Zwischen Neckar und Alb

Ein kauziges Schmuckstück macht Sinn

Natur Der Nabu Köngen-Wendlingen macht sich für den Steinkauz stark. Die Beringung der Vögel leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Von Daniela Haußmann

Der Steinkauz-Nachwuchs: gewogen, gemessen und beringt.Foto: Daniela Haußmann
Der Steinkauz-Nachwuchs: gewogen, gemessen und beringt.Foto: Daniela Haußmann

Da staunt der Steinkauz nicht schlecht, als sich urplötzlich die Türe zu seiner Kinderstube öffnet. Überraschend kleinlaut zieht sich das Federknäuel in die hinterste Ecke der Brutröhre zurück und harrt der Dinge, die da kommen. Als sich die Hand von Jens Polzien sanft um seinen Rumpf schließt, fiept der Winzling aber dann doch aus voller Kehle. Langsam, mit viel Fingerspitzengefühl, zieht der Mann vom Nabu Köngen-Wendlingen den Kauz aus der Röhre. Vorsichtig legt er das Tier in einen Sack, wo es mit seinen fünf Geschwistern eng zusammenrückt.

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Während Jens Polzien die Leiter hinabsteigt, warten unten schon Gerhard Deuschle und Dieter Schneider, die ebenfalls zur Artenschutzgruppe Steinkauz gehören. „Dann wollen wir die Käuze mal beringen“, lächelt Schneider. Worte, die Lina Koch aus Beuren zum Strahlen bringen. Ihre Eltern sind Steinkauz-Paten. Mit einem Jahresbeitrag von rund 30 Euro unterstützen sie die Arbeit der Artenschutzgruppe. Das findet die Sechsjährige toll: „Schließlich steht der Steinkauz auf der Roten Liste“. Damit sich die Bestände der Eulenart erholen können, werden mit dem Geld Brutröhren finanziert, die gegen Fressfeinde wie den Marder gesichert sind.

Neugierig beobachtet Lina wie Dieter Schneider eines der Tiere auf den Arm nimmt. Während er am Fuß des Kauzes mit einer Zange den Ring befestigt, streicht ihm das Mädchen vorsichtig über das Gefieder. „Der ist ganz weich“, stellt die Sechsjährige fest. „Eine Beringung tut“, laut Gerhard Deuschle, „nicht weh und leistet wertvolle Hilfe.“ Sie trägt dazu bei, die Bestandsentwicklung zu dokumentieren, den Erfolg von Schutzmaßnahmen zu bestimmen und Wanderbewegungen zu beobachten. Bestes Beispiel dafür ist ein Steinkauz aus Fulda. Den fanden Mitglieder der Artenschutzgruppe in einer Brutröhre bei Wendlingen. Dank der Ringnummer, über die das Tier bei einer Vogelwarte registriert war, ließ sich schnell seine Herkunft ermitteln.

„Und wir konnten den Naturschützern, die den Kauz beringt hatten, mitteilen, dass er nur abgewandert ist“, erzählt Gerhard Deuschle. Das alles liegt einige Jahre zurück. Doch bis zum heutigen Tag ist der Langstrecken-Flieger aus Fulda eine absolute Ausnahmeerscheinung, wandern sie normalerweise doch nur 30 bis 40 Kilometer. „Das zeigen zumindest die Daten“, sagt Deuschle. „Mit ihnen lässt sich in manchen Fällen die Todesursache ermitteln. Sie geben aber auch Auskunft über die Lebenserwartung der Tiere.“ Deshalb weiß der Naturschützer, dass die ältesten Käuze im Einzugsgebiet der Artenschutzgruppe rund zehn Jahre alt sind. Aktuell stehen aber die Jungen im Fokus. Die muss die Nabu-Gruppe beringen. Ab April beginnt die Brutzeit. Sie dauert 30 Tage. „Die ersten Tiere sind also schon geschlüpft. Die letzten erblicken bis spätestens Juli das Licht der Welt“, so Jens Polzien.

Wie bei allen Kindern, so suchen sich auch die Steinkauz-Jungen ihr eigenes Revier. „Dann erfahren wir, wie das Ansiedlungsmuster aussieht, ob es Bruterfolge gibt und ob sie ortstreu sind“, erläutert Polzien. „Das hilft, die Ausbreitung des Kauzes mit gezielten Maßnahmen zu unterstützen und nach Ursachen zu suchen, die beispielsweise zur Abwanderung führen.“ Somit sind die Daten auch ein Indikator für die Qualität von Biotopen, auf die der Steinkauz angewiesen ist.

Mit einem Lineal vermisst Dieter Schneider einen Flügel. Dabei würgt der Kauz ein Gewölle hoch. „Was ist das?“, fragt Lina überrascht. Als Schneider das Knäuel zerreibt, kommen Mäusezähne und Skelettteile zum Vorschein. „Vor allem Eulen- und Greifvögel speien unverdauliche Nahrungsreste aus“, klärt der Naturschützer auf. Der Experte erkennt sofort, dass die Jungen viele Mäuse vertilgt haben. In Zeiten mit wenig Mäusen legen die Muttertiere weniger Eier ab, weil es schwieriger ist, den Nachwuchs durchzufüttern. In solchen Perioden weicht der Kauz auf Insekten aus. Von denen gibt es allerdings auch immer weniger.

Nachdem die Käuze gewogen und vermessen sind, legt sie Jens Polzien in die Brutröhre zurück und hofft, dass alle sechs gesund und munter bleiben.

Der Steinkauz in Zahlen

Bundesweit gibt es rund 7 000 Steinkäuze. In Baden-Württemberg leben 700 bis 800 Stück, von denen 33 Brutpaare in Dettingen, Jesingen, Köngen, Nabern, Notzingen, Oberboihingen, Wendlingen und Lindorf zu Hause sind. 2017 brachten es die 33 Brutpaare auf 110 Eier aus denen 66 Jungtiere schlüpften. Die Nachwuchszahlen für 2018 werden noch erhoben. Dazu dient auch die Beringung der Vögel. Wer eine solche Aktion miterleben und mehr über die Tiere erfahren will, kann am 15. Juni an einer öffentlichen Beringung teilnehmen. Interessierte treffen sich um 18 Uhr am Köngener Friedhof. dh