Weilheim und Umgebung

Von Weilheim bis zum Mond

Geschichte Wenn die neue Schulturnhalle kommt, muss das Haus in der Lindachstraße 3 weichen. Dort lebte einst Philippine Bäurle, bekannt als die „Somnambüle“. Von Bianca Lütz-Holoch

Bevor das Haus in der Lindachstraße 3 abgerissen wird, will Stadtführer Wilhelm Braun seine umstrittene Bewohnerin noch einmal w
Bevor das Haus in der Lindachstraße 3 abgerissen wird, will Stadtführer Wilhelm Braun seine umstrittene Bewohnerin noch einmal würdigen. Foto: Carsten Riedl

Es beginnt im Januar 1832. Die 16 Jahre alte Philippine Bäurle klagt zunächst über Müdigkeit und Schwäche. Dann fällt das Mädchen, das gemeinsam mit seinen Eltern in der heutigen Lindachstraße 3 in Weilheim wohnt, immer öfter in einen schlafähnlichen Zustand, aus dem es niemand wecken kann. Die Ärzte diagnostizieren „Somnambulismus“, also Schlafwandeln. Während der Anfälle reist Philippine Demuth Bäurles Geist - so jedenfalls schildert es ein anonymer Verfasser in dem Buch „Reisen in den Mond, in mehrere Sterne und in die Sonne. Geschichte einer Somnambüle“ - zu unbekannten Planeten und Sternen, in paradiesische und höllische Sphären. Insgesamt 60 solcher „Reisen“ soll die streng gläubige Philippine Bäurle unternommen haben.

Wie viel sich von dem, was das Buch beschreibt, tatsächlich ereignet hat, ist fraglich. „Das ist ein schwieriges Thema“, sagt Weilheims Stadtführer Wilhelm Braun. Nur ab und zu geht er in seinen Führungen auf „die Somnambüle“ ein. Festgestellt hat er dabei: „Vielen Menschen in Weilheim ist sie nicht bekannt.“ Jetzt allerdings, so findet er, ist es an der Zeit, die nicht unumstrittene Weilheimerin noch einmal zu würdigen. Denn das baufällige Gebäude in der Lindachstraße 3, in dem Philippine Bäurle einst lebte und von Visionen heimgesucht wurde, steht nicht mehr allzu lange.

„Es wird abgerissen, wenn die neue Schulturnhalle kommt“, sagt Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle. Das könnte durchaus schon im Jahr 2021 sein. Seit einigen Jahren gehört das einst denkmalgeschützte Haus in der Lindachstraße, das zwischen 1610 und 1619 erbaut wurde, der Stadt Weilheim. „Der Denkmalschutz ist aber aufgehoben worden“, so Züfle. Der vorige Besitzer habe an dem Gebäude, dessen Haustür aus dem späten 19. Jahrhundert als eine der schönsten in Weilheim gilt, umfangreiche Änderungen vorgenommen.

Das Buch reisen in den Mond. Foto: Carsten Riedl
Das Buch reisen in den Mond. Foto: Carsten Riedl

Von Oktober 1832 bis Januar 1833 jedenfalls rückt das Haus in der Lindachstraße in den Blick der Öffentlichkeit. Denn während ihrer „Reisen“, so steht es in dem Buch, nimmt Philippine Bäurle auch Kontakt zu Verstorbenen auf und kann Heilmittel gegen Krankheiten nennen. Philippine Bäurles Eltern rufen Ärzte, Theologen und Gelehrte zurate. Manchmal versammeln sie sich alle um ihr Bett, wenn sie in den Somnambulismus verfällt, sprechen mit ihr, und stellen Fragen. Immer präsent ist Philippine Bäurles extreme Religiosität. Hat sie keine Visionen, widmet sie sich exzessiv dem Beten, der Bibel und anderen geistlichen Schriften. „Weltliche Vergnügen“ wie etwa Tanzen und Feste lehnt sie ab.

Prälat Paul Dieterich, der in Weilheim wohnt, hat das Buch über die Somnambüle nicht nur gelesen, sondern auch einen 46-seitigen „Versuch, sie zu verstehen“ unternommen. „Ich sehe die Somnambüle sehr kritisch, halte sie aber auch für sehr interessant“, sagt er. Sie sei eine im positiven Sinne fromme Frau gewesen. „Ihre Offenbarungen jedoch sind mir sehr verdächtig.“ Aufgefallen ist ihm, dass das Bild Phi­lippine Bäurles vom Jenseits stark demjenigen ähnelt, das der Dichter Dante Alighieri in seiner „Göttlichen Komödie“, der Comedia Divina, zeichnet. „Es ist grauenhaft, wie Philippine Bäurle die Hölle schildert“, so Dieterich. Auch sonst scheint sich all das, was die junge Weilheimerin an Literatur gelesen hat, in den Beschreibungen ihrer Reisen zu spiegeln. Es kommen die pietistischen Autoren Johann Arndt und Jung-Stilling vor, der schwäbische Theologe Albrecht Bengel, aber auch Martin Luther und Sokrates. Ihre Frömmigkeit, das Verurteilen aller weltlichen Betätigungen und ihre Einseitigkeit beunruhigen Dieterich: „Es gibt auch ein Allzuviel an Richtigem, das auf die Dauer nicht wahrer wird, wenn es fast alles andere erdrückt.“

Umso mehr erstaunt es ihn, dass Philippine Bäurle offenbar irgendwann doch noch einen moderateren Weg eingeschlagen hat. Laut dem Buch endeten ihre somnambülen Zustände Anfang 1833, nachdem sie die Heilmittel, die ihr in ihren eigenen Visionen erschienen waren, eingenommen hatte. „Später soll sie dann geheiratet und zwei Kinder gehabt haben“, so Dieterich.

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Der Name Philippine Bäurle ist nicht unbekannt. Er wird in Veröffentlichungen über Grenzwissenschaften, Okkultismus und Parapsychologie genannt. Auch in Literatur über den „thierischen Magnetismus“, einer einstigen Heilmethode, sowie über Somnambulismus taucht er auf.

Das Buch „Reisen in den Mond, in mehrere Sterne und in die Sonne. Geschichte einer Somnambüle“ ist im Jahr 1924 im Verlag Josef Schmid in Esslingen erschienen. Neu kaufen kann man es nicht mehr. Es gibt aber noch Exemplare, die über Antiquariate erhältlich sind.

Die Theaterspinnerei Frickenhausen hat der hellsehenden Weilheimerin schon ein eigenes Theaterstück gewidmet. „Professor Leid und die Somnambüle“ hieß das mulitimedial inszenierte Stück mit Spaziergang, das im Jahr 2011 in der Weilheimer Schlossscheuer aufgeführt wurde.bil

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