Berufsausbildung

Ausbildungsmarkt im Kreis Esslingen

Ausbildungsmarkt im Kreis Esslingen
Arbeitsamt Kreis Esslingen Foto: Jean-luc Jacques

Kreis Esslingen. Die Betriebe sind zurückhaltender als in den Vorjahren. Doch es gibt noch immer mehr Lehrstellen als Bewerber.

Die Betriebe im Kreis Esslingen sind zurückhaltender bei der Ausschreibung von Ausbildungsplätzen als in den Vorjahren. Doch es gibt noch immer mehr Lehrstellen als Bewerber.

Greta Gramberg

Die Sorgen, dass sich die wirtschaftlichen Turbulenzen infolge der Corona-Pandemie auch auf den Ausbildungsmarkt auswirken, waren in den letzten Wochen groß. Mitten in der Bewerbungsphase für die im September oder Oktober beginnende Lehrzeit zeigt sich nun: Bis jetzt gibt es einen Einbruch beim Stellenangebot, wenn auch nicht so stark wie befürchtet, wie Zahlen der Agentur für Arbeit für den Kreis Esslingen belegen. Demnach sind bis dato 3292 Lehrplätze für das kommende Ausbildungsjahr gemeldet worden - etwa neun Prozent weniger als im Vorjahr. Zugleich sind aber auch die Bewerberzahlen um sieben Prozent gefallen.

Stornierungen bereits gemeldeter Stellenangebote oder gar Auflösungen von Ausbildungsverträgen seitens der Unternehmen seien nur vereinzelt gemeldet worden, gibt die auch für den Kreis Esslingen zuständige Agentur in Göppingen an. „Dass die Bereitschaft generell zurückgeht, junge Menschen auszubilden, kann ich so nicht bestätigen“, sagt deren Leiterin Thekla Schlör. Dass die Zahl der Ausbildungsstellen zurückgeht, habe mehrere Gründe - nicht nur Corona, sondern auch die Digitalisierung. „Im Moment warten einige Betriebe die aktuelle Entwicklung ab, bevor sie sich entscheiden, für drei Jahre ein Ausbildungsverhältnis einzugehen. Wenige Unternehmen haben ihre Ausbildungspläne für 2020 ganz auf Eis gelegt.“

Das ist auch das Echo von der Kreishandwerkerschaft Esslingen-Nürtingen. Eine eindeutige Rückmeldung aus den Betrieben hat die Geschäftsstelle zwar nicht. „Ich fürchte aber, dass die Ausbildungsbereitschaft verhaltener ausfällt als in den Vorjahren“, sagt der Geschäftsführer Jens Schmitt. Insgesamt sei die Neigung auszubilden aber hoch, schließlich bleibe der Fachkräftemangel ein Problem.

Wenig in Gastronomie und Verkehr

Christoph Nold, der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Esslingen-Nürtingen (IHK) hat schon eine Tendenz: „Wir sehen bereits an den Eintragungszahlen der Ausbildungsverträge 2020 gegenüber dem Vorjahr einen deutlichen Rückgang der Ausbildungszahlen, mehr im kaufmännischen Bereich, etwas weniger im gewerblich-technischen Bereich.“ Im Ergebnis müsse mit einem zweistelligen prozentualen Minus bei der Zahl der neuen Ausbildungsverträge gerechnet werden - derzeit sind es 23 Prozent weniger als im Vorjahr. In Hotel und Gastronomie sowie im Verkehr- und Transportgewerbe sind sogar rund 40 Prozent weniger Verträge unterschrieben worden, bei kaufmännischen Berufen insgesamt 27 Prozent. Dennoch sagt auch die IHK: Jugendliche können noch immer eine Stelle finden, bei einer Umfrage hätten drei Viertel der befragten Unternehmen in der Region angekündigt, gleich viel oder mehr auszubilden. Vergessen dürfe man nicht, dass in den vergangenen Jahre immer mehr Lehrstellen geschaffen worden seien. „Wir kommen hier von einem extrem hohen Neuvertragsstand“, so Nold.

Hoffnungen setzen die Kammern in die vom Bund geplanten Anreize: eine Ausbildungsprämie von bis zu 3000 Euro sowie Unterstützung bei der Ausbildungsvergütung für kleinere und mittlere Unternehmen, die durch Corona Umsatzeinbußen oder Arbeitsausfall einstecken müssen und dennoch die Ausbildung aufrechterhalten. „Das Gesetzgebungsverfahren ist noch nicht ganz abgeschlossen, deswegen können wir die Reaktion der Betriebe darauf noch nicht einschätzen. Generell halte ich es aber für einen richtigen Weg, vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen unter die Arme zu greifen“, sagt auch Thekla Schlör.

„Die Krux ist: In der Summe werden noch immer mehr Auszubildende gesucht als Bewerber da sind“, so Schmitt. Auch bei einer Bewerbung im Juli hätten Jugendliche noch eine Chance, einen Ausbildungsplatz zu finden, wie die Kammern und die Agentur für Arbeit bestätigen. Rein rechnerisch kämen im Landkreis Esslingen 1,3 Berufsausbildungsstellen auf einen Bewerber, sagt Thekla Schlör. Aber diese Rechnung sei schon in den Vorjahren nicht aufgegangen, weil die Interessen der Bewerber oft nicht zu den Ausbildungsstellen gepasst hätten. Deswegen gab es beim Start des Ausbildungsjahres immer noch freie Stellen und Bewerber ohne Ausbildungsplatz. „Generell gilt: Wer bei der Berufswahl flexibel ist und sich nicht auf einen einzigen Ausbildungsberuf fixiert, hat deutlich bessere Karten als der, der nicht über Alternativen nachdenken möchte“, sagt Thekla Schlör.

Berufsorientierung fiel flach

Neu ist die Flexibilität, die Corona fordert, wie Schlör deutlich macht. Die Kontaktbeschränkungen und die wirtschaftliche Unsicherheit der Betriebe haben die Bewerbungsphase erschwert und verzögert. Berufsorientierungsveranstaltungen und Schnupperpraktika fielen aus, Bewerbungsgespräche mussten in Videokonferenzen abgehalten werden. Und auch die Beratung der Agentur konnte nicht persönlich stattfinden. Es mache sich eine Verunsicherung bei Jugendlichen und Eltern bemerkbar, so Schlör. Die Agentur biete Begleitung und Unterstützung, was in diesem Jahr noch machbar sei.

Viele Schulabgänger täten sich schwer, sich in der aktuellen Situation um eine Ausbildung zu bewerben, bestätigt Nold. Normalerweise erleben die IHKs die größte Dynamik ab circa Juni, über die Hälfte der Neuverträge würden ab dann geschlossen. Man rechne mit einer Verzögerung, „aber durchaus mit einer zunehmenden Dynamik“. Die IHK, die Kreishandwerkerschaft und die Arbeitsagentur wollen nun alles daran setzen, Betriebe und Schüler auf Ausbildungsplatzsuche zu helfen und zusammenzubringen.

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