Zwischen Neckar und Alb

Baumschnitt im Ballungsraum

Obsteinlagerungsverein erhält als erster Förderung vom Land – 120 Anträge im Kreis Esslingen

Der Landkreis Esslingen ist an der Spitze: In keinem anderen Landkreis wurden mehr Anträge für die neue Landesförderung „Baumschnitt Streuobst“ gestellt. Unterensingen war dabei besonders schnell und bekam deshalb den Bewilligungsbescheid über 4 170 Euro vom grünen Minister für Ländlichen Raum, Alexander Bonde, persönlich überreicht.

Albrecht Schützinger, Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landratsamt Esslingen, erklärt Minister Bonde (links) Grundlagen un
Albrecht Schützinger, Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landratsamt Esslingen, erklärt Minister Bonde (links) Grundlagen und Methoden des Baumschnitts. Der vor über 60 Jahren in Handarbeit errichtete Obstlagerkeller in Unterensingen sorgt das ganze Jahr über ohne Energieverbrauch für konstante Lagerbedingungen.Fotos: Peter Dietrich

Unterensingen. Worüber lässt sich besonders heftig streiten? Unter anderem über Politik, Religion und Baumschnitt. Auch die Bäume bei Unterensingen, unter denen Minister Bonde den Bescheid übergab, waren nach verschiedenen Methoden geschnitten – es gibt nicht nur die einzig richtige, nicht nur den Alt-Württemberger Schnitt oder den aus der Schweiz stammenden Oeschbergschnitt. Schlechter als jeder Schnitt: Direkt daneben war auf den Kurzwiesenäckern die nächste Baumreihe seit vielen Jahren gar nicht mehr gepflegt, der Unterschied war auch für den Laien sofort zu erkennen.

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Um Besitzer von Streuobstwiesen zur Pflege zu ermuntern, gibt es im neuen Programm eine Förderung von 15 Euro für jeden fachgerechten Schnitt, pro Baum maximal zwei Mal in fünf Jahren. Das soll keine üppige Entlohnung sein, sind doch bei einem Baumschnitt schnell zwei Stunden vorbei, bei einem seit lange ungepflegten Baum noch mehr. Aber es ist eine Anerkennung für die Pflege dessen, was Bonde als „fantastische Kulturlandschaft“ beschrieb. „Mehr als 5 000 Lebewesen brauchen diesen Lebensraum“, betonte Alexander Bonde.

Braucht man das? So fragten viele Kritiker, als es um das neue Förderprogramm ging, für das in der Schnittsaison 2015/16 als Prämie 2,7 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Dann kam die große Resonanz: Vereine und Kommunen, Mostereien und Streuobstinitiativen und Privatleute aus ganz Baden-Württemberg haben rund 1 100 Sammelanträge gestellt und pflegen in den nächsten fünf Jahren 400 000 Streuobstbäume. Sammelanträge waren verpflichtend, denn es musste ein Schnittkonzept für mindestens 100 Bäume vorgelegt werden.

Im Obsteinlagerungsverein Unterensingen machen 16 der 40 Vereinsmitglieder mit und schneiden rund 750 Bäume. Den Förderantrag hat Rainer Feldmeier im Vorjahr gestellt, nach erfolgtem Schnitt wird die Summe nun ausbezahlt und Feldmeier kann die 4 170 Euro an die 16 Beteiligten verteilen. „Wir nehmen das Geld nicht als Lohn, sondern als Anreiz, die Streuobstwiese als Gut für die Zukunft zu erhalten“, sagte er. Leider sei es schwierig, jugendlichen Nachwuchs zu finden. Man könne einen Baum eben nicht mit dem Computer oder Smartphone schneiden.

Von den landesweit 1 100 Anträgen stammen – trotz Ballungsraum – 120 aus dem Landkreis Esslingen, an zweiter Stelle folgt mit 103 Anträgen der Main-Tauber-Kreis. An der Aktion kräftig „gekurbelt“ hat auch Corina Schweikart, Streuobstberaterin beim Landkreis Esslingen. Ihr Landratsamtskollege Albrecht Schützinger, Fachberater für Obst- und Gartenbau, erläuterte Minister Bonde Details zum Baumschnitt und dessen verschiedenen Methoden.

Sie sind im Fluss, entwickeln sich weiter. Entspräche das, was der 2004 verstorbene Pomologe Helmut Palmer in seinen in der Region legendären Schnittkursen vermittelte, noch heute dem aktuellen Stand? Nein, da gebe es Abweichungen, sagten Fachleute des Obsteinlagerungsvereins Unterensingen.

Dieser Verein kann nicht nur fachgerecht Bäume schneiden, sondern auch professionell Obst einlagern. Noch heute ist der in den Jahren 1951/52 in Handarbeit mit Naturmaterial gebaute Obstlagerkeller in Betrieb. Er sorgt das ganze Jahr über für konstante Lagerbedingungen. Dies tut er ganz ohne Energieverbrauch.

Der Obstlagerkeller in Unterensingen, in den Jahren 1951/52 in Handarbeit und mit Hilfe von Pferdefuhrwerken erbaut und bis heut
Der Obstlagerkeller in Unterensingen, in den Jahren 1951/52 in Handarbeit und mit Hilfe von Pferdefuhrwerken erbaut und bis heute in Betrieb