Zwischen Neckar und Alb

Manchmal bissig, aber immer charmant

Zehn Jahre „Rückenwind“ – Hoffen auf mehr Entlastung und Toiletten für alle

Egal, was das Vereinigte Königreich macht, für die Eltern vom Verein „Rückenwind“ bleibt es das Land ihrer Träume. Zumindest in einer Beziehung.

Nora Hoffmann entlüftet Anne, diese hat dafür einen kleinen Schlauch - dies tut sie auf einer mobilen Pflegeliege - eine Pflegel
Nora Hoffmann entlüftet Anne, diese hat dafür einen kleinen Schlauch - dies tut sie auf einer mobilen Pflegeliege - eine Pflegeliege wünscht sich der Verein an vielen Orten, in einer „Toilette für alle“, doch in Baden-Württemberg gibt es eine solche nur zwei Mal, in England dagegen mehr als 800 Mal.Foto: Peter Dietrich

Esslingen. Es steht 844 zu zwei, der Sieg geht über den Ärmelkanal. Infolge einer langjährigen Kampagne gibt es dort aktuell, die Republik Irland nicht mitgezählt, 844 „changing places“. Das sind Toiletten, die eine Pflegeliege haben und so groß sind, dass sie jeder benutzen kann. Baden-Württemberg bringt es bisher auf zwei solcher Toiletten, bundesweit sieht es kaum besser aus.

Anzeige

„Windelwechsel im Kofferraum ist würdelos“, sagte Ursula Hofmann. Sie ist die Vorsitzende des Vereins für Mütter – und Väter – von behinderten, pflege- und betreuungsintensiven Kindern. Der Verein wurde im August 2015 gegründet, doch die Vorgeschichte reicht ein Jahrzehnt zurück.

Mehr als 60 Familien sind Rückenwind verbunden, sie kommen bis aus Mutlangen und Waiblingen. Sie stellen oft fest, dass sie durch das soziale Raster fallen. Die Pflegestützpunkte, bedauerte Hofmann, richten sich nur an die ältere Generation. Für die Mütter fehle im Landkreis Esslingen solch ein Lotse, der umfassend und unabhängig von Kostenträgern berate. Viele Mütter pflegten auf Kosten der eigenen Gesundheit, mit der Folge von völliger Erschöpfung und Altersarmut. Hofmann dankte den Kreisrätinnen Solveig Hummel (SPD), Ursula Merkle (CDU) und Ursula Strauß (Grüne). Durch sie beschäftige sich der Kreistag intensiv mit den Themen Kurzzeitpflege, Schülerhort und Ferienbetreuung. „Die Kassen sind leer, das wissen wir alle, aber überlastete Familien kosten auf lange Sicht noch viel mehr. Ich hoffe, dass bis zur Sommerpause im Kreistag die wichtigsten Hürden für Entlastungsangebote genommen sind.“

Der Verein Rückenwind sei „manchmal bissig, immer charmant, mutig und selbstbewusst und voller Humor“, sagte Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg. Das Motto von Rückenwind sei „Hilf dir selbst, bevor es kein anderer tut“. Teilhabe brauche als Basis die Barrierefreiheit, bis hin zum Spielplatz. Auf der Landesgartenschau gebe es eine schöne Nestschaukel, aber rundherum Sand, so komme kein Rolli hin. Auch Pagel-Steidel ging auf das „Kloproblem“ ein: „Mit vollen Hosen und Windeln kannst du nicht teilhaben.“

Teilhaben mussten die Kinder an den Zaubertricks von Clown Kampino. Dessen Auftritt war zwar erstklassig, aber ohne die Hilfe von Elia schaffte es Kampino einfach nicht, ein buntes Tuch aus seiner Hand verschwinden zu lassen. Als Elia kräftig pustete, klappte es. Wie das Tuch wohl in die Hosentasche und dann in den Mund kam? Pure Zauberei.

Keine Zauberer, aber Experten für ihr Kind werden Eltern behinderter Kinder. „Das ist für viele junge Ärzte nicht zu begreifen“, sagte Professor Christian von Schnakenburg, Chefarzt am Klinikum für Kinder und Jugendliche in Esslingen. „Nur ernst genommene Eltern sichern den Therapieerfolg langfristig.“ Mit Freude habe er die Entwicklung von Rückenwind gesehen. Die rote Nase, die er von Clown Kampino bekam, fand Schnakenburg sehr nützlich: „Damit ich etwas Autorität ausstrahle!“ Beim Seiltrick mit vielen offenen Enden mahnte Kampino: „Passen Sie auf, Herr Professor, dass Ihnen das nicht bei der OP passiert.“ Dann verteilte er an die Frauen ganz viele Gutscheine, für Liebe und vieles mehr. Die Frauen, die selbst wählen durften, waren sich alle einig: „Bitte Zeit!“