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Geistliches Wort100 Prozent reichen nicht

In den letzten Monaten hat viele die Frage bewegt: Wie kann ich mich sicher vor einer Infektion schützen? Wir möchten uns (und unsere Lieben) am liebsten zu 100 Prozent vor Gefahren schützen.

Tatsächlich können wir durch Vorsicht und Sorgfalt viele Gefahren vermeiden. Doch sollten wir bei aller Sorgfalt nicht dem Trugschluss aufsitzen, als gäbe es hundertprozentige Sicherheit.

Dieser Tage sprach ich mit jemand, der vor einigen Jahren einen Kurs zur Sterbebegleitung besuchte. Unser Gespräch kam darauf, wie es immer seltener wird, dass Menschen zu Hause sterben. Mit einem Schuss Ironie meinte er: Viele meinen, man könnte sich an Sterbenden mit dem Tod infizieren. Ich antwortete auf die gleiche Art: Ich bin mir nicht sicher, ob sich durch Wegschieben das eigene Sterben ganz vermeiden lässt.

Wenn wir ausdrücken wollen, dass etwas 100 Prozent sicher ist, sagen wir: es ist todsicher. Um zu leben brauchen wir außer dem Konzept der Sicherheit noch ein anderes Konzept, das Konzept der Gewissheit. Paulus schreibt dazu im Brief an die Römer: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges. . . uns von der Liebe Gottes trennen kann, die in Jesus Christus unserem Herrn ist.

Paulus will damit sagen: Ich bin überzeugt, ich vertraue darauf - nicht dass ich es dir zu 100 Prozent beweisen könnte, aber auch nicht so, dass es nur eine wackelige, unbegründete Annahme wäre. Ich habe die innere Gewissheit, dass Gottes Liebe in Jesus mich hält.

Die Unsicherheit der letzten Wochen hat uns zwar vorsichtiger gemacht, aber vielfach hat sie uns auch die innere Ruhe genommen, denn die letzte Sicherheit ist nur um den Preis des Lebens zu haben.

Es ist Zeit, uns nach der Gewissheit auszustrecken, die in der Liebe Gottes in Jesus liegt. Diese Gewissheit wächst da, wo wir zu ihm kommen, auch mit Zweifeln, und sagen: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben, wie es in der Jahreslosung heißt. Diese Gewissheit macht gewiss nicht leichtsinnig, auch wenn sie Herz und Sinn leichter macht.

Christoph Schilling

Pfarrer der evang. Kirchengemeinde Ohmden

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