Zwischen Neckar und Alb

Daimler-Boss Zetsche setzt den Modetrend

Dresscode Die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen lockert ihre Kleiderordnung, man(n) darf auch mal die Krawatte weglassen. Chic soll es trotzdem sein. Von Thomas Zapp

KSK Neuer Dresscode Foto Atelier Ebinger Nürtingen
Stephan Sandler arbeitet im „Haus des Kunden“ der Kreissparkasse in der Esslinger Innenstadt. Die neue Freiheit bei der Wahl des Looks gefällt ihm sehr. Foto: Ebinger Fotografie

Wenn der Boss des schwäbischen Autobauers Daimler Benz bei offiziellen Anlässen darauf verzichtet, kann es eine Sparkasse wohl auch. Die Krawatte ist als modisches Accessoire für Geschäftstreffen nicht mehr unumstößlich gesetzt. Auch die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen bringt in den modischen Auftritt ihrer Mitarbeiter eine neue Lässigkeit. „Uns ist es wichtig, dass wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit geben, auf unterschiedliche Situationen mit der entsprechenden Kleidung reagieren zu können“, sagt Burkhard Wittmacher, Vorstandvorsitzender der Kreissparkasse. Das heißt auch, dass die Krawatte keineswegs bei der Sparkasse ausgedient hat, nur zwingend ist sie nicht mehr, außer bei offiziellen Anlässen.

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Ebenso gilt für die weibliche Belegschaft nach wie vor: Das Kostüm mit Bluse ist nie die falsche Wahl. Es darf künftig aber auch lässiger kombiniert werden, etwa ein orangener Pulli zum grauen Rock und Schnürstiefeln. Weder Stiefel noch Sneakers sind tabu, sofern es stilvoll bleibt.

Freilich sind nicht alle der 1 300 Sparkassenmitarbeiter im Landkreis betroffen: Wer in der Kantine arbeitet, als Hausmeister oder im Eventbereich, hat andere Anforderungen an seine Kleidung und darf das gewohnte Outfit weitertragen. Das bedeutet aber nicht, dass es in der Sparkasse gar keine Kleiderordnung mehr gibt.

In der neuen Broschüre mit dem einprägsamen Titel „Eine Frage des Stils“ sind auch einige „No-Gos“ aufgeführt: Offene Schuhe wie Flip-Flops, Hemden mit abgetragenen Kragen, tiefe Ausschnitte bei den Damen, dicke Norweger- oder Fleecepullis oder Baseball-Caps sind ebenso wenig erwünscht wie Shirts mit Spaghettiträgern oder löchrige Jeans. Auch gibt es den Tipp, Piercings oder Tattoos dezent zu verbergen. Das Mitarbeiter-Model dieser Seite ist dort mit armfreier Jeansweste und Hut zu sehen, auf den Armen sind großflächige Tätowierungen zu sehen: Für einen Straßenkünstler wäre es der perfekte Auftritt, hinter dem Kundentresen ist es dann doch mehr als gewöhnungsbedürftig.

Die neue Kleider-Freiheit macht es aber gerade für die Männer nicht unbedingt einfacher, sich morgens richtig zu kleiden. Manch ein Sparkassenmitarbeiter soll die Kombinationen aus Anzug, Hemd und Krawatte schon vorbereitet im Schrank hängen haben. Nun gebietet die neue Flexibilität, beim Gespräch mit dem jungen Start-up-Unternehmer die Krawatte mal zu Hause zu lassen. Dann wird es für einige knifflig.

Das wissen die Verantwortlichen bei der Kreissparkasse und überlassen nichts dem Zufall. Zum einen stellen sie ihren Mitarbeitern die 32-seitige Broschüre als Orientierungshilfe zur Verfügung („Kommen Sie jeden Tag mit Stil zur Arbeit!“). Wem das immer noch nicht ausreicht, der darf die Stilberaterin konsultieren, die in die Filialen kommt und anhand von Fotos oder mitgebrachten Kleidungsstücken Tipps für den perfekten Look gibt. Chic und lässig kann man lernen. Nicht nur das: Für 30 Bekleidungsgeschäfte im Landkreis bekommen die Sparkassenmitarbeiter Einkaufsgutscheine, um sich stilvoll, leger und modern einkleiden zu können.

Anekdote aus Hamburg

Dass die Kunden sich an fehlenden Krawatten stören könnten, glaubt der Vorstandsvorsitzende Burkhard Wittmacher indes nicht. Dafür gebe es schon genügend Gegenbeispiele, etwa von der Hamburger Sparkasse. „Dort erzählte ein Kollege, dass ein Termin bei einer alteingesessenen Unternehmerfamilie anstand. Im Haus hieß es: Auf jeden Fall mit Krawatte“, erzählt Wittmacher. Der Besuch bei der Familie lief überraschend - nicht nur der Juniorchef begrüßte den Mann von der Sparkasse „oben ohne“. Auch der über 80-jährige Seniorchef hatte keine Krawatte angezogen. „Ich hatte gelesen, Sie hätten das abgeschafft und mich daran gehalten“, habe der Senior dem verdutzten Sparkassenmitarbeiter gesagt.

Ob das mit den Kunden im Landkreis Esslingen ebenso funktioniert, wird die Praxis zeigen, und da überlässt man nichts dem Zufall. „In sechs bis acht Wochen werden wir unsere Kunden befragen, wie sie die neue Kleidung der Mitarbeiter finden“, sagt Burkhard Wittmacher. Aber bei dem populären Vorbild dürften die Erfolgsaussichten beim Kunden gar nicht so schlecht sein.