Bauen und Wohnen

Klischee oder Wahrheit?

Bauen mit Architektinnen und Architekten

Das Gebäude schließt sich zum Norden mit wenig Fenstern und öffnet sich gen Süden mit einer großzügigen Verglasung. Das Obergesc
Das Gebäude schließt sich zum Norden mit wenig Fenstern und öffnet sich gen Süden mit einer großzügigen Verglasung. Das Obergeschoss wird mittels eines umlaufenden Lichtbandes belichtet. Großen Wert haben Architekt (überbau architektur Bruno Blesch, Boxberg) und Bauherr insbesondere auf die Flexibilität der Räume gelegt. Foto: Bruno Blesch

AKBW. „Die haben doch nur abgehobene Ideen!“ „Ein Architektenhaus kann ich mir nicht leisten!“ „Handwerker beraten doch auch.“ Wenn es darum geht, mit wem man am Bau zusammenarbeitet, sind oft solche oder ähnliche Klischees zu hören. Doch wie steht es mit deren Wahrheitsgehalt?

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Unabhängige Experten

Schon die alten Ägypter hatten ihre Baumeister für die Pyramiden. Sie waren für die Konstruktion und Gestaltung zuständig und kümmerten sich um die Abwicklung der Baustelle. Damals wie heute sind Architektinnen und Architekten unabhängige Experten, die ihre Bauherren beraten, für sie planen und das Projekt von Anfang bis Ende betreuen. Dabei beruht die Zusammenarbeit auf einem besonderen Verhältnis: Ähnlich wie beim Hausarzt muss die Chemie stimmen. Ein gegenseitiges Vertrauen in die Arbeit des Einen und die Entscheidungen des Anderen gibt für ein erfolgreiches Miteinander den Ausschlag. Gemeinsamkeit ist dabei ein Schlüsselbegriff - „abgehobene Ideen“ haben keinen Platz.

Vom ersten Gedanken bis zum Einzug ins Haus sind viele Schritte notwendig. In der HOAI - der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure - sind sie in Form von neun Leistungsphasen geregelt. So steht am Anfang die Ermittlung des Bedarfs: Bauherr und Bauherrin sagen, was sie sich wünschen. Bei einem Neubau wird ein Raumprogramm erstellt; bei Umbauten schaut man, was vorhanden ist und was geändert werden soll. Ist diese Wunschliste fertig, geht es ans Entwerfen. Dabei kommen erste Skizzen ins Spiel, mit denen der Architekt prüft, ob sich die Ideen tatsächlich realisieren lassen. Es folgen Gespräche mit Baurechtsbehörden und Fachplanern wie Statiker oder Brandschutzexperte. Danach erstellt der Architekt eine Kostenschätzung und einen groben Terminplan.

Als Nächstes fertigt er Zeichnungen und gegebenenfalls ein Modell an, damit sich die Bauherrschaft eine Vorstellung machen kann, was entstehen soll. Die beiden Seiten tauschen sich nun intensiv über die gewünschte Gestaltung, das Material und die Konstruktion des Bauwerks aus. Im Laufe des Entwurfsprozesses kommen neue Ideen und Gedanken hinzu; entsprechend werden die Pläne geändert und weiterentwickelt. Diese reicht der Architekt schließlich gemeinsam mit den Berechnungen sowie den ausgefüllten notwendigen Formularen bei der Baubehörde ein, die den Bauantrag prüft.

Mit der Genehmigung gibt’s den „roten Punkt“. Bevor es aber auf der Baustelle losgeht, gilt es noch zahlreiche Details festzulegen und die Ausführungspläne zu erstellen. Damit erhält der Handwerker präzise Angaben, ob die Wand beispielsweise gemauert oder betoniert werden soll, wo welcher Lichtschalter hinkommt und wie genau der Dachaufbau auszusehen hat.

Erstellung von ­Leistungsverzeichnissen

Der nächste Schritt ist die Erstellung eines Leistungsverzeichnis: Dazu zählt, die Wand- und Bodenflächen zu ermitteln, die Anzahl von Fenstern und Türen aufzulisten und zu beschreiben, was genau eingebaut werden soll. Beim Neubau lässt sich das gut anhand der Pläne bewerkstelligen. Bei Umbauten empfiehlt es sich, dass Architekt und Handwerker das vorhandene Gebäude gemeinsam anschauen und sich über das mögliche Vorgehen austauschen; denn beim Bauen im Bestand kann die Planung auf dem Papier nur als erste Grundlage dienen.

Dank einer präzisen Ausschreibung lassen sich die Angebote der Handwerker gut vergleichen. Der Architekt prüft sie, verhandelt mit den Firmen und berät seine Bauherren vor der Auftragsvergabe neutral und ohne eigene wirtschaftliche Interessen.

Während des Baus sind zahlreiche Gewerke gleichzeitig auf der Baustelle tätig. Diese Arbeiten muss jemand koordinieren. Wenn Architekten die Bauleitung übernehmen, überwachen sie auch die Baukosten, prüfen eingehende Rechnungen und dokumentieren alles. Die kompletten Unterlagen erhält der Bauherr nach Abschluss des Ganzen.

Häufig bieten auch Bauträger oder -firmen solche Leistungen an, jedoch immer gleichzeitig mit dem Verkauf eines Hauses, des Bodenbelages oder der Badinstallation. Unabhängiger Rat ist hier kaum möglich. Wer also individuellen Einfluss auf den Entwurfsprozess und die Auswahl der Handwerker ausüben möchte, ist gut beraten sich einen Architekten oder eine Architektin zur Seite zu nehmen. Das Honorar, das diese für ihre Tätigkeit bekommen, ist über die HOAI gesetzlich geregelt und entspricht erfahrungsgemäß dem Betrag, den sie durch eine gute Ausschreibung einsparen.

Betreuung einer ­Baugemeinschaft

Neben diesen klassischen Aufgaben gibt es noch weitere Bereiche, in denen Architekten mit Rat und Tat zur Seite stehen: Vor dem Kauf eines Hauses, wenn die Möglichkeiten eines Umbaus abzuklären sind, oder zur Betreuung einer Baugemeinschaft. Bei dieser kann der Architekt als neutraler Dritter die verschiedenen Interessen der Beteiligten steuern und regeln. Er versucht Konflikte rechtzeitig zu lösen und hat die Finanzen und Abläufe besser im Blick als die Bauherren, die sich dann nur auf die wesentlichen Dinge wie Nutzung der Räume oder Auswahl der Materialien konzentrieren müssen.

Die Berufsbezeichnung „Architekt“ oder „Architektin“ ist geschützt. Nur wer ein Architekturstudium erfolgreich absolviert sowie zwei Jahre gezielt berufspraktische Erfahrungen gesammelt hat, darf sie tragen. Regelmäßige Fortbildungen sind auch während der Berufsausübung Pflicht. Die Kammer wacht über ihre Mitglieder, unterstützt bei der Suche nach geeigneten Planerinnen und Planern und gibt damit den Bauherren die Sicherheit jemanden zu beauftragen, der weiß, auf was es ankommt: Für den Menschen nutzbare und gestalterisch ansprechende Gebäude zu schaffen in einer Umgebung, in der man sich gerne aufhält.

Geeignete Planerinnen und Planer finden sich unter www.akbw.de/planer-finden.htm