Zwischen Neckar und Alb

Ein Debakel mit Konsequenzen

Die Stadt Esslingen trennt sich von ihrem Wirtschaftsförderer Martin Kuchler

Martin Kuchler hat als Wirtschaftsförderer im Esslinger Rathaus nur ein kurzes Gastspiel gegeben. Oberbürgermeister Jürgen Zieger informierte ihn in dieser Woche, dass das Arbeitsverhältnis innerhalb der Probezeit zum 31. März beendet wird. Er stellte den Referatsleiter sofort von seinen Aufgaben frei. Begründet wird die Trennung mit Kuchlers Auftritt im Verwaltungsausschuss, der einem Debakel gleichkam.

Freie Gewerbeflächen sind Mangelware auf der Esslinger Karte. Martin Kuchler muss sich darüber keine Sorgen mehr machen. Archiv-
Freie Gewerbeflächen sind Mangelware auf der Esslinger Karte. Martin Kuchler muss sich darüber keine Sorgen mehr machen. Archiv-Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen. Für viele Beobachter ist die Entwicklung im Referat für Wirtschaft nicht ganz überraschend. Schon in den vergangenen Monaten hätten die Zweifel zugenommen, dass Kuchler der richtige Mann für diese wichtige Aufgabe ist, sagen sie. Ihm werde Fleiß und Erfahrung in der Welt der Wirtschaft bescheinigt. Es fehle aber die Fähigkeit, die He­rausforderungen konstruktiv anzugehen. Der Auftritt vor dem Verwaltungsausschuss war demnach für den Wirtschaftsförderer eine „faire Chance“, sich freizuschwimmen. Statt sie zu nutzen, verspielte er aber auch den letzten Kredit. Alle Redner erhoben den Vorwurf, das Konzept bestehe nur aus Allgemeinplätzen. Ansätze, wie die hohen Ansprüche umzusetzen sind, wurden gänzlich vermisst. Mit Kuchler selbst gingen die Stadträte zunächst noch auffällig schonend um. Deutlich wurde nur Andreas Koch (SPD), als er sagte, ihm fehle das Vertrauen, dass die Wirtschaftspolitik in guten Händen sei.

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Koch hat seine Kritik inzwischen nicht nur wiederholt, sondern auch präzisiert. „Nach dieser Präsentation kann man sich einfach nicht vorstellen, dass Martin Kuchler den Vertretern der Esslinger Wirtschaft auf Augenhöhe zu begegnen vermag. Damit ist die Trennung unausweichlich.“ Auch andere Stadträte gaben nun ihre anfängliche Zurückhaltung auf. Jörn Lingnau von der CDU spricht für viele, wenn er die von Sprunghaftigkeit und Unsicherheit geprägte Präsentation als Debakel bezeichnet.

Carmen Tittel von den Grünen hat den Termin dagegen anders erlebt. Sie wirft Zieger vor, nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen zu haben. „Die Fürsorgepflicht für Herrn Kuchler hätte es geboten, dass der OB ihm diesen Auftritt erspart“, sagt sie. Nachdem es schon im Vorfeld nachvollziehbare Gründe gegeben habe, an der Qualifikation des Wirtschaftsförderers zu zweifeln, hätte man das Arbeitsverhältnis ohne diese öffentliche Vorführung beenden müssen. Mit dieser Sichtweise steht Tittel allerdings allein da. „Ohne diese Sitzung hätte ich mir kein eigenes Urteil über diese Personalie bilden können“, sagt Koch.

Einigkeit herrscht darüber, dass der Blick nun rasch nach vorne gerichtet werden muss. „Wir brauchen einen Ansprechpartner für die Wirtschaft, der sich um die großen und kleinen Themen kümmert“, bekräftigt Carmen Tittel. Die Verwaltung kündigt an, sie werde umgehend Vorschläge unterbreiten, wie es mit der Wirtschaftsförderung weitergehen soll. In einem ersten Schritt hat Zieger schon einmal Frauke Hohl zur kommissarischen Leiterin des Referats bestimmt. Sie hat diese Aufgabe bereits im vergangenen Jahr wahrgenommen, nachdem Kuchlers Vorgänger, Stephan Reichstein, nach der Gründung einer eigenen Immobilienfirma die fristlose Kündigung erhalten hatte.

Erste Reaktionen lassen erwarten, dass Überlegungen der Verwaltungsspitze zu einer höheren Dotierung der Stelle mit Unterstützung rechnen können. Koch, Lingnau, Silberhorn-Hemminger und Tittel bereiten sich auf eine schwierige Suche nach einem Nachfolger vor. Kuchler hat rund 5 000 Euro im Monat verdient. Dass mit solchen Summen keine Spitzenkräfte zu locken sind, die Managern der großen Firmen selbstbewusst und kompetent begegnen, können sich viele Stadträte ausmalen.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Tage bleibt die Frage nach den Umständen, unter denen der Gemeinderat noch im Sommer mit breiter Mehrheit für Kuchler gestimmt hat. Rathaussprecher Roland Karpentier sagt, die Stadt habe externe Berater in die Auswahlverfahren eingeschaltet, um die 44 Bewerber unter die Lupe zu nehmen. Auch Annette Silberhorn-Hemminger bleibt dabei: „Aus damaliger Sicht hat es gute Gründe gegeben, sich für Kuchler zu entscheiden.“ Dass Bewerbung und Umsetzung weit auseinanderklaffen, habe man nicht erkennen können.

Im Rathaus dreht sich das Personalkarussell

Die Esslinger Verwaltung produziert seit Jahren mit überraschenden Personalwechseln immer wieder Schlagzeilen. Besorgte Bürger fürchten um das Erscheinungsbild der Stadt. Rathaussprecher Roland Karpentier spricht dagegen von einer hohen Trefferquote bei Personalentscheidungen. „Wir haben 24 Ämter und zehn Unternehmen, an denen wir beteiligt sind“, sagt er. Die Konflikte der jüngeren Vergangenheit seien kein Anlass, die Situation zu dramatisieren. Als Prob­lem nennt er die Tatsache, dass leitende Mitarbeiter in Städten wie Ostfildern, Kirchheim und Nürtingen genauso bezahlt werden wie ihre Esslinger Kollegen, die mehr Verantwortung zu tragen haben. Esslingen hat darauf zuletzt reagiert und mehrere Positionen besser dotiert. Wirtschaftsförderer Stephan Reichstein: Oberbürgermeister Zieger hat dem langjährigen Wirtschaftsförderer im Dezember 2014 fristlos gekündigt, nachdem dieser eine eigene Immobilienfirma gegründet hatte. Später einigten sich beide Parteien in einem außergerichtlichen Vergleich über die Details der Trennung. Kulturamtsleiterin Barbara Maria Schierl: Nach 100 Tagen hat Barbara Maria Schierl im Oktober 2012 ihre Arbeit als Kulturreferentin beendet. „Es passte nicht zusammen“, lautete damals die Sprachregelung im Rathaus. Schierl hatte die Position des erkrankten und später verstorbenen Peter Kastner übernommen. Kulturamtsleiterin Christine Mast: Im Oktober 2014 trennte sich die Stadt auch von Christine Mast, die Schierls Nachfolge angetreten hatte. Mast wurde beurlaubt, weil das Verhältnis zu den Mitarbeitern als zerrüttet galt. Hauptamtsleiter Stephan Baus: Dreieinhalb Monate hatte Baus das Haupt- und Personalamt geleitet, als er im November 2014 überraschend kündigte. Baus hatte als Hoffnungsträger in der Verwaltung gegolten. Ihn zog es zurück in die freie Wirtschaft. City-Managerin Manuela Deufel: Die frühere City-Managerin, die seit September 2013 für die Belange des Esslinger Einzelhandels zuständig war, kündigte im Sommer 2015. Auch sie zog es zurück in die Industrie. Finanzbürgermeister Bertram Schiebel: Der frühere Finanzbürgermeister hat 2014 am Ende seiner zweiten Amtszeit überraschend seinen Rückzug bekannt gegeben. Er hat mit 58  Jahren ein Studium der Geschichte begonnen. Schiebel hatte mit Kritik an der politischen Kultur die Spekulation über andere Motive genährt.do