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Kindlich-naiv?

Zum Leserbrief „Kindlich-naiv - auch Politiker“ vom 19. März

Herr Glaßer hält Erwachsene, die das Engagement der Jugendbewegung „Fridays for future“ begrüßen, für infantil. Die Forderung der Jugendlichen, Kohlekraftwerke doch noch früher abzuschalten, klinge schön - sei jedoch kindlich-naiv. Herr Glaßer unterstellt diesen somit ein sehr eingeschränktes Politikverständnis. Ich arbeite als Politiklehrer an einer Realschule täglich mit Jugendlichen und weiß: Es ist ihnen sehr wohl bewusst, dass Politik in der Demokratie das mühsame und harte Geschäft des Interessenausgleichs betreibt und dass es darauf ankommt, seine Position deutlich zu Gehör zu bringen. Der Erfolg der Bewegung zeigt, dass die Jugendlichen mit diesem kalkulierten Regelbruch keinesfalls naiv agieren. Sicherlich stellt der Verstoß gegen die Schulpflicht eine Kontroverse dar - fraglich ist auch, ob diese Protestform so andauern muss - dennoch haben es diese jungen Menschen geschafft, den öffentlichen Fokus somit einmal mehr auf unser aller Zukunft zu richten.

Zur Frage, wie Politik funktioniert, empfehle ich die Lektüre des häufig zitierten Vortrags „Politik als Beruf“ des deutschen Soziologen Max Weber, den dieser am 28. Januar 1919 hielt. Im letzten Absatz des Textes finden wir den häufig zitierten Satz: „Die Politik bedeutet ein starkes, langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.“ Angesichts der Dringlichkeit der Transformation unseres ganzen Systems des Produzierens und Konsumierens (von den Wissenschaftler/innen von „Science for Future“ und vielen anderen belegt) hoffe ich, dass die Jugendlichen, die bei „Fridays for fu­ture“ aktiv sind, im Sinne von Max Weber ihre Leidenschaft behalten, ihre Organisationsstrukturen stärken, noch mehr Kooperationspartner/innen gewinnen - und dennoch etwas mehr Augenmaß entwickeln.

Dominik Steiner, stellvertretender GEW-Kreisvorsitzender

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