzimmer. Und einmal hatten wir sogar eine ganze Einliegerwohnung für uns“, erzählt der Bissinger.

Nur eineinhalb Liter Wasser

Mit dem Routenplaner waren sie via Smartphone stets auf dem richtigen Weg unterwegs, möglichst außerhalb von Ortschaften durch Wald und Flur. Auch das mit der Internetverbindung war so eine Sache: Mancherorts gab es schlichtweg kein Netz. Eine große Herausforderung war in den ersten vier Tagen vor allem die enorme Hitze: „Bei 36 Grad haben wir uns über jeden Meter im Schatten gefreut.“ Das Fatale: Hansjörg und Norman Richter hatten pro Tag nur eineinhalb Liter Wasser dabei - und das zu zweit. „Wir haben Äpfel gegessen, die auf dem Boden lagen, und sind so über die Runden gekommen.“ Kaufen konnten sie nichts, denn die Türen der Geschäfte waren aufgrund der Ferienzeit meist verschlossen. Was das Wetter anging, erlebten die Wanderer nicht nur Sonne und Hitze, sondern auch Starkregen, Niesel, Wind und Gewitter. „Da war alles dabei. Aber auch bei Regen sind wir weitergegangen. Wir hatten ja Regenjacken dabei.“

Das Schöne am Wandern zu zweit sei, dass man stundenlang nebeneinander her gehen und sich über alles Mögliche unterhalten könne - oder eben auch nicht. „Es kann auch vorkommen, dass man 100 Meter voneinander entfernt läuft und jeder sein Ding durchzieht.“ Norman wollte zum Beispiel ab und zu in aller Ruhe übers Handy Musik hören. Ein anderes Mal hatte er Lust, sich mit seinem Vater über Politik zu unterhalten. „Er hatte Fragen gestellt und plötzlich war die Anstrengung weg“, erzählt Hansjörg Richter. Apropos: „Der erste Tag ist einfach nur anstrengend. Am zweiten tut einem alles weh, doch am dritten ist der Muskelkater am schlimmsten. Ab dem vierten Tag geht es, da hat man sich eingelaufen“, sagt der Bissinger schmunzelnd. Er geht auf jeden Fall wieder auf Tour. Spätestens in viereinhalb Jahren, wenn er den Jakobsweg in Angriff nehmen will. Denn für ihn ist es das Schönste, „sich im wahrsten Wortsinn gehen zu lassen“.

Info: Nur das Nötigste hatten Hansjörg Richter und sein Sohn Norman bei ihrer Wanderung in ihren Rucksäcken dabei: Ersatzkleidung, Regenjacken, Hausschuhe für die Abende, Waschutensilien, ein Erste-Hilfe-Set, Spiel-Karten, Handys, eine Kleinigkeit zu essen und Wasserflaschen. Die beiden führten in diesen Tagen ein recht spartanisches Leben und verzichteten auf so manches. „Wir haben unsere Gedanken schweifen lassen. Da kommt man extrem runter“, betont Hansjörg Richter. Er freut sich besonders darüber, dass sein 14-jähriger Sohn überhaupt nicht gequengelt und gut mitgezogen hat. Als Vorbereitung sind die beiden drei Wochen vor der großen Tour von Bissingen aus zur Ziegelhütte gewandert. Eine Woche später folgte eine Wanderung zum Deutschen Haus. Die Tour sorgfältig planen sollten alle, die sich auf ein solches Erlebnis einlassen wollen, empfiehlt Hansjörg Richter. Außerdem sollte man genug zu trinken und Wanderstöcke mitnehmen.hei

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