Ortsvorstellung Weilheim

Wie lebten die Menschen im Lindachtal im Jahr 769?

tb. Spannende Vorträge über die Geschichte Weilheims wurden bereits in der ersten Hälfte des Jubiläumsjahres in der Peterskirche präsentiert:

Karl der Große und Weilheim

Was hat Karl der Große mit Weilheim zu tun? Wie lebten die Menschen im Lindachtal im Jahr 769? Der Vortrag über „Karl der Große und Weilheim“ und die Schenkung an Kloster Lorsch 769 eröffnete am 12. März die Vortragsreihe im Jubiläumsjahr: Professor Dr. Steffen Patzold ließ in seinem Vortrag die Welt des Frühmittelalters am Fuß der Limburg lebendig werden.

Sorge ums Seelenheil

Zwar ist kein Besuch Karls des Großen in Weilheim belegt - aber dennoch hatte die frühe Geschichte Weilheims viel mit dem bedeutendsten aller Frankenkönige zu tun. In einem kurzweiligen Vortrag entführte der Tübinger Mittelalter-Historiker seine Zuhörer von der Weilheimer Peterskirche aus nicht nur ins Kloster Lorsch, sondern auch „in eine ferne Welt“: Während man heute mit dem PKW in rund zwei Stunden von Weilheim nach Lorsch an der Bergstraße gelangt, musste man im 8. Jahrhundert „eine Reise von fünf Tagen zu Pferd“ einplanen. Ausgerechnet an dieses weit entfernte Kloster Lorsch verschenken die Brüder Sulman und Hildrich im Jahr 769 Besitztümer „in Wilheim et in Bissingen et Osinge(n)“. Ihre Motivation war damals weit verbreitet: die Sorge ums Seelenheil. „Sie schenken ihre Güter ja nicht dem Kloster Lorsch, sondern dem Heiligen Nazarius, dessen Reliquien das Kloster 765 durch Papst Paul I. erhält“, erklärt Steffen Patzold. „So wollten sie den Märtyrer als Fürsprecher beim Jüngsten Gericht gewinnen.“ Das Kloster Lorsch war damals noch ganz jung: Gegründet 764, kam es 771 unter den persönlichen Schutz Karls des Großen. 769 war Karl noch nicht „der Große“. Ein Jahr zuvor hatte er, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Karlmann, die Herrschaft angetreten: „Karl war gerade mal 20, Karlmann ungefähr 17.“ Es handelte sich um den ersten Thronwechsel der Karolinger als Könige. 751 hatte Karls Vater Pippin „einen Staatsstreich vollzogen“ und den letzten Merowinger-König abgesetzt. Thronwechsel bezeichnet Steffen Patzold als „Krisenzeiten“. Das trifft erst recht auf eine Dynastie zu, deren Herrschaft noch kaum etabliert ist: „768 lag die Entmachtung der Merowinger durch die Karolinger nicht länger zurück als für uns heute die Einführung des Euro.“ Außerdem waren sich die Herrscher-Brüder Karl und Karlmann keineswegs so einig, wie die Brüder Sulman und Hildrich in der Weilheimer Erstnennungs-Urkunde. Sie standen vielmehr kurz vor einem Bruderkrieg. Dann kam Karl ein Todesfall zu Hilfe: „Die Krise löste sich für Karl den Großen, weil sein Bruder mit 21 Jahren starb.“ Ohne diesen „biologischen Zufall“, der seine Alleinherrschaft begründete, wäre Karl nicht unbedingt „der Große“ geworden. 769 aber lebte Karlmann noch, und Weilheim gehörte zu seinem Herrschaftsgebiet. Lorsch dagegen lag in Karls Einflussbereich. Die Schenkung von Sulman und Hildrich erfolgte also über Herrschaftsgrenzen hinweg. Zu allem Überfluss ist auch die Originalurkunde von 769 verloren gegangen - ein Pergamentzettel. Überliefert ist das Rechtsgeschäft nur in einer Abschrift aus dem 12. Jahrhundert, im Lorscher Codex. In diesem Buch sammelten die Mönche alle ihre Urkunden. Die Abschriften jedenfalls bezeichnet Steffen Patzold als „Back-up“, als „Sicherungskopie“.

Ungewöhnlich viele Belege

Außer Gütern in Weilheim, Bissingen und Jesingen erhielten die Lorscher Mönche noch elf namenlose Unfreie, sozusagen „das Betriebspersonal für die Güter“. Der erste Weilheimer der Geschichte, der namentlich erwähnt wird, taucht ebenfalls im Lorscher Codex auf: 814 - im Todesjahr Kaiser Karls des Großen - geht ein Weilheimer „servus“ namens „Benzo“ aus dem Besitz eines Regismund in den Besitz des Lorscher Klosters über. Insgesamt gibt es zwischen 769 und 814 acht Urkunden, die sich explizit auf Weilheim beziehen. Grund genug für Steffen Patzold, den Weilheimern zu gratulieren - zu einem besonders frühen Erstbeleg und zu einer hohen Dichte von Belegen: „Das ist für diese Zeit sehr ungewöhnlich.“

Steffen Patzold zeigt in der Peterskirche den wichtigen Ausschnitt aus dem Lorscher Codex - den Ausschnitt, in dem erstmals der
In der Peterskirche hielt Thomas Zotz einen Vortrag über die Verbindung der Zähringer zur Limburgstadt. Foto: Markus Brändli

Weilheim und seine Zähringer

Am Dienstag, 4. Juni, hielt der Freiburger Professor Thomas Zotz in der Peterkirche in Weilheim einen Vortrag zum Thema „Ein Schlüssel zu Weilheims Geschichte: Die Zähringer“. Dabei beschäftigte er sich besonders mit „Berthold mit dem Bart“, der als Vorfahr der Zähringer vermutlich vor 1050 auf einer der frühesten Höhenburgen im deutschen Südwesten residierte und auf der Limburg und am Fuße des Bergs eine Propstei stiftete.

Thomas Zotz begann mit dem Ende der Karolinger Zeit und knüpfte damit an den Vortrag über Karl den Großen und Weilheim von Steffen Patzold an. Auf dem Weilheimer Hausberg, der Limburg, entstand vermutlich vor 1050 eine der frühesten Höhenburgen im deutschen Südwesten. Auf ihr saß „Bertold mit dem Bart“, ein Vorfahr der Zähringer. Er war ein Vertrauter von Kaiser Heinrich III. und Anwärter auf das schwäbische Herzogtum. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung, stattdessen erhielt er 1061 von der Kaiserwitwe Agnes das Herzogtum Kärnten. Im heutigen Stadtkern Weilheims stiftete Bertold eine Propstei, die ein Hauskloster werden sollte. Diese Idee wurde aufgegeben und von Bertold II. - an ihn erinnern die Bertold-Weine, deren Reben auf der Limburg wachsen - nach St. Peter verlegt.

Die mit den Staufern verwandten Zähringer nannten sich seit Ende des 11. Jahrhunderts nach ihrer Burg Zähringen bei Freiburg. Im 12. Jahrhundert bekam das Geschlecht eine bedeutende Machtstellung, die sie sich im Zusammenhang mit dem Investiturstreit „erarbeitet“ hatte. Auch das Stichwort Canossa fällt im Vortrag. Der Legende nach soll König Heinrich IV. tagelang vor der dortigen Burg um Einlass gefleht haben, nachdem er im Zuge des Investiturstreits exkommuniziert worden war. Jahre später wurde Heinrich IV. zur Abdankung gezwungen - hinter der Intrige steht Gebhard III. von Zähringen.

Weilheim an der Teck im 16. Jahrhundert

Weitere spannende Geschichten mit drei Referenten bilden den Abschluss der Vortragsreihe am Donnerstag, 24. Oktober, in der Peterskirche um 19.30 Uhr: Eine politische Affäre, gemalte Rätsel und ein Spiegelbild des Alltags- Weilheim an der Teck im 16. Jahrhundert. In drei kurzen Vorträgen bieten die drei Historiker Tilmann Marstaller, Georg Wendt und Manfred Waßner überraschende und unterhaltende Einblicke in eine Zeit vor fünf Jahrhunderten, die uns fremd und entfernt vorkommt, aber nahe und verständlich wird, wenn man sich mit den Quellen beschäftigt.

Dr. Georg Wendt spricht über „Die Affäre Schultheiß. Ein Weilheimer Skandal vor 450 Jahren“, Tilmann Marstaller über „Die Rätsel der Peterskirche, die Habsburger und Weilheimer Traditionen“ und Manfred Waßner über „Den Wein gemischt, das Vieh geschlachtet: Das Kloster Sankt Peter und seine Güter in Weilheim“. Die Vortragsreihe zur Weilheimer 1250-Jahr-Feier hat Kreisarchivar Manfred Waßner konzipiert.

Vortragsreihe in der Peterskirche, Stadtjubiläum, Vortrag von Prof. Dr. Steffen Patzold, Karl der Große und
Steffen Patzold zeigt in der Peterskirche den wichtigen Ausschnitt aus dem Lorscher Codex - den Ausschnitt, in dem erstmals der Name "Wilheim" auftaucht. Foto: Markus Brändli