Berufsausbildung

Neue Lehrverträge: Rückgang von 20 Prozent

IHK. Zum 1. September 2020 beginnen in der Region Stuttgart 7.531 junge Menschen bei einem Industrie-, Handels- oder Dienstleistungsbetrieb ihre Berufsausbildung. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart hat damit im Vergleich zum Vorjahr aktuell rund 1.900 neue Lehrverträge weniger eingetragen - ein Minus von 20 Prozent. Durch die Coronakrise sind zahlreiche Unternehmen gezwungen, ihr Ausbildungsengagement zu reduzieren oder sogar ganz aufzugeben. IHK-Präsidentin Marjoke Breuning: „Auch wenn wir aufgrund der aktuellen Lage mit einem Rückgang der neuen Ausbildungsverträge gerechnet haben, sehen wir diese Entwicklung mit Sorge, denn wir beobachten auch eine starke Verunsicherung bei den Bewerbern.“ Dennoch rechnet die IHK mit weiteren Vertragsabschlüssen nach den Ferien. „Aufgrund der unsicheren Wirtschaftslage entschließen sich viele Betriebe oft später noch auszubilden. Wir arbeiten weiterhin mit Hochdruck daran, Bewerber und Betriebe noch kurzfristig zusammen zu bringen“, erklärt Breuning.

Die Region Stuttgart verzeichnet damit von allen baden-württembergischen Regionen den größten Einbruch bei den neu eingetragenen IHK-Ausbildungsverträgen. „Das liegt unter anderem daran, dass unsere Region keine klassische Tourismusregion ist“, erklärt Breuning. Messen, Events und die damit verbundenen Geschäftsreisen sind aufgrund der Corona-Verordnungen zudem weitgehend abgesagt; was sich laut Breuning auch auf weniger Umsätze im Einzelhandel auswirke.

Die kaufmännischen Berufe sind vom Rückgang stärker betroffen. In diesem Bereich gibt es 21 Prozent weniger neue Auszubildende im Vergleich zum Vorjahr. Stark rückläufig sind die Berufe in den Bereichen Büromanagement, Einzelhandel und Industriekauffrau/mann. In den gewerblich-technischen Berufen starten mit 18,4 Prozent weniger Lehrlinge als im Herbst letzten Jahres.

Blick in die Branchen

Einen deutlichen Einbruch mit einem Minus von rund 37 Prozent gibt es im Gastgewerbe, das sehr stark von den Folgen von Corona getroffen ist. In ähnlich schwieriger Lage befindet sich die Druck- und Medienbranche. Starke Umsatzeinbrüche der vielen kleinen Unternehmen, die diese Branche prägen, führen zu einem Rückgang von knapp 39 Prozent bei den Neueintragungen der Lehrstellen. Auch im Verkehrs- und Transportgewerbe ist der Rückgang mit 33 Prozent schwerwiegend. Der Handel hat sich im Vergleich zum Vormonat deutlich erholt und verzeichnet aktuell ein Minus von knapp 15 Prozent. Die Wiedereröffnung nach dem Shutdown bringt nach wie vor nicht die erhoffte Kundenfrequenz, vor allem im Non-Food-Bereich. Die klassischen Metall- und Elektroberufe und der Beruf Industriekauffrau/mann verzeichnen einen Rückgang von 18,5 Prozent an neuen Ausbildungsverträgen.

Bei der IT-Branche gibt es einen Einbruch von 16,3 Prozent.

Bei den Banken wurden 17 Prozent weniger neue Verträge abgeschlossen, während hingegen die Versicherungsbranche aufgrund von stärkerer Nachfrage der Versicherungsagenturen nach Ausbildung ein Plus von 10 Prozent vorweisen kann. Neben Corona beeinflussen jedoch auch andere Faktoren diese negative Entwicklung, wie der Fahrt aufnehmende Transformationsprozess vor allem der Automobilbranche, von der die Region Stuttgart besonders betroffen ist, der Trend zu mehr dualen Studienplätzen aber auch die Verunsicherung bei den Bewerbern in diesem Jahr. Dies belegt auch eine kürzlich veröffentlichte Befragung der Bertelsmann Stiftung bei Jugendlichen. Gerade in der jetzigen Situation ist die Unterstützung der IHK sowohl für ihre Mitgliedsbetriebe als auch für die Bewerber besonders wichtig. So bietet die IHK auch den neuen Service „gemeinsam (weiter) ausbilden“ an, um zum Beispiel Auszubildende aus insolventen Betrieben in der Region in andere Ausbildungsbetriebe zu vermitteln. In der IHK-Lehrstellenbörse (www.ihk-lehrstellenboerse.de) können junge Leute noch nach freien Lehrstellen für dieses Jahr suchen. Dort sind aktuell rund 360 Ausbildungsplätze für diese Ausbildungsjahr als unbesetzt verzeichnet. „Die IHK tut alles, um Betriebe für die duale Ausbildung zu gewinnen“, so Breuning. Sie appelliert gleichzeitig an die Unternehmen, an der Ausbildung als Nachwuchsschmiede festzuhalten: „Gerade die Metropolregion Stuttgart kann es sich nicht leisten, in den kommenden Jahren auf den Berufsnachwuchs mit einer dualen Berufsausbildung zuw verzichten. Wenn sich die Wirtschaft erholt und die Konjunktur wieder anzieht, brauchen wir ausreichend Fachkräfte. Und diejenigen, die sich jetzt mit der Ausbildung den Nachwuchs ziehen, sind dann eindeutig im Vorteil.“

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