Weilheim und Umgebung

Sie ist mittendrin statt nur dabei

Fitness Die 81-jährige Tanztrainerin Sigrid Delles und ihre Jazztanz-Gruppe aus Zell lassen es krachen. Trotz ihrer Kniebeschwerden schwingt die rüstige Seniorin einmal in der Woche das Zepter. Von Sabine Ackermann

Sigrid Delles ist nicht nur für die Choreografie zuständig, sie näht auch sämtliche Kostüme selbst.Foto: Sabine Ackermann
Sigrid Delles ist nicht nur für die Choreografie zuständig, sie näht auch sämtliche Kostüme selbst.Foto: Sabine Ackermann

Zell. Passt der Einsatz, sitzen die Figuren, sind sie auch synchron? Man sieht Sigrid Delles nicht an, was ihr durch den Kopf geht. Mit unbeweglicher Mimik verfolgt die Trainerin konzentriert jeden Schritt ihrer „Mädels“, die wie immer in der Probe für einen bevorstehenden Auftritt alles geben. Heute heißt es umdenken - zu den James-Bond-Klassikern „Skyfall“ und „Golden Eye“ tanzen nur neun statt zehn Frauen. Verletzungsbedingt fällt ein Mitglied aus, dennoch ist sie da - auch dieser Akt symbolisiert das tolle Gemeinschaftsgefühl.

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Spaß, Fitness, Koordination sowie das Einfühlen und die Interpretation verschiedener Musikstile - darum geht es in der Abteilung Jazzgymnastik des Turn- und Gesangvereins Zell. Einzige Voraussetzung: ein paar funktionstüchtiger Füße und Freude am Tanzen. Wie fast an jedem Freitagabend sind alle zehn Frauen da, die zusammen 154 Jahre Tanzerfahrung mitbringen. Die Musik vibriert, mit jedem Ton werden die Tänzerinnen lockerer und sicherer. Sitzen, liegen, drehen, die Arme umfassen, die Knie eng beieinander. Sieht gut aus, hat fast etwas Theatralisches.

Blickkontakt zu Sigrid Delles? Wenn, dann heimlich aus den Augenwinkeln. In der Endphase verfolgen sie ihre Choreografie auf der großen Spiegelwand, korrigieren Ausdruck sowie Körperhaltung. Nur noch Kleinigkeiten, die man verbessern kann. Die Trainerin, die das Ganze sitzend auf dem Stuhl verfolgt, scheint zufrieden zu sein - sie lächelt.

Angefangen beim TSG Zell hat Sigrid Delles 1980 als Chormitglied und wurde damals, „weil Not am Mann war“, auch für den Kinderturnbereich angefragt, erzählt die 81-Jährige. Und da sie auch in puncto Sport alles richtig angehen wollte, besuchte sie immer wieder Lehrgänge beim Turngau Staufen oder der Volkshochschule. Trotz ihrer Knieprobleme, die sie seit ihrem 17. Lebensjahr plagen, trainierte sie in ihren besten Zeiten zehn Stunden die Woche ehrenamtlich Kinder und Jugendliche. Im Oktober 1989 kam sie als Trainerin zur Jazz-Gymnastik und begeisterte von Beginn an nach dem Motto „attraktiv, kreativ, innovativ“ mit ihren Choreografien. „Ich höre mir die Lieder vorher an und versuche dann, mich in die Musik reinzuversetzen“, verrät die Seniorin das Geheimnis ihrer ausgefeilten Bewegungsabläufe. Einen Haken habe die Sache allerdings: „Die guten Stücke habe ich alle schon verbraten“, scherzt Sigrid Delles mit einem Augenzwinkern.

Und weil zu einer ansprechenden Choreografie kreative Kostüme gehören, entwirft und näht das Multitalent seit Beginn diese am liebsten selbst. Ob grüne Gymnastikanzüge, aufgewertet mit gemusterten Röcken und Krägen, sowie Blütenkronen zum Tanz „One Night in Bangkok“, weiß-goldene Rokoko-Kostüme zu Falcos „Rock me Amadeus“ oder Anzüge in verruchtem Schwarz, aufgepeppt mit roter Weste, Zylinder und Fliege zu „Cabaret“: Die Auswahl an Kostümen und Accessoires ist so vielfältig wie in einem Theater.

Bis dato fast 30 Aufführungen sorgten seit 1990 unter der Regie von Sigrid Delles für „Aha-Momente“. Da sind die Auftritte beim Seniorennachmittag noch nicht mal mitgerechnet.

„Tanzen war mein Leben“, betont die Witwe, die jedoch aus gesundheitlichen Gründen dieser Leidenschaft schon lange nicht mehr nachkommen kann. Trotzdem lässt es sich die 81-Jährige nicht nehmen, neben einer Kinderturngruppe auch ihre Jazz-Frauen einmal pro Woche zu trainieren. Anfangs musste die Jazz-Gruppe ihre Trainerin siezen, und diese sprach ihre Tänzerinnen mit „Sie“ und dem jeweiligen Vornamen an, verraten die Frauen. Darüber hinaus habe es Tage gegeben, da durfte man nebenher nicht mal schwätzen, berichten einige der Damen mit einem Grinsen.

Dennoch schätzen alle, trotz Sigrid Delles Streben nach Perfektion, dass sie für alles offen ist und sich mitunter schon mal zu einer kecken Einlage in ihrer Choreografie umstimmen lässt.

„Wir sind ein eingeschworenes Team, bei uns läuft alles harmonisch ab“, bestätigen die Tänzerinnen einhellig. Sie müssen es wissen - die meisten von ihnen sind nämlich schon seit Jahrzehnten dabei.