Zwischen Neckar und Alb

Sie wollen etwas Eigenes schaffen

Wohnen Immobilien sind in der Region rund um Stuttgart zwar immer noch finanzierbar, das „Traumschloss“ muss dabei aber deutlich schrumpfen. Von Greta Gramberg

Für Alleinverdiener wird es immer schwieriger, Wohnraum zu kaufen.Symbolfoto: Jean-Luc Jacques
Für Alleinverdiener wird es immer schwieriger, Wohnraum zu kaufen. Symbolfoto: Jean-Luc Jacques

„Ich hoffe, dass es klappt, bis wir den Platz wirklich brauchen“, sagt Desirée Buck und streichelt ihren Bauch. Die 30-Jährige sitzt hochschwanger vor einem Neuhausener Lokal und hat beim Gespräch ein Lächeln auf den Lippen. Was klappen soll? Sie und ihr Mann suchen ein „frei stehendes Einfamilienhaus mit Gartengrundstück, das wir renovieren wollen“. Und zwar möglichst im Raum Esslingen, am liebsten auf dem Schurwald. „Wir brauchen mehr Platz und wollen unseren Kindern ein schönes Umfeld schaffen.“ Doch mittlerweile sucht das Paar seit gut eineinhalb Jahren.

Das ist kein Wunder: „Das Angebot ist überschaubar“, sagt Markus Deutscher, Bereichsleiter Immobilien bei der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen. Allerdings lasse sich das nicht pauschal sagen. Es komme auf die Objektart an. Besonders hoch sei die Nachfrage nach stadtnahem Wohnen - Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen oder Reihenhäuser zu bezahlbaren Preisen. Weil die Preise so hoch sind, kaufen die Leute weniger Wohnfläche.“ Die Nachfrage für teurere Immobilien sei dagegen kleiner. Die Spanne im Raum Esslingen liegt derzeit zwischen 4500 und 6700 Euro je Quadratmeter für Neubauimmobilien. Gerade der Neubau habe sich stark verteuert.

Kein Grund zur Panik

Was die Preislage angeht, warnt Deutscher aber vor Hysterie: „Der Immobilienmarkt ist nur so teuer, wie die Wirtschaftskraft der Region.“ In der Region bezögen die Leute ein „ordentliches Einkommen“. Zudem sei es heutzutage schon fast Normalität, dass beide Partner ein Einkommen beziehen. Allerdings: Der familiäre Hintergrund spielt auch eine Rolle, etwa die finanzielle Unterstützung durch die Familie und ererbtes Vermögen. „Für Alleinverdiener mit einfachem Einkommen wird es sehr schwierig, Wohnraum zu kaufen“, gibt Deutscher zu bedenken. „Aber ob die Schere weiter auseinandergegangen ist als vor zehn Jahren - das bezweifle ich.“ Einer Modellrechnung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) für den Postbank Wohnatlas zufolge ist eine 70- Quadratmeter-Wohnung für den Durchschnittshaushalt im Kreis Esslingen durchaus finanzierbar. Doch eine 70-Quadratmeter-Wohnung ist kein Einfamilienhaus.

Ihre Hauskaufwünsche zu finanzieren, ist für Buck und ihren Ehemann „machbar“, sagt sie. Die Sozialpädagogin und der Polizist haben sich bereits bei der Bank beraten lassen und eine Vorfinanzierung gemacht. „Schon bei der Besichtigung wollen die Verkäufer einen Finanzplan sehen. Damit ist man weniger schnell aus dem Rennen als jemand, der erst noch zur Bank müsste“, erzählt Buck. Nicht so einfach wäre ihrer Meinung nach ein Hausbau zu stemmen. Das wäre zum einen teurer - laut dem Postbank Wohnatlas kostete 2018 eine 70-Quadratmeter-Neubauwohnung in Esslingen im Mittel 77 000 Euro mehr als eine Bestandswohnung. Zum anderen sagt die werdende Mutter: „Wir haben keinen Bauplatz in der Familie.“ An ein freies Grundstück zu kommen, das im Kreis Esslingen in der Regel kostspielig ist, sei schwierig: „Wir haben von vielen gehört, dass das nur über Vitamin B geht.“

Dennoch ist für Buck und ihren Mann das bisher Angebotene „nicht bezahlbar“. Schließlich müssten sie nach dem Kauf auch noch Mittel in die Renovierung stecken. Zwar werde es auf der Alb günstiger, aber dort gäbe es keine Großeltern in nächster Umgebung. Zudem sind die absoluten Kaufpreise in Esslingen und Umgebung noch immer günstiger als in der Landeshauptstadt Stuttgart. Wer dort 400 000 Euro für 100-Quadratmeter-Wohnungen bezahle, den koste das gleiche Angebot in der Mittelalterstadt 300 000 Euro, sagt Immobilienfachmann Deutscher. Deswegen seien im Stuttgarter Umland allerdings die relativen Preissteigerungen höher als in Stuttgart. Das zeigt etwa eine Auswertung des Homeday Wohnatlas für die Jahre 2015 bis 2018. In dieser Zeit sind die Quadratmeterkaufpreise für Häuser und Wohnungen in Stuttgart um 29,7 Prozent gestiegen, die Angebote in Esslingen gar um 39 Prozent. Das gelte für den ganzen Ballungsraum Stuttgart mit einem 40-Kilometer-Radius um die Hauptstadt. Eine weitere Beobachtung Deutschers: „Der Anteil der verkauften Kapitalanlagen ist größer geworden. Es ist festzustellen, dass mehr Privatleute Wohnungen kaufen, um sie zu vermieten.“

Einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zufolge stagniert die Wohneigentumsquote in Deutschland seit Jahren bei etwa 45 Prozent. Und die der sogenannten Ersterwerber sank sogar. Dem IW zufolge sank vor allem der Anteil der jungen Menschen, die in den eigenen vier Wänden leben. Die Studienautoren erklären sich die Entwicklung mit den gestiegenen Preisen. Inwieweit das Baukindergeld die Eigentumsquote verändert hat, dazu gibt es noch keine Zahlen. Fest steht, dass seit der Einführung vor etwas mehr als einem Jahr 135  000 Familien Förderanträge gestellt haben, wie kürzlich das Innenministerium und die KfW-Banken mitteilten.

„Man muss gucken, ob man das will: abzahlen bis zur Rente“, sagt Desirée Buck. „Wichtig ist, dass man nicht nur jahrelang das Haus abbezahlt, sondern auch einmal im Jahr in den Urlaub fahren kann. Sonst kann das zu einer enormen Belastung werden.“ Noch ist Desirée Bucks Laune aber gut. Sie sei optimistisch, dass sie und ihr Mann sich ihren Traum verwirklichen können. „Wir haben jetzt keine Notsituation“, sagt sie, die Wohnung in Denkendorf reiche zumindest noch solange, bis das Kind ein eigenes Zimmer braucht. Noch sind die Bucks nicht bereit, auf die Alb zu ziehen. Doch irgendwann kommt es womöglich darauf an, größere Kompromisse einzugehen, ist ihnen klar. „Wenn man Jahre sucht, muss man sich öffnen.“

Lohnt sich das Pendeln wirklich?

Weil das Wohnen in der Landeshauptstadt sehr teurer ist, ziehen immer mehr Menschen in die Peripherie und pendeln zur Arbeit - laut Pendleratlas der Agentur für Arbeit 251 921 Männer und Frauen. Doch laut einer Sonderanalyse für den Postbank Wohnatlas wird der Kostenvorteil durch den günstigeren Wohnungskauf schnell von den Fahrtkosten aufgezehrt. Eine Modellrechnung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts für die Postbank zeigt, nach wie vielen Jahren. Am kürzesten währt die Ersparnis beim Umzug nach Kirchheim. Käufer kommen nur 8,6 Jahre lang günstiger weg, wenn sie täglich mit der Bahn nach Stuttgart pendeln. Autofahrer hätten 5,1 Jahre Geld gespart. Ausgangspunkt sind die durchschnittlichen Kaufpreise für eine 70 Quadratmeter große Immobilie. Zur Berechnung werden Zeitverlust, Ticketpreise und Autokosten bewertet.

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