Ortsvorstellung Jesingen

1 250 Jahre im Wandel

– eine neue Ortsgeschichte würdigt den Kirchheimer Ortsteil Jesingen

Dr. Frank Bauer, Leiter der Abteilung Kultur der Stadtverwaltung Kirchheim unter Teck und Leiter des Stadtarchivs.Foto: Jörg Bäc
Dr. Frank Bauer, Leiter der Abteilung Kultur der Stadtverwaltung Kirchheim unter Teck und Leiter des Stadtarchivs. Foto: Jörg Bächle

Ein Gastbeitrag von Dr. Frank Bauer

Eine Person, die die Geschichte kennt, kann die Gegenwart besser verstehen und aktuelle Entwicklungen viel besser einschätzen, als jemand, der bei jeder Veränderung bass erstaunt ist. Dies gilt im persönlichen sowie im öffentlichen Bereich, für jede Person wie für jedes Gemeinwesen. Eine kollektive Erinnerung, die beständig gepflegt wird, bewahrt uns davor, falsche Entscheidungen zu treffen und unzutreffende Vergleiche zu ziehen. Ein Blick in die neue Jesinger Ortsgeschichte offenbart zudem, dass vieles, was „neu“ und „bahnbrechend“ erscheint, in Wirklichkeit gar nicht so neu ist.

Das zentrale Anliegen, das mit der neuen Jesinger Ortsgeschichte verbunden ist, besteht in einer Symbiose. So war es mein Ziel, zum einen eine wissenschaftlich fundierte und präzise Beschreibung der Geschichte des kleinen Ortes am Rande der Teck zu liefern. Bei allen Verdiensten, die das alte Heimatbuch aus dem Jahr 1969 besitzt, so ist es jedoch keine wissenschaftliche Studie, die mit Quellen arbeitet. Alle Namen und Zahlen der Studie „1 250 Jahre im Wandel“ sind hingegen in Bänden, Akten und Urkunden nachgewiesen und können in den Archiven in Karlsruhe, Stuttgart, Esslingen und natürlich auch im Stadtarchiv Kirchheim unter Teck nachgeschlagen werden. Zum anderen war es mein Ziel, eine Ortsgeschichte für die Jesingerinnen und Jesinger zu schreiben. Es sollte also eine Erzählung sein, die Sie alle gerne und mit Vergnügen lesen und in der Sie sich und Ihr Dorf wiederfinden. Mit Zeitzeugeninterviews, historischen Abbildungen und tollen neue Fotografien ist es uns gelungen, dieses Anliegen erfolgreich umzusetzen.

Und ja, Sie haben richtig gelesen - uns. Ein solches Mammutprojekt kann unmöglich allein gestemmt werden. Dass diese neue Ortsgeschichte jetzt zu erwerben ist, das war nicht nur mein Verdienst. Eine ganze Reihe an Akteuren hat vielmehr dazu beigetragen, dieses Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Neben meinen Koautoren, also Manfred Waßner, Matthias Ohm, Rosemarie Reichelt, Dr. Sabine Widmer-Butz und Renate Schattel, danke ich vor allem den Grafikern Claudia Mayerle und Sascha Klemm sowie dem Fotografen Ralph Steckelbach für ihren verdienstvollen Einsatz. Auch Rose Schorer und Eva Diehl haben sich als Mitarbeiterinnen des Stadtarchivs bei der Erstellung dieser Publikation viele Verdienste erworben.

Der Inhalt der neuen Ortsgeschichte ist chronologisch aufgebaut. Angefangen mit der ersten urkundlichen Erwähnung Jesingens 769 n. Chr. im Lorscher Kodex, wo es noch unter der Bezeichnung Uosinga geführt wurde, über die Zeit im Besitz des Klosters St. Peter bis zur Eingliederung der Siedlung in die Grafschaft Württemberg, die sich während der 1450er-Jahre vollzog, wissen wir nur sehr wenig über unseren Ortsteil. Manfred Waßner versteht es als erfahrener Kreisarchivar und Ortshistoriker des Kreises Esslingen dennoch, eine packende und leicht verständliche Geschichte über diese Zeit zu erzählen. Wie die Menschen in jener Zeit aussahen, wie sie ihren Alltag gestalteten und welche Wünsche und Sorgen sie hatten - all dies bleibt im Dunkel der Geschichte weitestgehend verborgen oder lässt sich nur bruchstückhaft erkunden. Dafür bietet Manfred Waßner mit seiner kleinen Sprachgeschichte einen interessanten Einblick in die Geschichte des Ortsnamens und macht uns mit einem gewissen „Uoso“ vertraut - dem Stammvater aller Jesinger.

Erst das Vordringen des modernen Staates verlieh den zuvor anonymen Jesingerinnen und Jesingern im Herdstättenverzeichnis von 1525 einen Namen, den wir auch heute noch lesen können. In jene Zeit fällt auch eine der wichtigsten Veränderungen Jesingens, die Reformation. Diese brachte nicht nur den Gottesdienst in der deutschen Sprache mit sich. Durch den Einzug der kirchlichen und klösterlichen Besitztümer wurde das Herzogtum Württemberg zudem zum größten Grundherren vor Ort. Der 100 Jahre später tobende Dreißigjährige Krieg wiederum erzeugte ein bis dahin unbekanntes Ausmaß an Zerstörung, Leid und Elend in Mitteleuropa, Württemberg und natürlich auch in Jesingen. Die landwirtschaftlich genutzten Anbauflächen, die Gebäude, der Viehbestand und natürlich auch die Einwohnerzahl des Ortes sanken in jenen Jahren des Krieges drastisch. Rosemarie Reichelt versteht es fabelhaft, diese Zeit des Umbruchs und der Gewalt dem Leser zu vermitteln. Eine der prägendsten Institutionen etablierte sich ebenfalls kurze Zeit später - die Kirchenkonvente. Diese Moral- und Sittengerichte hinterließen mit ihren Protokollen eine packende und fesselnde Quelle, die dem Leser tiefe Einblicke in das Alltagsleben ihrer Vorfahren gewährt.

Die Reformen des frühen 19. Jahrhunderts, welche im Gefolge der Französischen Revolution auch Württemberg erreichten und den deutschen Südwesten grundlegend umgestalteten, brachten auch eine Welle der Veränderungen nach Jesingen. Die Leibeigenschaft wurde beseitigt, während der Zunftzwang sukzessive gelockert wurde. Den Gewinn an Freiheit und Möglichkeiten beantworteten viele Jesinger mit einem gewagten Experiment - der Auswanderung in die neue Welt. Dr. Sabine Widmer-Butz widmet sich dieser Zeit des Aufbruchs, der neuen Mobilität und der aufkommenden Industrie - einer beschleunigten Zeit des Dampfes - die unserer Zeit in vielerlei Hinsicht ähnlicher ist, als viele Zeitgenossen vermuten.

Das 20. Jahrhundert schließlich brachte mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg große Erschütterungen mit sich, die das Leben nahezu aller Jesinger Familien berührten. -Neben dem Verlust von Angehörigen führte der Abschied von der alten Heimat für viele deutschsprachige Menschen aus Ostmitteleuropa zu Elend und Not. In Jesingen fanden viele von ihnen eine neue Heimat. Die Ursache für all dieses unvorstellbare Leid, das historisch nur mit den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges vergleichbar ist, liegen in einem fanatischen Nationalismus. Über jene Zeit, die das alte Heimatbuch gänzlich unberührt ließ und die auch heute noch viele schmerzvolle Erinnerungen bei den Angehörigen weckt, berichtet Renate Schattel auf eine präzise und dennoch zugleich pietätvolle Art. Auch die Zeit der Weimarer Republik, die in den 1920er-Jahren mit der Inflation viel Not und Armut in die Gemeinde brachte, erläutert sie auf eine eindringliche Art und Weise.

Die Zeitgeschichte wird sowohl von mir als auch von meiner Kollegin Renate Schattel bearbeitet. In diesem Kapitel berichten wir über den Wiederaufbau der Gesellschaft, die Erweiterung der Schule und des Kindergartens, das Vereinsleben, die Eingemeindung nach Kirchheim unter Teck 1974, die Unternehmen des Ortes und die Veränderung des Ortsbildes. Dieses Kapitel wird wohl für alle Zeitzeugen das spannendste und interessanteste sein.

Über all diese Umbrüche, Veränderungen und Einschnitte weiß die neue Ortsgeschichte Jesingens anschaulich zu berichten. Sie umfasst ca. 500 Seiten und ist für 39,90 Euro in der Kirchheimer Tourist-Information in der Max-Eyth-Straße, beim Teckboten, im Stadtarchiv Kirchheim unter Teck in der Wollmarkstraße 49, im Rathaus Jesingen und in Buchhandlungen zu erwerben. Viel Spaß bei der Lektüre!

Die offiziellen Einweihungsfeierlichkeiten am Jesinger Bahnhof am 14. September 1908
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Die Schule (im Rathaus) in Jesingen 1913
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Das Gasthaus zum Hirsch mit Schlachthaus in Jesingen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
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