Zwischen Neckar und Alb

Zu schade für den Kleidersack

Umwelt Das Projekt „Fair Fashion“ beschäftigt sich mit nachhaltiger Kleidung und damit, wie abgelegte Kleidung ein zweites Leben bekommt. Von Barbara Gosson

Aus alten Kleidungsstücken können schicke Kissenbezüge entstehen, wie diese Arbeiten der GSR-Schüler zeigen. Foto: pr
Aus alten Kleidungsstücken können schicke Kissenbezüge entstehen, wie diese Arbeiten der GSR-Schüler zeigen. Foto: pr

In Deutschland werden doppelt so viele Kleider gekauft wie noch vor 30 Jahren - und jedes Jahr werden über 100 000 Tonnen Kleidung weggeworfen. Vier Nürtingerinnen möchten in den nächsten Wochen mit dem Projekt „Fair Fashion“ Wege aufzeigen, wie Mode nicht auf Kosten von Umwelt und Mitmenschen gehen muss.

Zusammengefunden haben Dr. Renate Kostrewa, Heidrun Eissele, Dr. Katharina Roth und Ulrike Soulas unter dem Dach des Forums zukunftsfähiges Nürtingen. Gemeinsam wollen sie ein Zeichen gegen die Wegwerf-Mentalität bei Kleidung setzen und zeigen, dass nachhaltige Mode ganz viel Spaß machen kann. Mit ins Boot geholt haben sie sich dazu die BUND-Ortsgruppe, die Geschwister-Scholl-Realschule, die Volksbank, die Freie Kunstakademie, das Theater im Schlosskeller, die Volkshochschule, den Traumpalast, das Haus der Familie, die Stadtbücherei und die beiden Nürtinger Buchhandlungen Zimmermann und Rotes Haus, die beide im März themenbezogene Präsentationen zeigen.

Den Auftakt machen vier 8. und 9. Klassen der Nürtinger Geschwister-Scholl-Realschule. Sie haben im Rahmen des Faches „Mensch und Umwelt“ Nähunterricht und sich dabei mit Upcycling beschäftigt. Aus Kleidungsstücken, die sonst in der Altkleidersammlung gelandet wären, entstanden Sitzsäcke, Kissenbezüge und Taschen in Patchwork-Technik.

Begleitend werden im Unterricht die Bedingungen behandelt, unter denen Baumwolle angebaut und Kleidung genäht wird. Dazu läuft der Film „The True Cost - Der Preis der Mode“ im Kino. Die Arbeiten der Schüler werden in der Nürtinger Volksbank gezeigt.

Jugendliche, die sich davon inspiriert fühlen, können einen Upcycling-Kurs im Haus der Familie besuchen. „Wir wollen die jungen Leute erreichen, die bei den Billigketten einkaufen, ohne moralinsauer zu sein“, sagt Renate Kostrewa. „Der Film ,The True Cost‘ erzeugt ein Gefühl der Betroffenheit, das ich nur auflösen kann, wenn ich aufzeige, wie es anders geht“, ergänzt Katharina Roth.

Ein Höhepunkt der „Fair-Fashion-Wochen“ wird die Modenschau am Sonntag, 2. April, im Theater im Schlosskeller sein. An der Freien Kunstakademie entstanden sehr ausgefallene Stücke, die „Haute Couture“ des Upcyclings gewissermaßen. Daneben gibt es auch faire Mode für den Alltag aus Nürtingen zu sehen. „Wir würden uns wünschen, dass die Menschen ihr Einkaufsverhalten reflektieren“, sagt Katharina Roth. Mit wenigen hochwertigen Basisteilen, die immer wieder neu kombiniert werden, lässt sich ein eigener, nachhaltiger Modestil kreieren, sagt sie.

„Wir wollen das Thema im Nürtinger Stadtgebiet präsent machen“, sagen die Organisatorinnen. Fair Fashion ist nicht nur Upcycling, also die Schöpfung neuer Mode aus gebrauchten Stoffen, sondern auch Kleidung, die unter umweltfreundlichen Bedingungen zu fairen Löhnen hergestellt wird. Die Macherinnen wünschen sich, dass auch andere Nürtinger Geschäfte als der Weltladen solche Kleidung ins Sortiment nehmen. Eine Umfrage ergab, dass diese Kleidung nur wenig nachgefragt wird. „Die Konsumenten haben es in der Hand. Wenn sie nach solcher Kleidung fragen, wird sie auch angeboten.“

Die Idee zum Projekt „Fair Fashion“ ist nicht vom Himmel gefallen. Die Stadtplanerin Heidrun Eissele befasst sich bei der BUND-Gruppe schon lange mit dem Eine-Welt-Gedanken und damit, wie das Ungleichgewicht in der Welt abgemildert werden kann. Selbst kauft sie bevorzugt in Secondhand-Läden.

Die Geologin Renate Kostrewa hat fünf Jahre lang in Afrika in der Entwicklungshilfe gearbeitet und dabei gesehen, wie die einheimischen Schneidereien durch die europäischen Altkleider kaputt gemacht werden und welche Umweltschäden der bewässerungsintensive Baumwollanbau verursacht.

Die Psychologin Katharina Roth näht viele ihrer Stücke selbst. „Ein Billig-T-Shirt kostet in der Herstellung 13 Cent, ein Marken-T-Shirt 18 Cent. Der Rest des Verkaufspreises ist der Gewinn. Dann kann man gleich etwas aus fairer Herstellung kaufen“, findet sie.

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