Zwischen Neckar und Alb

Wird für die Esslinger Schwimmer ein Traum wahr?

Verein Der SSVE kämpft mal wieder für eine Traglufthalle Von Gerd Schneider

Das 50-Meter-Becken des SSV Esslingen soll eine Hülle für den Winter bekommen.Foto: pr
Das 50-Meter-Becken des SSV Esslingen soll eine Hülle für den Winter bekommen.Foto: pr

In Esslingen wie auch in der deutschen Schwimm- und Wasserballszene ist der SSV Esslingen eine Institution. Er hat 3 200 Mitglieder und ist damit nicht nur der größte Verein Esslingens, sondern auch einer der größten Schwimmvereine der Republik. Er hat eine florierende Schwimmsportabteilung und gehört seit Jahrzehnten zur deutschen Wasserball-Elite. Und er hat ein eigenes Freibad mit 50-Meter-Sportbecken, um das ihn andere Vereine schon wegen der idyllischen Lage auf der Neckarinsel beneiden.

Eines hat der Schwimmsportverein allerdings nicht: ein Hallenbad mit adäquaten Trainingsmöglichkeiten im Winter. Daher beginnt für den SSVE alljährlich Ende September die dunkle Jahreszeit. Zwölf der 14 Mannschaften müssen dann sieben Monate lang im engen und viel zu kleinen Merkel-Bad ihrem Sport nachgehen. Nur die beiden Bundesliga-Mannschaften (Männer und U 18) können im 50-Meter-Sportbecken im Inselbad Untertürkheim trainieren und ihre Spiele austragen. „Die Verhältnisse im Winter sind für einen Verein von unserer Größe mehr als bescheiden“, sagt Udo Schäfer, der zum Führungskreis des SSV Esslingen gehört.

Schäfer zieht eine Mappe aus der Tasche, und dabei hellt sich seine Miene auf. Er und weitere Leute aus der Führung haben einen Plan gefasst. Geht er auf, wird für die Schwimmer und Wasserballer ein Traum wahr - und aus dem Freibad im Winter ein Hallenbad. „Projekt: SSV Esslingen Traglufthalle“ steht in dicken Lettern auf der Mappe in Schäfers Hand.

Eine Traglufthalle? Auf der Neckarinsel? So manchem in Esslingen wird dieses Ansinnen bekannt vorkommen. Schon zwei Mal unternahmen sie im Schwimmverein einen Vorstoß in diese Richtung, Ende der 1990er-Jahre und 2004. Beide Male scheiterte der Plan an den hohen Kosten für die Energie, die der Winterbetrieb verschlingen würde. Doch die Technik hat sich weiterentwickelt. Die Kunststoffhaut der gängigen Traglufthallen ist heute so beschaffen, dass nur wenig Wärme entweicht und die Betriebskosten viel niedriger liegen. „Nach unserer Kalkulation rechnen wir mit 220 000 Euro pro Wintersaison“, sagt Schäfer.

Dazu kommen die - nur einmal anfallenden - Kosten für Anschaffung und Baumaßnahmen in Höhe von 1,2 Millionen Euro. Für einen Verein mit so vielen Mitgliedern ist das keine schwindelerregende Investition, erst recht nicht angesichts des aktuellen Zinsniveaus. „Das ist ganz nüchtern kalkuliert und alles andere als ein finanzielles Abenteuer“, sagt Carola Orszulik.

Die Unternehmerin ist eine der drei geschäftsführenden Vorsitzenden des Großvereins. Gemeinsam mit 15 Mitstreitern wollen sie nun im dritten Anlauf das Projekt Traglufthalle in die Tat umsetzen. Die Bedingungen scheinen günstig, nicht nur wegen der niedrigen Zinsen. Zum einen ist ungewiss, wo die beiden Bundesligateams trainieren und spielen sollen, wenn die Stadt Stuttgart ihr neues Sportbad in Cannstatt errichtet hat. Das soll 2020 der Fall sein. Die Traglufthalle, die das Inselbad in Untertürkheim zum Winterquartier macht, ist fast 30 Jahre alt und hätte dann ausgedient. Zum anderen zwingt auch der marode Zustand der Esslinger Bäder den Schwimmverein zum Handeln. Laut städtischem Konzept soll das Merkel‘sche Bad in den Jahren 2021 und 2022 kernsaniert werden, ein Neun-Millionen-Euro-Projekt. „Dann sitzen Hunderte unserer jungen Schwimmer und Wasserballer auf der Straße“, sagt Schäfer. „Wenn wir die ein Jahr lang nach Hause schicken, verlieren wir die Hälfte von ihnen, todsicher.“

Eine Traglufthalle wäre die perfekte Lösung. Das sieht man offenbar auch bei der Stadt so. OB Jürgen Zieger sagt, er halte das für eine „realistische Idee, die der Gemeinderat und ich unterstützen“. Man habe den Verein ermuntert, das Projekt weiter zu verfolgen. Im Rahmen der kommunalen Sportförderung werde man sich an den Kosten beteiligen. In welcher Höhe, hängt von der Nutzung ab. So könnten nicht nur Schwimmer anderer Vereine im Winter dort ihre Bahnen ziehen, sondern auch Schulen. Auch die Freizeitschwimmer unter den Vereinsmitgliedern würden mit einem Winter-Obolus zur Finanzierung beitragen. Ausgeschlossen ist dagegen eine öffentliche Nutzung. Voraussetzung dafür wäre - im Gegensatz zum reinen Vereinsbetrieb - die Präsenz von Aufsichtspersonal. Das wäre viel zu teuer.

Noch regiert der Konjunktiv, wenn Carola Orszulik über die Traglufthalle spricht. Die Vorsitzende, die von sich sagt, sie sei mit dem Schwimmverein zur Welt gekommen, will mit dem Projektteam das Vorhaben in den nächsten Monaten weiter vorantreiben. Dazu gehört auch, die Vereinsmitglieder über alle Schritte zu informieren und einzubinden. Die Entscheidung liegt letztlich bei ihnen. Laut Zeitplan sollen die Mitglieder im Herbst darüber abstimmen.

Wenn alles gut geht, könnte die dunkle Jahreszeit für die Schwimmer und Wasserballer schon im nächsten Jahr ihren Schrecken verlieren. Realistischer ist allerdings die Eröffnung im Herbst 2020. Orszulik hält das Projekt für eine einmalige Chance: „Wenn wir das dieses Mal nicht hinbekommen, schaffen wir das nie mehr.“

Daten und Fakten zur Traglufthalle

Technik: Die Hülle einer Traglufthalle trägt sich vollständig selbst. Erreicht wird dies durch einen leichten, nicht spürbaren Überdruck im Innern, der durch ein permanent laufendes Gebläse oder Ventilatoren erzeugt wird. Halt bekommt die Hülle durch Verankerung im Fundament.

Daten: Die Traglufthalle für das SSVE-Bad hätte etwa die Ausmaße von 65 auf 30 Metern. Das Sportbecken ist 50 Meter lang und 21 Meter breit. Der Zugang zur Halle erfolgt über eine Druckschleuse. Im Sommer wird die Hülle abgebaut und eingelagert. Die Lebensdauer beträgt etwa 30 Jahre.

Energiekonzept: Betrieben und auch geheizt wird die Traglufthalle mit warmer Luft. Für die Energieerzeugung wäre die Errichtung eines Blockheizkraftwerks auf dem SSVE-Gelände denkbar, das mit Gas betrieben und mit dem Strom erzeugt wird. Die Abwärme wird für die Heizluft genutzt.gr

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