Garten im Herbst

Lasst endlich Gras wachsen

pm. Ein verrücktes Gartenjahr. Wir haben viel Zeit. Wir haben viel Zeit zuhause. Homeoffice und Freizeit gehen bei vielen nahtlos ineinander über. Reisen ist immer noch eine unsichere Angelegenheit und warum sollte man es sich dann zuhause nicht so schön wie möglich machen? Gartencenter und Baumärkte boomen, weil derzeit so viele Menschen auf genau diese Idee kommen. Es geht dabei aber nicht nur um die dekorative Gestaltung von Wohnung und Garten, es geht dabei auch in hohem Maße um die viel umfassendere Gestaltung unserer eigenen kleinen Welt. Die große Welt ist längst unübersichtlich geworden, so dass wir unseren Wirkungskreis auf das unmittelbare Umfeld konzentrieren. Hier erfahren wir Selbstwirksamkeit, hier können wir gestalten, ohne uns und andere einem Risiko auszusetzen. Und wenn man den Umfragen Glauben schenkt, dann schrecken viele auch vor größeren Vorhaben nicht zurück. Es wird viel renoviert und umgebaut, verschönert und wenn drinnen endlich alles stimmt und selbst das Bad neu gefliest ist, dann, spätestens dann, kommt der Garten dran. Schon längst sollte hier etwas passieren und wenn wir den Sommer sowieso im eigenen Garten verbringen, dann lohnt sich auch ein längeres Gedankenspiel und dessen Umsetzung in die Tat.

Grasen statt Rasen

Die Kinder sind längst aus dem Haus, aber der Garten sieht immer noch aus wie vor 15 Jahren. Im Prinzip. Der Rasen ist mehr Mühe als Freude, hat in diesem Jahr leider schon viel Wasser geschluckt, diverse halbherzige Düngeversuche erfolglos ertragen und die Mäherei ... sie nervt. Rasenroboter wäre eine Alternative. Längst sitzt niemand mehr auf einer Decke im Gras, seit Jahren wurde hier nicht gekickt oder Federball gespielt. Zeit für Neues. Blumenwiesen haben ja so viel Charme und sind gut für Insekten. Vor dem geistigen Auge entsteht ein Bild mit Kornblumen und Mohn - Wiesenbilder gehen tatsächlich unter die Haut - auch weil sie so viel mit Urlaubssehnsüchten in südliche Gefilde zu tun haben oder mit der Erinnerung an die Kindheit. Nicht überall passt eine Blumenwiese, aber vom Traum einer Wiese bis zu einem Gräsergarten ist der Weg ja nicht so weit.

Wer zum Gärtnern mit Gräsern googelt, findet den legendären Staudenpapst Karl Foerster, der bereits 1956 mit seinem Buch „Einzug der Gräser und Farne in die Gärten“ Grundlagen legte, die heute vielleicht mehr zum Tragen kommen als weiland. Im Garten ist in den 60 Jahren viel passiert. Zwischen damals und heute liegt beispielsweise die Hoch-Zeit akribischer Rasenflächen, von der wir heute annehmen dürfen, dass sie trotz wendiger, automatisierter Mähgeräte mittlerweile überschritten ist. Im Angebot und in den Verwendungsweisen von Gräsern liegt viel Bewegung. Die ernstzunehmende Gartenarchitektur der Jetztzeit kommt definitiv nicht ohne sie aus. An Rasenflächen denkt man dabei allerdings nicht, vielmehr an wogende Prärien und im Wind surrende und knisternde Halme. Wesentliche Motive liegen in der Ökologie und in veränderten Ansprüchen und Werten, die man mit dem eigenen Garten verbindet. Wir machen uns um unsere kleine Welt Gedanken. Der extreme Rückgang der Artenvielfalt sowie der Energie- und Wasseraufwand in immer heißeren und trockeneren Sommern lassen viele doch ernsthaft über Alternativen nachdenken. Jeder kann und soll etwas zum Klima beitragen, so die gängige Meinung, dann fangen wir doch am besten in unserem eigenen Garten an und machen ihn ökologischer, lebensfreundlicher, natürlicher und lebendiger. Und wenn das alles noch mit überschaubarem Pflegeaufwand zu bewerkstelligen ist und zudem schön aussieht und uns chemiefrei gärtnern lässt, dann ran an die Veränderung: Hin zum Gras. Gras kann nämlich sehr vielseitig sein und ein langweiliges Abstandsgrün in einen lebendigen, spannungsreichen Garten verwandeln, der seinen Betrachtern Freude spendet und gleichzeitig Vögeln, Schmetterlingen und Insekten eine natürliche Lebensgrundlage bietet.

Das Handicap zuerst: Solange man nicht mit immergrünen Gräsern arbeitet, beginnt die Gräsersaison später im Jahr, etwa im Juni, d.h. mit Gräsern allein ist es nicht getan. Die gute Nachricht ist lang: Gräser sind wunderbare Partner für Stauden, Blumenzwiebeln, Gehölze oder Einjährige. Es gibt sie winzig und riesig, kissenbildend oder als stattliche Solitäre. Sie gedeihen an sonnigen und schattigen Standorten, und da wo sie das tun, schaffen sie Struktur und Leichtigkeit.

Blowing in the wind

Keine andere Pflanzengruppe geht so mit dem Wind, schafft so viel Dynamik und fängt so wunderbar das Licht am frühen Morgen oder am späten Abend. Ihr Zierwert kennt kein Ende, wenn man sich erst einmal in Gräser verliebt hat. Dann folgt man den Lehren des Niederländers Piet Oudolf und lässt sie über den ganzen Winter stehen. Mit Tautropfen, mit Rauhreif oder gar mit Schnee gibt es keine schöneren Winterbilder im Garten. Gräser im Garten taugen nicht für eine kurze Mode, sondern eher für nachhaltiges Gärtnern. John Greenlee, ein amerikanischer Gräserguru, steht für designte Wiesen und dies nicht nur in Kalifornien. Gemeinsam mit dem Staudengärtner Klaus Peters von Elegrass hat er in Deutschland und auch in den Niederlanden Gärten mit heimischen Gräsern angelegt. Entstanden sind im privaten und öffentlichen Raum artenreiche Bepflanzungen, die viel Harmonie ausstrahlen und einem Staudenbeet in Fülle und Komplexität in Nichts nachstehen. Mitten in Kranenburg, einer Gemeinde am unteren Niederrhein, hat Peters unterstützt durch das Gedankengut und die Erfahrungswelt von John Greenlee an Kreisverkehren und Bushaltestellen, artenreiche Gräsergärten geschaffen. „Ich wollte damit einfach verhindern, dass sich meine Heimatstadt mit dem Argument vermeintlicher Pflegeleichtigkeit verschottert“, so der Staudengärtner über sein Experiment, das aufgegangen ist. Es sind schöne Beete entstanden. Bei großem Gewinn für das menschliche Auge, die Umwelt und die Natur ist der Pflegeaufwand überschaubar. „Mit Gräsern entstehen Symphonien von Farben, Licht und Texturen, die faszinieren, genügsam und sehr langlebig sind“, schwärmt Peters. Jahreszeitliche Akzente liefern dazu Präriestauden und Blumenzwiebeln, die sich wunderbar ergänzen.

Die Zeiten sind krisenhaft und Corona hat uns noch fest im Griff, lassen wir doch einfach Gras drüber wachsen und erinnern wir uns damit an einen Sommer voller Entscheidungen. Vielleicht gehört eine lebensfreundliche „gestaltete Wiese“ als Mini-Ökosystem dazu. Weitere Informationen zu den verschiedenen Gräsern, ihren Kombinationsmöglichkeiten und Verwendungsweisen sind unter www.stauden-peters.de sowie www.elegrass.com zu finden.

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