Zwischen Neckar und Alb

Hunde helfen Menschen mit Demenz

Vierbeiner Ehrenamtliche besuchen mit ihren Hunden Senioren in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Weitere Mitstreiter werden gesucht. Von Sabine Försterling

Helga Maier (links) besucht mit ihren Hunden Senioren im Haus Melchior.Foto: Roberto Bulgrin
Helga Maier (links) besucht mit ihren Hunden Senioren im Haus Melchior.Foto: Roberto Bulgrin

Kater Simba räkelt sich an seinem angestammten Platz im Sessel am Eingang des Seniorendomizils Haus Melchior in der Schelztorstraße und beobachtet das Kommen und Gehen. Heute steht der regelmäßig stattfindende Besuch der ehrenamtlich Engagierten des Esslinger Tierschutzvereins auf dem Programm. Und die Bewohner warten bereits sehnsüchtig. Auch die beiden Mischlingshündinnen Sara und Nini freuen sich schwanzwedelnd und zwar auf die vielen Leckerli, die bei dem Rundgang durch das Domizil anschließend verteilt werden. Seit Februar vergangenen Jahres kommt mit den Vierbeinern und vielen Streicheleinheiten Nähe sowie Ansprache in den Alltag der oftmals an Demenz Erkrankten.

Und Erinnerungen werden wach. „Die Mischlingshündinnen haben es geschafft, bei einer zunächst sehr verschlossenen und zurückgezogenen Bewohnerin das Eis zu brechen“, erzählt Vera Hülsmann. Heute komme die Pflegebedürftige zum Kaffeetrinken in den Gruppenraum und nehme Nini sogar auf den Schoß. Die Einrichtungsleiterin war sofort Feuer und Flamme, als sie das Angebot des Tierschutzvereins, regelmäßige Besuche mit Hunden durchzuführen, erhielt. Usch Böhringer hatte nämlich damals alle Esslinger Alten- und Pflegeeinrichtungen angeschrieben. Über die therapeutische Wirkung von Tieren wusste die Sozialarbeiterin in Rente einiges und hatte sich dann auf die Suche nach geeigneten Hunden gemacht: Sich immer wieder geduldig von vielen Händen streicheln und nicht aus der Ruhe bringen lassen, Aufzug fahren können sowie keine Angst vor Rollatoren oder Rollstühlen haben, lauten einige der Kriterien.

Geknuddelt und gefüttert

Da kam dann Vereinskollegin Helga Maier ins Spiel: Und Sara und Nini haben sich als Glücksgriff entpuppt. Sara stammt aus Rumänien und hat ein steifes Hinterbein, weil sie als Welpe angefahren und liegen gelassen worden war. Nini hat sich sieben Jahre lang auf den Straßen Bulgariens durchgeschlagen. Beide treten nun in freudiger Erwartung ihren Gang durch die Pflegeeinrichtungen in Esslingen an. Im Haus Melchior war zunächst Kater Simba eingezogen. „Eine Mitarbeiterin hatte den kleinen Streuner aufgepäppelt und jetzt fährt die heute fünfjährige Samtpfote im Aufzug von Stockwerk zu Stockwerk, besucht die Bewohner in ihren Zimmern und schläft auch nachts in den Betten“, erzählt Vera Hülsmann. Die sehr aufgeschlossene Leiterin hatte nämlich in einer vorangegangenen Anstellung bereits gute Erfahrungen mit Tieren in Pflegeeinrichtungen gemacht. „Da ist ja mein Liebling“, begrüßt eine 87-Jährige Sara mit einem Beutel voller Leckerli in der Hand. „An Weihnachten und Ostern bekommen die beiden aber kein Trockenfutter, sondern Saitenwürstchen von mir“, sagt die Bewohnerin stolz und streichelt die Vierbeiner immer wieder.

Gefüttert und geknuddelt werden die Mischlingshündinnen bei dem Rundgang durch das Haus immer wieder. „Meine Großmutter im Riesengebirge hatte einen Schäferhund und der hat auf mich aufgepasst“, erinnert sich eine 98-Jährige, während sich Sara genüsslich am Bauch kraulen lässt. „Mein Hund hieß Alex“, ergänzt eine Tischnachbarin im Aufenthaltsraum der Wohngruppe. Auf dem Gang weicht eine andere Seniorin vor den schwanzwedelnden Fellnasen zunächst zurück. Bis Helga Maier sie daran erinnert, dass sie die zwei doch schon gestreichelt hätte. Und das Eis taut auf. Der Besuch endet auf der Terrasse, auf der bei dem schönen Wetter ebenfalls einige Bewohner sitzen, Kaffee trinken, Kuchen essen und Hunde streicheln. „Das bringt Abwechslung in den Alltag“, bemerkt eine Mitarbeiterin. Der Besuch der Hunde beim Sommerfest im vergangen Jahr sei das absolute Highlight gewesen. Doch überwiegend die Damenwelt hat Sara und Nini ins Herz geschlossen. „Die Herren, die sowieso in der Minderheit sind, trauen sich nicht“, meint die Einrichtungsleiterin. Und nach einer Stunde sind die Mischlingshündinnen laut Halterin ziemlich fertig und es sei dann auch genug. Doch die Freude bei den Heimbewohner zu sehen, das bringt Helga Maier sehr viel und da spiele es auch keine Rolle, so manche Geschichte zum „hunderttausendsten Mal“ zu hören. Zurzeit besuchen die Ehrenamtlichen des Tierschutzvereins regelmäßig vier Einrichtungen in Esslingen. „Wenn wir weitere Mitstreiter hätten, könnten es noch mehr werden“, sagt Usch Böhringer. Voraussetzung sind: einen geeigneten Hund und Freude im Umgang mit älteren, auch an Demenz erkrankten Menschen.

Interessierte mit einem Herz für Tiere und pflegebedürftige Senioren wenden sich bitte ans Tierheim, Telefon 07 11/31 17 33.

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