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Ein Abend, der heilsam gegen Antisemitismus wirkt

Stadtbücherei Burkhard Engel und Claudiea Thönniß boten in Kirchheim „Erinnerungen an das Schtetl“.

Claudia Thönniß und Burkhard Engel ließen in Kirchheim die untergagene Welt des „Schtetls“ auferstehen. Foto: Markus Brändli
Claudia Thönniß und Burkhard Engel ließen in Kirchheim die untergagene Welt des „Schtetls“ auferstehen. Foto: Markus Brändli

Kirchheim. „Schtetl“ ist die Bezeichnung für jüdische Siedlungen im osteuropäischen Raum. Dort stellten Juden oft die Mehrzahl der Bevölkerung, arbeiteten als Handwerker, Krämer, Händler und bildeten eine autonome Gesellschaft, die ihre Lebenswelt weitgehend selbst verwaltete. Die Sprache war Jiddisch.

Die neue Leiterin der Kirchheimer Stadtbücherei, Carola Abraham, führt die beliebte Veranstaltungsreihe „Text und Töne“ fort und hat dazu einen Künstler eingeladen, den das Publikum kennt und schätzt: Burkhard Engel - Instrumentalist, Sänger und Rezitator mit akademischem Hintergrund. Assistiert wird er von der Geigerin Claudia Thönniß.

Das Schtetl-Programm des Cantaton-Theaters bietet Einblicke in ein dörflich geprägtes, endgültig untergegangenes jüdisches Leben. Es gibt nur noch die Erinnerung, die sich äußert in Liedern, Erzählungen und Texten - als melancholisch-wehmütige Offenbarung einer unwiederbringlich verlorenen Zeit. Engel und Thönniß bieten diesen Einblick in der bewährten Mischung aus Texten und Tönen, der in wohlkomponiertem Wechsel dargeboten wird. Die Texte stammen von Autoren, die im ­Schtetl aufgewachsen sind. Allgemein bekannt sind Joseph Roth, Manès Sperber und Scholem Alejchem. Auch ein überragender Maler stammt von dort: Marc Chagall.

Den Anfang des Programms macht Joseph Roth mit der Beschreibung seiner Heimatstadt, der Kleinstadt Brody, die schmucklos „mitten im Flachland“ liegt. Seine alleinerziehende Mutter hat Mühe, die Kinder zu versorgen. Sperber schildert, wie gnadenlos den Kindern schon mit drei Jahren das Alphabet eingetrichtert wird. Die Religion gab den Ablauf des Tages vor mit Geboten, Gebeten und Textlesungen. Der Rabbi setzte die Maßstäbe, selbst wenn es um Hochzeiten ging.

Insgesamt entsteht der Eindruck eines friedlichen liebenswerten Menschenschlags mit allen Stärken und Schwächen. Dies könnte in heutiger Zeit eine Botschaft sein, um Feindbilder gegenüber Juden abzubauen. Diese Botschaft wurde von Burkhard Engel und Claudia Thönniß nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern unterhaltsam und mit professionellem Können übermittelt.

Engel liest lebendig, und er gestaltet und singt ausdrucksvoll. Er bewegt sich mühelos im Jiddischen, spielt Akkordeon und vor allem Gitarre. Die Violine spielt nicht, wie bei jiddischer Musik üblich, die „erste Geige“, sondern Carola Thönniß bleibt meist einfühlend begleitend im musikalischen Hintergrund.

Traurig und selbstironisch

Vor allem durch Gedichte und Lieder ist der Abend in eine sehnsuchtsvoll-traurige Stimmung getaucht, die aber durch die Selbstironie und den Humor in manchen Texten aufgefangen wird. Jüdische Fröhlichkeit kommt bei Musikeinlagen zum Vorschein, vor allem dann, wenn beim Purimfest getanzt wird. Dieser Abend in der Stadtbücherei hat Appetit auf weitere gemacht. Ulrich Staehle

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