Architektur

„Räume prägen“ - Besichtigungstour in Kirchheim

pm. Am Samstag, 29. Juni, ist Tag der Architektur. Alle Bürgerinnen und Bürger sind von der Architektenkammer Baden-Württemberg eingeladen, unter fachkundiger Führung ausgewählte Bauten in ihrer Umgebung kennenzulernen. Das Motto des diesjährigen Aktionstags lautet „Räume prägen“.

Die Kammergruppe Esslingen II lädt ein zu einem Spaziergang mit Historiker Dr. Eberhard Sieber durch Kirchheim. Auf den Spuren von Architekt Philipp Jakob Manz (1861 - 1936) werden gründerzeitliche Villen und repräsentative Industriebauten in der Paradies-, Kolb-, Plochinger und Dettinger Straße vorgestellt und besichtigt.

Dabei kommen städtebauliche Aspekte genauso zur Sprache wie die Grundrisseinteilung oder die Gestaltung der Gebäude. Es soll nachgespürt werden, wie der Raum prägt: Welche Wirkung übt er aus, wie fühlen sich die Nutzer darin? Und was macht er mit seiner Umgebung? Denn jeder Bau formt auch die Nachbarschaft mit. Die gemeinsame Besichtigungstour bietet für die Teilnehmenden viele Gelegenheiten, eigene Fragen zum Planen und Bauen zu klären. Die Tour startet in der Plochinger Straße:

Villa- und Kontorgebäude J. J. Müller

1881 erwarb der aus Tuttlingen stammende Johann Jakob Müller die Rupfersche Textilfirma am Nordrand der Stadt Kirchheim. Er und nach 1892 seine drei Söhne führten die Firma erfolgreich weiter, und 1910 konnten sie es sich leisten, ein sehr repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus bauen zu lassen. Sie beauftragten den prominenten Architekten Manz, der damals auf der Höhe seines Ruhmes stand. Das sehr große Haus (270 qm Grundfläche) war insofern sehr ungewöhnlich, weil es alles in einem war: Bürohaus, Lagerhaus und Wohnhaus, das Ganze mit starker Außenwirkung in der Plochinger Straße 58.

Villa J. J. Müller
Foto: E. Sieber: Gründerzeitliche Villenarchitektur und repräsentativer Fabrikbau, Schriftreihe Stadtarchiv Kirchheim Band 38/2016

Wollhaus J. J. Müller

Nach der Firmenschließung wurden die Fabrikgebäude um die Villa Müller abgebrochen und Ende der 70er-Jahre einer neuen Wohnbebauung zugeführt. Von der ehemaligen Fabrik blieb ein Teil des Wollhauses in der Plochinger Str. 58/1 erhalten. Sanierung und Umbau dieses Wollhauses erfolgte durch das Architekturbüro U. Schäufele im Jahr 2003 und wird heute als Büro genutzt.

Villa Dr. Glöckler

1905 ließ sich der vorher im Haus Marktstraße 2 praktizierende naturheilkundlich ausgerichtete Arzt Dr. Friedrich Glöckler in der Schülestraße 18 ein geräumiges, nicht historisierendes Wohnhaus bauen, in dem er auch seine Praxis unterhielt. Er wohnte darin bis zu seinem Tod 1948.

Villa Dr. Glöckler
Foto: E. Sieber: Gründerzeitliche Villenarchitektur und repräsentativer Fabrikbau, Schriftreihe Stadtarchiv Kirchheim Band 38/2016

Villa Haag Teil zwei der Führung führt in die Paradiesstraße:

Dass die Paradiesstraße einen einheitlichen, stilsicheren Eindruck macht, liegt an Philipp Jakob Manz, der 1894 dort sein erstes Haus baute. Bauherr war der wohlhabende Kaufmann Otto Haag, der mit Schuhmacherartikeln handelte. Er gehörte zu den ganz frühen Auftraggebern von Manz. Das Haus in der Paradiesstraße 11 aus der Frühzeit von Manz ist ganz im historisierenden Stil gehalten. Von 1910 bis 1932 war es Sitz der Oberamtssparkasse.

Villa Haag
Foto: E. Sieber: Gründerzeitliche Villenarchitektur und repräsentativer Fabrikbau, Schriftreihe Stadtarchiv Kirchheim Band 38/2016

Villa Weitzmann

1895 ließ sich die Witwe des wohlhabenden Kaufmanns Arthur Weitzmann in der Paradiesstraße 10 von Manz ein sehr schönes Wohnhaus direkt an der Lauter erbauen - ebenfalls im historisierenden Backsteinstil. Die Lauter machte offensichtlich Hochwasserprobleme, da war Manz als gelernter Wasserbautechniker in seinem Element. Durch geeignete Baumaßnahmen wurde die Hochwassergefahr gebannt. Das Haus kam nach dem Tod der Witwe Weitzmann in den Besitz von Schirmfabrikant Wilhelm Späth. Dieser ließ 1905 an der südlichen Seite durch den Kirchheimer Bauwerkmeister Eugen Most einen einstöckigen Anbau errichten.

Villa Battenschlag

Emil Battenschlag, der in der Marktstraße ein Ladengeschäft für Kurz- und Wollwaren führte, widmete sich nebenbei, später ausschließlich der Herstellung von Strümpfen. Dies so erfolgreich, dass er sich nach Zwischenstationen in Schlierbach und Ohmden in Kirchheim ein ausgedehntes Gelände kaufen konnte, auf dem er seine Strumpfproduktion aufbaute und sukzessive erweiterte.

1902 beauftragte er Manz mit der Erstellung eines repräsentativen Wohnhauses auf dem Firmengelände in der Paradiesstraße 7. Manz entwarf ein ganz dem Zeitgeschmack entsprechendes Haus mit einer Mischung aus Neobarock, Neorenaissance und Jugendstil. Durch die Fassade aus weißen rheinischen Backsteinen kam der vornehme Eindruck zustande.

Villa Oehler

Fußläufig erreicht die Gruppe die dritte Anlaufstation in der Kolbstraße: Als erster Manz-Bauherr ließ sich der Dettinger Pfarrer Friedrich Oehler für seinen Ruhestand in der vornehmen Bahnhof-, bzw. der später aufgelassenen Olgastraße (heutigen Kolbstraße 29) ein aufwendiges, nicht historisierendes Haus erbauen. Manz wohnte selbst in der Bahnhofstraße 3, im Haus von Kaufmann Stecher. Oehler war seit 1884 Pfarrer in Dettingen, sehr konservativ und bereits von geschwächter Gesundheit. Er war durch die Herausgabe von Kasualreden (geistliche Amtshandlungen) zu einiger Berühmtheit gelangt. Er starb 1897.

Villa Ernst Müller

1895 ließ sich Bezirksnotar Ernst Müller im neugotischen Stil in der heutigen Kolbstraße 30 ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus erbauen. Der Notar, der im 1. Stock wohnte, ließ sich zwei Jahre später im Garten hinter dem Haus noch ein eigenes Büro, einen „Comptoirbau“, errichten. Im Dachgeschoss befanden sich die Kammern für das Dienstpersonal. Die Parterrewohnung wurde vermietet, vielleicht hat sogar Manz selbst eine Zeit lang darin gewohnt. Vermutlich hat sich der Notar übernommen oder er hat krumme Geschäfte gemacht, jedenfalls konnte er nicht lange in dem schönen Haus wohnen: Er wurde vergantet, d. h. er hat Konkurs gemacht und musste das Haus verkaufen. Erworben haben es 1909 der Nachbar Fabrikant Christian Gaier und seine Ehefrau für die gewaltige Summe von 55 500 Mark. Müller wurde wegen Betrugs und Untreue bestraft, verlor sein Amt als Notar und hat sich dann als Rechtsagent betätigt, von der Ortspolizei überwacht.

Villa Jäger

1896 ließ sich der in Tuttlingen wohnende Dekan Karl Jäger für seinen Ruhestand in Kirchheim in der heutigen Kolbstraße 32 ein prächtiges Wohnhaus im historisierenden Stil erbauen. Wie repräsentativ die Villa war, lässt sich daran ablesen, dass Fabrikdirektor Karl Ottens von Kolb und Schüle dort Wohnung bezog und das Erdgeschoss anmietete, später nach Jägers Ableben die vornehmere Beletage. Mit dem Bus fährt die Gruppe dann zur letzten Station der Führung:

Villa Max Weise

1887/88 hatte der aus Sachsen stammende Max Weise von Emil Helfferich eine Flanschenfabrik mit 35 Arbeitern gekauft und sie sehr schnell ausgeweitet. Die Firma „Emil Helfferich Nachfolger“ verkaufte ihre Produkte ins gesamte Reichsgebiet und ins benachbarte Ausland. Die Produktionsbedingungen der Firma wurden wesentlich verbessert durch den Gleisanschluss. Weise hatte sich energisch für die Verlängerung der Eisenbahn von Kirchheim nach Oberlenningen eingesetzt. Max Weise war der erste größere Auftraggeber von Manz. Bereits 1892 beauftragt Weise Manz mit dem Bau einer herrschaftlichen Villa gegenüber der Fabrik in der Dettinger Straße 95. Manz entwarf ein für Kirchheimer Verhältnisse ungewöhnlich aufwendiges und repräsentatives Wohnhaus. Die Außenwirkung war sicher beabsichtigt. Die Villa zeigte die Prosperität und Kreditwürdigkeit des Unternehmens sowie die patriarchalische Unternehmensführung. Der Baustil entsprach dem Zeitgeschmack, historistisch mit Anklängen an die Neorenaissance. Der Bau erregte in Kirchheim beträchtliches Aufsehen und wurde Ziel von sonntäglichen Spaziergängen an den Stadtrand. Er begründete den Ruhm von Manz als Architekt von prächtigen und repräsentativen Bauten von hoher Qualität. 1904 wurde die Villa beträchtlich erweitert, 1914 noch mal durch ein „Blumenzimmer“. In den 1940er-Jahren kam es zu einem Dachstuhlbrand - für die Dachreparatur, der die Dachschmuckformen zum Opfer fielen, wurde wieder das Büro Manz herangezogen, inzwischen in den Händen von Max Manz. Er firmierte immer noch unter der Bezeichnung „Baurat Manz“, obwohl es diesen Titel längst nicht mehr gab.

Die ehemalige Villa Max Weise
Foto: Jörg Bächle

Villa Fritz Weise

Bereits 1903 beauftragte Max Weise Manz mit dem Bau eines standesgemäßen Wohnhauses für seinen Sohn Fritz. Manz lieferte mehrere Entwürfe, die Weise offensichtlich nicht gefielen, denn der endgültige Plan fiel viel größer und moderner aus. Die dann 1907 auf dem Nachbargrundstück gebaute Villa in der Dettinger Straße 101 umfasste eine Grundfläche von über 300 Quadratmetern.

Der Baustil des jetzt als obere Villa bezeichneten Hauses unterschied sich stark von der Elternvilla (jetzt untere Villa) und spiegelt die Stilentwicklung von Manz: Keine historistischen Schmuckformen mehr, dagegen Anklänge an den Jugendstil, etwa im geschwungenen Mansardgiebel, im Eingangsportal und einzelnen Fensterstürzen. Fritz Weise, der sein Ingenieurstudium abgeschlossen hatte, wurde von seinem Vater 1906 in die Firma aufgenommen und heiratete 1907 Elvira Schweizer. Sie war die Tochter von Eugen Schweizer, dem Schwiegersohn des Papierfabrikanten Karl Wilhelm Scheufelen aus Oberlenningen. Max Weise hatte Schweizer 1906 die Schraubenfabrik in Dettingen verkauft. 1908 erhielt Fritz Prokura, 1903 wurde er Mitinhaber. Nach dem Krieg beherbergte Elvira Weise auf Vermittlung des aus Kirchheim stammenden späteren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier eine Gruppe von aus Schlesien vertriebenen Hochadligen um Davida von Moltke. 1974 wurde die Villa an das Land Baden-Württemberg verkauft. Es ist heute Sitz des Polizeireviers Kirchheim.

Comptoirbau

Die Firma Emil Helfferich Nachfolger expandierte sehr stark, entsprechend wurde sehr viel gebaut. Immer hieß der Architekt Philipp Jakob Manz. Die Firma endete 1977, die meisten Gebäude existieren nicht mehr. Übrig geblieben sind eine Fabrikhalle mit Sheddachoberlichtern und vor allem die Kopfbauten zur Dettinger Straße. Sie wurden von 1894 bis 1912 in mehreren Etappen aus- und umgebaut. Das unterkellerte Gebäude in der Dettinger Straße 92 enthielt eine Por­tierloge, Büro- und Lagerräume. 1912 bekam das Ensemble endgültig sein für ein Bürogebäude ungewöhnlich repräsentatives Aussehen. Das Comptoirgebäude stellt durch die originelle Bauweise eine neue Stufe der Manzschen Architektur dar: Es spiegelt das Selbstbewusstsein des Fabrikanten, das sich nicht mehr historisch überlieferter Formen bedient, sondern eigene Stilmittel entwickelt und nach außen darstellt.

Der Comptoirbau in der Dettinger Straße
Foto: Jörg Bächle

Kutscherhaus

1910 ließ sich Max Weise von Manz schräg gegenüber der oberen Villa in der Dettinger Straße 106 ein Kutscherhaus bauen, um Pferde und Kutschen unterzubringen, dazu eine Wohnung für die Kutscherfamilie. Es ist aufschlussreich, dass der berühmte Großarchitekt einen Pferdestall baute, allerdings: Es wurde ein architektonisches Schmuckstück mit Anklängen an den Jugendstil. Es illustriert den Anspruch der Fabrikanten, den Adel an der Spitze der gesellschaftlichen Rangfolge abzulösen. Hier endet der diesjährige Spaziergang mit Historiker Dr. Eberhard Sieber durch Kirchheim auf den Spuren von Architekt Philipp Jakob Manz der Kammergruppe Esslingen II.

Anmeldung erforderlich

Anmeldung bei zaiser + schwarz architekten BDA, ­Telefon 0 70 22/3 86 57 oder per ­E-Mail an kg-es2@akbw.de. Die Tour ist gratis.