Serie Alte Weilheimer Gastwirtschaften

Ein Lokal, das zum „Chinesen“ wurde

Serie Alte Gastwirtschaften in Weilheim: Die Ratsstube am Marktplatz hatte früher einen außergewöhnlichen Namen.

Weilheim. Die Gaststätte Ratsstube in Weilheim hat Tradition: Seit 60 Jahren wird sie von der Familie Sommer geführt, seit 1962 an ihrem heutigen Standort am Marktplatz 7 neben dem Rathaus. Noch weiter zurück reicht aber die gas­tronomische Geschichte des Hauses. Der Weilheimer Stadtführer Wilhelm Braun hat in den Archiven gestöbert.

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„In den Anfängen vermerkt sind die Wirte Johann Georg Moll und Georg Leonhardt Stiber“, sagt Wilhelm Braun. Einem Aufsatz von Martin ­Mundorff im Heimatbuch „Weilheim. Geschichte der Stadt an der Limburg“ ist zu entnehmen, dass Johann Georg Moll - einst Metzger und dann Müller in Weilheim - die Wirtschaft bis 1850 betrieben hatte, sie dann stilllegte und seine Betriebsrechte vom Lokal auf die Mühle verlagerte. 1861 gingen die Schankrechte dann an Leonhard Stiber über. Wie die Gaststätte hieß, ist nirgendwo vermerkt.

„Im Jahr 1906 wurde das Gasthaus dann unter dem Namen ,Zum Chinesen‘ erwähnt“, hat Wilhelm Braun herausgefunden. Wie das Gasthaus zu seinem außergewöhnlichen Namen gekommen ist - auch dazu gibt es eine Geschichte. „Während des Boxeraufstands sind im Jahr 1900 zwei Weilheimer als Söldner nach China gegangen“, erzählt Wilhelm Braun. Einer davon war der Metzger Heinrich Schempp. „Als er aus China zurückkam, kaufte er das Haus am Marktplatz und eröffnete dort eine Metzgerei und eine Gaststätte“, erzählt Margot Hahn, die Enkelin von Heinrich Schempp. Seine Wirtschaft nannte er „Restauration zum Chinesen“. Exotische Delikatessen wurden dort allerdings keine zubereitet. „Mein Großvater war gelernter Metzger“, sagt Margot Hahn. Er bewirtete seine Gäste mit schwäbischer Kost. „Aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass mein Großvater sozial eingestellt war“, berichtet Heinrich Schempps Enkelin. So schickte er seine Kinder regelmäßig aus, um Wöchnerinnen, alte und kranke Menschen mit Schinkenwurst oder Gebäck zu versorgen.

Gerüchten zufolge soll Heinrich Schempp im Boxeraufstand einen Arm verloren haben. „Aber ob das wirklich stimmt, weiß ich nicht“, sagt Margot Hahn. Ihres Wissens betrieb ihr Großvater die Wirtschaft bis zum Zweiten Weltkrieg.

Im Jahr 1962 kaufte der Weilheimer Metzgermeister Walter Sommer mit seiner Frau Klara das Haus in der Marktstraße 7 und eröffnete dort - nachdem sie fünf Jahre die „Sonne“ in der Brunnenstraße gepachtet hatten - die Gaststätte „Ratsstube“ mit Metzgerei. Deren Sohn Heiner und Ehefrau Martina Sommer führen die Gastwirtschaft noch heute. Bianca Lütz-Holoch