Zwischen Neckar und Alb

Noch keine Entwarnung beim Q-Fieber

Wendlingen gehört weiter zu den gefährdeten Gebieten im Kreis

Was sich anhört wie eine Grippeinfektion, kann auch Q-Fieber sein. Das ist eine vom Tier auf den Menschen übertragbare bakterielle Infektion, die vor allem im Raum Wendlingen grassiert.

Schafe gelten als Wirte des Q-Fieber-Bakteriums. Foto: Dieter Ruoff
Schafe gelten als Wirte des Q-Fieber-Bakteriums. Foto: Dieter Ruoff

Wendlingen. „Blutspender dürfen wegen Q-Fieber weiterhin nicht Blut spenden“ – mit solchen Anzeigen macht das Deutsche Rote Kreuz die Bewohner der Städte Wendlingen, Kirchheim und Plochingen und der Gemeinden Köngen, Denkendorf, Deizisau, Altbach, Reichenbach, Hochdorf, Schlierbach, Notzingen, Dettingen, Unterensingen und Oberboihingen darauf aufmerksam, dass man wegen der Infektionsgefahr auf ihre Blutspende derzeit lieber verzichtet. Im Freilichtmuseum in Beuren litten sogar die beliebten Schäfertage unter dem Bakterium Coxiella burnetii, denn die Veranstaltung musste in diesem Jahr fast ohne Schafe stattfinden, nachdem auch in Beuren eine Herde vom Q‑Fieber befallen war.

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„Wir haben seit Januar 86 Fälle von Q-Fieber beim Menschen registriert“, sagt Albrecht Wiedenmann, im Gesundheitsamt des Landkreises Esslingen Sachgebietsleiter für Infektionsschutz und Umwelthygiene. Auch im April gab es mit 17 Meldungen im Vergleich zum Vorjahr eine außergewöhnlich hohe Melderate. Im vergangenen Jahr seien es zwischen null und drei Infektionen im gleichen Zeitraum gewesen. Der Mediziner hofft zwar, dass das Q-Fieber auf dem Rückzug ist, Entwarnung will er dennoch noch nicht geben, denn die Inkubationszeit betrage etwa zwei bis drei Wochen. „Und man muss eine gewisse Meldeverzugszeit einkalkulieren“, sagt Wiedenmann. Die Infektion mit Q-Fieber ist meldepflichtig. Entdeckt ein Arzt bei einem Patienten den Erreger, muss er das Landesgesundheitsamt informieren. Gleiches gilt für Tierbestände.

Die Krux beim Q-Fieber ist, dass es einer Grippeinfektion ähnelt. „50  Prozent der Infizierten merken gar nichts oder haben leichte Grippesymptome“, sagt Albrecht Wiedenmann. 50 Prozent allerdings hätten schwere Krankheitssymptome, die bis hin zu einer Lungenentzündung oder einer Leberentzündung reichen könnten. Ein Indiz für Q-Fieber könne sein, dass die Therapie für eine Lungenentzündung nicht anschlägt. „Es bedarf einer Blutuntersuchung, um sicherzugehen“, sagt Wiedenmann. Für einen Hausarzt ist es also gar nicht so leicht, festzustellen, ob bei einem Patienten dem Verdacht auf Q-Fieber nachgegangen werden muss.

„Das Bakterium ist extrem überlebensfähig. Es hält sich für Wochen im Boden“, erklärt Wiedenmann. Trocknet der Kot und zerfällt zu Staub, kann er beispielsweise durch Einatmen auf den Mensch übertragen werden. Im Dezember wurde das Bakterium Coxiella burnetii erstmals in einer Schafherde im Landkreis entdeckt – und mittlerweile in fünf verschiedenen Schafherden der Erreger nachgewiesen. Indes, die Schafe werden durch das Bakterium gar nicht selbst krank, sie sind lediglich der Träger des Erregers. Sie wiederum sind durch Zecken infiziert worden. Durch den Schafkot, aber vor allem, wenn ein Schaf auf der Weide ablammt, kommt der Erreger in die Umwelt, denn im Fruchtwasser der lammenden Schafe ist das Bakterium in großer Menge vorhanden. Deswegen, so der Leiter des Veterinäramtes des Landkreises, Christian Marquardt, sind die Schafhalter, in deren Herde das Q-Fieber nachgewiesen ist, verpflichtet, ihre Muttertiere im Stall ablammen zu lassen. Zudem werden die Tiere geimpft. Und sie sollten auch auf Wiesen gehalten werden, die möglichst weit von Bebauung entfernt sind.

Wanderschäfer, die mit ihrer Herde über die Kreisgrenzen hinaus unterwegs sind, deren Tiere werden von Amtsveterinären untersucht und erhalten ein Gesundheitszeugnis. Allerdings gehört die vorsorgliche Untersuchung auf den Q-Fieber-Erreger nicht ins Untersuchungsspek­trum. „Geprüft wird, ob die Herde mit der Maul- und Klauenseuche befallen ist“, sagt Marquard. Die Triebgenehmigung für Wanderschäfer kann beschränkt werden, wenn die Gefahr einer Infektion mit Q-Fieber besteht. Für Schafhalter werden Hygienemaßnahmen empfohlen, denn mit dem Staub aus Stall und Wiese kann der an der Kleidung anhaftende Erreger ebenfalls verschleppt werden. Deswegen sollten Schafhalter nach dem Kontakt mit den Tieren die Kleidung wechseln.

Wenn die Meldequoten auf das Durchschnittsniveau des vergangenen Jahres sinken, dann darf wieder Blut gespendet werden.

Übertragungswege

Als Zoonosen bezeichnet man Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen und umgekehrt vom Menschen auf das Tier übertragbar sind. Sie können durch Viren, Bakterien, Pilze oder Parasiten verursacht werden. Der Begriff Zoonose leitet sich aus den griechischen Wörtern zoon (Lebewesen) und nosos (Krankheit) ab. Durch schnelles Bevölkerungswachstum, zunehmende Mobilität, veränderte Tierzucht und -haltung sowie Klimaveränderungen gewinnen Zoonosen immer mehr an Bedeutung. Die Übertragung von Zoonosen werden verursacht durch Viren, beispielsweise Tollwut, Vogelgrippe, Ebola, Gelbfieber, Schweinegrippe oder Vogelgrippe – aber auch durch Bakterien, beispielsweise Borreliose, Salmonellen, Pest, Tuberkulose und Q-Fieber. Möglich ist auch eine Übertragung durch Parasiten, etwa Malaria oder Toxoplasmose. sg