Saubere Luft

Maßnahmen gegen Übertragung durch Aerosole

TB. 239 Wissenschaftler aus 32 Ländern und zahlreichen Disziplinen forderten bereits im vergangenen Sommer die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem offenen Brief auf, die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus über die Luft ernst zu nehmen und ihre Empfehlungen entsprechend anzupassen. Einer dieser Unterstützer des Appells ist Professor Hartmut Herrmann, Leiter der Abteilung Chemie der Atmosphäre (ACD) am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung.

Ansteckungsgefahr über Aerosole ernst nehmen

Die Experten appellierten an Ärzte und Verantwortliche im Gesundheitswesen weltweit, die Ansteckungsgefahr mit dem Virus über Aerosole sehr ernst zu nehmen. Das Risiko komme vor allem in überfüllten Räumen mit schlechter Belüftung zum Tragen, erklären sie in einem offenen Brief, der an die Weltgesundheitsorganisation WHO adressiert ist. Die New York Times (NYT) hatte Anfang Juli 2020 darüber berichtet.

Die Problematik hat bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren - im Gegenteil: Hochansteckende Mutanten des Virus fordern Maßnahmen mehr denn je - insbesondere im Hinblick auf den kommenden Herbst.

Die Erklärung von den Professoren Lidia Morowska und Donald K. Milton enthält konkrete Empfehlungen für praktische Maßnahmen:

1. Eine ausreichende und effektive Belüftung in öffentlichen Gebäuden, an Arbeitsplätzen, Schulen, Krankenhäusern und Seniorenheimen (so weit wie möglich frische Außenluft statt Umluft)

2. Die Belüftung sollte durch luftgestützte Infektionskontrollen ergänzt werden, so etwa durch hocheffektive Filteranlagen beziehungsweise Anlagen mit UV-C-Technik.

3. Eine Überfüllung in öffentlichen Verkehrsmitteln oder öffentlichen Gebäuden sollte vermieden werden.

4. Oft reiche es schon aus, Türen und Fenster gleichzeitig zu öffnen, damit die Luft besser zirkulieren kann.

Die Rolle der Aerosole

Die Experten führten an, dass die WHO und weitere Public Health Organisationen zu Beginn der Pandemie weltweit vor allem vor der Übertragung des Virus durch größere Tropfen gewarnt hatten, die freigesetzt werden können, wenn eine infizierte Person hustet oder niest. Diese Tropfen sind relativ schwer und fallen rasch zu Boden oder auf Oberflächen. Deshalb wurden Abstandsregeln und häufiges Händewaschen empfohlen.

In ihrem Brief konzentrieren sich die Forscher mit ihren Aussagen dagegen auf die Rolle der Aerosole. Zahlreiche Studien haben ihren Aussagen zufolge bisher zweifelsfrei belegt, dass Viren generell vor allem beim Ausatmen, Sprechen und Husten freigesetzt werden. Denn dabei werden Aerosole ausgestoßen, die in der Luft hängen bleiben und ein Risiko für all diejenigen darstellen, die sich mehr als ein bis zwei Meter von einer infizierten Person entfernt befinden. So wird beispielsweise ein Aerosol von fünf Mikrometern durch die Luft über Dutzende von Metern weitertransportiert - viel weiter als eine normale Raumgröße - und sinkt aus etwa 1,5 Metern Höhe auf dem Boden nieder.

Laut der Experten sei stark davon auszugehen, dass sich SARS-CoV-2 ähnlich verhält. Mit anderen Worten: Das Coronavirus kann nach Auffassung der Wissenschaftler in winzigen Tropfen in stagnierender Luft überleben und dabei Menschen während des Einatmens infizieren. Händewaschen, Abstandsregeln und die Vermeidung von Kontakten mit größeren Tropfen seien zwar angebracht, doch werde die Gefahr von Aerosolen, die von Infizierten in die Luft ausgestoßen werden, unterschätzt. Die Übertragung über den Luftweg sei beispielsweise die einzig plausible Erklärung dafür, weshalb „Superspreader“-Events starke Ausbrüche mit dem Coronavirus auslösen konnten. Die Übertragung über den Luftweg mit feinsten Tröpfchen sei gleichzusetzen mit der Übertragung durch größere Tropfen.

Die Wissenschaftler wollen in ihrem Brief dafür sensibilisieren, dass die Übertragung von COVID-19 über die Luft ein ernst zu nehmender Risikofaktor ist und dass die von ihnen empfohlenen Maßnahmen zusätzlich zu bisher empfohlenen Maßnahmen greifen sollten.

Auf Anfrage unsere Zeitung schrieb uns Professor Lidia Morawska eine Mail: „Die WHO zu überzeugen, war nicht so einfach.“ Die gegenwärtigen Präventionsempfehlungen zahlreicher nationaler und internationaler Gremien für COVID-19 seien bisher noch nicht ausreichend. Der nächste Schritt liege laut Morawska in den Händen der nationalen Behörden. Diese Stellen sollten Vorschriften für die Gebäudeplanung und die technische Kontrolle erlassen, um die Ausbreitung von Infektionen zu verringern. „Dies ist sicherlich keine kleine Aufgabe, und daher gehen alle bisherigen Vorschriften nur in die Richtung, in der das Tragen von Masken vorgeschrieben ist.“ Sie fordert: „Weltweit müssen wir überdenken, wie moderne Gebäude gestaltet sind: Ohne Zugang zu natürlicher Belüftung, völlig abhängig von mechanischen Systemen, selbst in Klimazonen wie in Australien, in denen sie den größten Teil des Jahres natürlich belüftet werden können.“ Dies führe bisher nicht nur zu einem massiven Energieverbrauch, sondern erzeuge Innenräume, die die Ausbreitung von Infektionen und viele andere Probleme mit sich bringe, wie beispielsweise die Ausbreitung von Schimmelpilzen. Sie ist sich sicher und appelliert: „Die Änderung wird nicht schnell erfolgen, aber es wird geschehen, und wir alle müssen uns gegenseitig unterstützen, um dies zu erreichen!“

Über die Expertin

Lidia Morawska ist Professorin an der Queensland University of Technology (QUT) in Brisbane, Australien, und Direktorin des Internationalen Labors für Luftqualität und Gesundheit (ILAQH) an der QUT, einem Kooperationszentrum der Weltgesundheitsorganisation für Forschung und Forschung Ausbildung im Bereich Luftqualität und Gesundheit.

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