Sportgeschwister (5): Bei den Kletts in Owen dreht sich alles ums kleine runde Leder
„Nimm zwei“- Packung mit Dame

Sie wohnen zusammen, sie trainieren zusammen und sie stehen Seite an Seite auf dem Spielfeld. Wer immer im Hause Klett in Owen aus und ein geht, hat eines mit ziemlicher Sicherheit: eine enge Beziehung zum Handball.

Owen. Wie sich die Geschichte heute lesen würde, wären die drei an einem anderen Ort aufgewachsen – keiner weiß es. So sind sie wie viele vor und auch nach ihnen in Owen irgendwann beim Handball gelandet. In einem Alter, das die Mannschaft noch in zwei Lager spaltet: in Hilfsbedürftige und solche, die sich die Schuhe eigenhändig schnüren. Diesem Dilemma sind Steffen (24), Bastian (21) und Corinna Klett (27) zwar längst entwachsen, Handball spielen sie noch immer – und zwar ziemlich erfolgreich. Das Brüderpaar inzwischen beim Württemberg­ligisten SV Fellbach, die Schwester beim TSV Owen zuletzt in der Bezirksliga.

Dass die Jungs ihrem Namen alle Ehre machen und beim Sport wie Kletten aneinanderhängen, brachte der Owener Handball-Aktie vor Jahresfrist schwere Kursverluste ein. Beide oder keiner, hieß es am Ende der letztjährigen Saison, als Owens Handball-Stolz nach dem erneuten Abstieg aus der Württembergliga in Stücke brach. Der Ausgang ist bekannt: Oberliga-Absteiger SV Fellbach folgte dem Prinzip „Nimm zwei“ und riss sich die Kommandozentrale im Owener Rückraum en bloc unter den Nagel. Ganz frei von Risiken und Nebengeräuschen war dieser Wechsel nicht. Zum einen steckten auch die Fellbacher nach dem Abstieg mitten im Umbruch, zum anderen nahmen nicht wenige im eigenen Lager den Eigengewächsen ihre Entscheidung krumm – bis zum heutigen Tag. Im Nachhinein sind sich beide sicher: Es war der richtige Schritt. Nach holprigem Start mit zahlreichen Verletzten haben sie eine überragende Rückrunde hingelegt und die Saison auf Platz acht beendet. „Wir fühlen uns wohl in Fellbach“, sagt Steffen Klett. Deshalb haben beide im Mai für ein weiteres Jahr verlängert.

Für die Familie bedeutet dies, weiterhin zu jedem Heimspiel ins Rems­tal reisen. Die Eltern haben noch keinen Auftritt ihrer Sprösslinge versäumt, auch wenn Terminkollisionen gelegentlich Gewissenskonflikte schüren. „Spielt Corinna zeitgleich in der Teckhalle“, gesteht der Vater, „erhalten die Jungs meist den Vorzug.“ Für die 27-Jährige, die als Einzige nicht mehr im Elternhaus lebt, kein Problem. „Wir spielen zurzeit leider weniger erfolgreich“, stellt sie fest und gesteht: „Ich würde manchmal auch lieber bei den Männern zuschauen.“

Ein Glück also, dass zumindest die Jungs gemeinsam in einer Mannschaft spielen. Das soll auch so bleiben. „Wenn Anfragen kommen, stellen wir immer klar, dass wir nur im Doppelpack zu haben sind“, sagt Steffen. Daraus spricht nicht nur Blutsbande, sondern auch eine gesunde Portion Pragmatismus. Als Nachbarn im Rückraum verstehen sich beide blind. „Wir wissen, wie der andere denkt und handelt“, sagt Bas­tian. Die gemeinsamen Fahrten zum Training sind zudem nützliche Gelegenheit zur Analyse.

Das alles funktioniert, weil die Rollen klar verteilt sind: Steffen, der Ältere, war schon immer Leitfigur im familiären Doppel. Als Auswahlspieler in der Jugend durchlief er die Ausbildung am Handball-Teilzeitinternat in Ostfildern, profitierte viel von seinem Mentor Enrico Wackershauser, der in Owen damals als Aktiventrainer auch die Nachwuchsarbeit koordinierte. „Dabei hat Basti eigentlich die besseren Voraussetzungen“, meint der Bruder. Er sei robuster, körperlich überlegen und daher auch weniger verletzungsanfällig. „Steffen ist für mich noch immer der wichtigste Ratgeber“, entgegnet der Jüngere. Bei so viel Harmonie fischt man fast schon verzweifelt nach dem Haar in der Suppe. Das gibt es tatsächlich: An der Playstation werden beide zu erbitterten Gegnern – mit dem besseren Ende für den Jüngern. „Da bin ich von ihm nur schwer zu schlagen“, flachst Bastian.

Seit sie der Jugend entwachsen sind, haben sie noch nie in getrennten Mannschaften gestanden. Dass dies kein Modell für die Ewigkeit ist, ist ihnen klar. Steffen studiert Sport, Politik und Deutsch an der Uni in Stuttgart, Bastian macht ebenfalls in Stuttgart eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Sollte der Beruf irgendwann getrennte Wege weisen, eines bleibt: Das familiäre Netzwerk im Hause Klett funktioniert auch ohne Handball, doch ohne ist es nur halb so spannend. Kaum einer im weiteren Familienkreis, der nicht vom Virus infiziert wäre. So schart sich bei Verwandschaftstreffen auch weiterhin geballter Handball-Sachverstand um den Tisch. Dann treffen sich Trainer, Schiedsrichter und ehemalige Aktive, Freundinnen spielen mit der Schwes­ter im selben Team. Einmal im Jahr schlagen sie aus ihrem Potenzial Kapital: Beim Hobbyturnier in Lenningen oder Owen stehen sie regelmäßig im Familienverband als Mannschaft auf dem Platz. Einen Pokal gab es dafür auch schon. Wo der geblieben ist, weiß heute allerdings keiner mehr. „Schließlich“, meint Steffen Klett mit einem Grinsen, „verstehen wir auch etwas vom Feiern.“