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Ärger um Alleingang in Aichtal

Corona Bürgermeister Sebastian Kurz möchte ein Impfzentrum für die Aichtaler einrichten und wird dafür von Landrat Heinz Eininger kritisiert. Dieser wirft ihm unsolidarisches Verhalten vor. Von Matthäus Klemke und Johannes Aigner

In den Räumen der Aichtaler Firma Putzmeister möchte Bürgermeister Sebastian Kurz nächste Woche ein Impfzentrum eröffnen.Foto: p
In den Räumen der Aichtaler Firma Putzmeister möchte Bürgermeister Sebastian Kurz nächste Woche ein Impfzentrum eröffnen.Foto: pr

Aichtals Bürgermeister Sebastian Kurz möchte zusammen mit der Firma Putzmeister ein Corona-Impfzentrum für alle Angestellten und alle Aichtaler Bürger errichten. Für diese Pläne erntet der Rathauschef scharfe Kritik aus dem Landratsamt. Das Vorgehen sei unsolidarisch und wecke falsche Erwartungen. Ende vergangener Woche hatte Kurz in einer Pressemitteilung verkündet, schon bald mit den Corona-Impfungen in Aichtal starten zu wollen. Dafür werde man in einem Firmengebäude von Putzmeister im Gewerbegebiet Aich zwei Impfstraßen errichten. Berechtigt seien alle Bürger, die ihren Hauptwohnsitz in Aichtal haben oder bei der Firma Putzmeister angestellt sind. Eine Priorisierung soll es nicht geben.

Kurz habe bereits zehn Ärzte aus Kliniken in Esslingen, Stuttgart, Ludwigsburg und aus dem Rems-Murr-Kreis zusammengetrommelt, um die Impfungen zu verabreichen. Verimpft werden sollen vorwiegend die Impfstoffe von Biontech und Johnson & Johnson. Viel heiße Luft, kritisiert nun Landrat Heinz Eininger: „Das Vorhaben kann auf den ers- ten Blick als eine weitere Aktion zur raschen Impfung möglichst vieler impfwilliger Einwohner im Landkreis betrachtet werden. Schnell lässt sich aber erkennen, dass die Ankündigung des Aichtaler Bürgermeisters nur weitere Erwartungen weckt, die nicht erfüllt werden können. Der limitierende Faktor ist nach wie vor der fehlende Impfstoff. Deswegen können derzeit die Kreisimpfzentren nicht wie geplant in Volllast arbeiten“, so Eininger.

Das Vorgehen des Aichtaler Bürgermeisters sei „nicht nur wenig hilfreich, sondern entsolidarisiert die Kommunen untereinander“, sagt Eininger. „Ich würde mir wünschen, dass der Bürgermeister wenig durchdachte Alleingänge unterlässt und vielmehr die Impfstrategie des Landkreises unterstützt, so wie es die Oberbürgermeister und Bürgermeister im Landkreis vorbildlich tun. Somit kann er zu einem tatsächlichen Erfolg beim Impfen mit beitragen.“

Kritik kommt auch von Bürgermeisterkollegen aus der Region. „Mit einem weiteren Impfzentrum in Aichtal wird der Impfstoff auch nicht mehr“, sagt Neuffens Bürgermeister Matthias Bäcker. „Ich habe ganz im Gegenteil die Befürchtung, dass es so bei den Kreiszentren weniger wird und dann die Bürger außerhalb der Stadt Aichtal das Nachsehen haben könnten.“ Nur wenn das Impfzentrum in Aichtal für alle Bürger aus dem Kreis Esslingen zugänglich wäre, könnte man von einer Ergänzung zu den beiden Kreis- impfzentren reden, so Bäcker.

Sebastian Kurz weist den Vorwurf, falsche Hoffnungen zu wecken, zurück. Bereits am Montag habe die Stadt Aichtal die ersten 130 Biontech-Impfdosen erhalten. „Das ist alles andere als heiße Luft“, so Kurz.

Die Befürchtung seines Kollegen aus Neuffen, man nehme anderen Menschen im Kreis die Impfdosen weg, sei unbegründet. Denn die Vakzine für Aichtal kommen nicht aus den Kreisimpfzentren - nicht einmal aus dem Landkreis Esslingen. „Es sind Kontingente, die die Ärzte aus den umliegenden Landkreisen mitbringen“, so Kurz.

Betriebliche Impfungen stocken

Die 130 Dosen in dieser Woche stammen aus dem Kontingent zweier Hausärzte. Insgesamt konnte Kurz mittlerweile zehn Mediziner für das Aichtaler Impfzentrum gewinnen. „Wir werden also in den kommenden Wochen sehr viel mehr Impfdosen haben“, so Kurz. Keinesfalls wolle man in Konkurrenz zu den Kreisimpfzentren treten. „Wir erhöhen das Kontingent. Davon profitiert der gesamte Landkreis Esslingen.“ Dass das Angebot nur für Aichtaler und Angestellte von Putzmeister gilt, hält Kurz für vertretbar.

Spätestens kommende Woche soll die Impfstation in Aichtal eröffnen. Die baulichen und organisatorischen Voraussetzungen bei Putzmeister seien bereits geschaffen. Unterdessen sind in anderen Firmen in der Region gestern betriebliche Impfungen angelaufen. Allerdings schleppend. Der Maschinenbauer Heller in Nürtingen erhielt am ersten Tag statt der bestellten 130 Ampullen lediglich 20. Damit konnte Betriebsarzt Willi Lechner von den 1700 Mitarbeitern lediglich 120 impfen. „Ein Tropfen auf den heißen Stein.“

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