Tag des Handwerks

„Wir brauchen Käpsele“

Foto: Andreas Kaier
Trommler fürs Handwerk (von links): Kreishandwerksmeister Karl Boßler, der Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart Rainer Reichhold, Landrat Heinz Eininger und der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Jens Schmitt. Foto: Andreas Kaier

Für die Handwerker in der Region ein Anlass, für ihre Branche zu trommeln. „Viele Berufsbilder haben kaum noch etwas mit dem zu tun, wie sie vor 20 Jahren ausgesehen haben“, sagt Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart. „Sie sind modern und innovativ. Das müssen wir bei den jungen Leuten nur noch rüberbringen.“

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Die Wirtschaft boomt, die Auftragsbücher der Handwerker sind voll. Im Baugewerbe zum Beispiel planen die Betriebe im Schnitt fast 20 Wochen voraus. „Der Fachkräftemangel ist teilweise tatsächlich eine Wachstumsbremse“, sagt Reichhold. Händeringend sucht man nach Nachwuchs. Das liege auch an der demografischen Entwicklung. „Menschen, die nicht geboren worden sind, werden eben nicht Handwerker, aber auch nicht Arzt oder Ingenieur.“ Stolz ist er deshalb, dass in der Region Stuttgart in diesem Jahr sechs Prozent mehr Lehrlinge einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben als im Vorjahr. „In Esslingen-Nürtingen haben wir sogar ein Plus von 7,5 Prozent“, ergänzt Kreishandwerksmeister Karl Boßler. Lücken klaffen aber weiter vor allem in den Nahrungsmittelhandwerken und auch bei weniger bekannten Berufen wie Orthopädietechniker oder Mechatroniker für Kältetechnik.

Einen weiteren Grund für den Nachwuchsmangel sieht Boßler darin, dass viele Eltern eine akademische Laufbahn für das Nonplusultra halten. „Dabei kann man mit einer guten Ausbildung ebenfalls eine tolle Karriere machen.“ Jens Schmitt, Geschäftsführer der Handwerkerinnung Esslingen-Nürtingen, weist darauf hin, dass man im Handwerk durch die kleineren Betriebsgrößen oft schneller nach oben komme als in der Industrie. „Und die Arbeitsplätze sind auch in Krisenzeiten sicher.“

Landrat Heinz Einiger findet, dass an den Gymnasien die Vielfalt an Karrieremöglichkeiten nicht ausreichend aufgezeigt wird. „Die Berufsorientierung kommt dort immer noch zur kurz“, kritisiert er. „Uns ist doch nicht gedient mit mittelmäßigen Ingenieuren und Betriebswirten und massenhaft Leuten, die ihr Studium abbrechen.“ Vielmehr sollten die jungen Menschen einen Weg wählen, der ihren Neigungen und Fähigkeiten entspreche. „Auch in vielen Handwerksberufen braucht man Käpsele.“ Das kann Präsident Reichhold nur bestätigen. „Was wir brauchen ist eine tatsächliche Gleichwertigkeit von beruflicher Bildung - in der Förderung, aber auch in der Wahrnehmung von Politikern, Eltern, Lehrern.“ Da müsse ein Umdenken stattfinden. Der Handwerkspräsident fordert deshalb, dass auch Baden-Württemberg schleunigst einen Bonus von mindestens 1 500 Euro für eine bestandene Meisterprüfung einführt. „Das Studium ist kostenfrei, Meisterschüler haben aber Kosten von mehreren Tausend Euro.“ Wo da die Gerechtigkeit bleibt, kann er nicht sehen. Das Gleiche gelte für die kostengünstigen Studitickets. Die Kammer habe sich deshalb an die Verkehrsbetriebe gewandt. Es gebe erste positive Signale, dass auch Meisterschüler in Zukunft Vergünstigungen erhalten.

Vorreiter bei der ­Digitalisierung
Die Digitalisierung hat auch im Handwerk Einzug gehalten und viele Berufe grundlegend verändert. „Zum Beispiel in der Möbelproduktion schneidet die CNC-Maschine nach einem Datensatz selbst komplexe Werkstücke“, sagt Reichhold. Die Diskussion, jungen Menschen in der Schule das Smartphone zu verbieten, hält er für Humbug. „Die Jugendlichen eignen sich spielerisch sehr viel digitales Wissen an. Und denen kann man auch beibringen, wie sie das für ihr Berufsfeld nutzen können“, sagt er. Der Landkreis Esslingen nehme in Sachen Digitalisierung an den beruflichen Schulen eine Vorreiterrolle ein, betont der Landrat. Im Februar wurde beispielsweise in der Friedrich-Ebert-Schule in Zell das landesweit erste „Multilabor - Handwerk 4.0“ eingeweiht. Hier lernen zum Beispiel angehende Elektroniker und Anlagemechaniker gemeinsam in Lerntandems, wie smarte Steuer- und Regelungstechnik bei Heizung und Lüftung im Raum funktioniert. Weitere Lernfabriken sind in Planung. Auch die Hochvoltwerkstatt an der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen will Eininger weiter voranbringen. „Und im nächsten Jahr haben wir in allen beruflichen Schulen im Kreis Breitband“, sagt Eininger.

Frauen stellen nur etwa ein Drittel der Beschäftigten im Handwerk. Da gibt es also noch ordentlich Potenzial für zukünftige Fachkräfte. „Es gibt ja nicht nur Bäckerei- oder Fleischereifachverkäuferinnen. Wir haben 130 Berufe“, sagt Reichhold. Durch die technische Entwicklung sei auch die körperliche Belastung in den meisten Berufen massiv zurückgegangen. Unter anderem mit dem Girl’s Day, bei dem Mädchen in typische Männerberufe hineinschnuppern können, will das Handwerk um Frauen werben. Eines der größten Hemmnisse, mehr Frauen fürs Handwerk zu gewinnen, sieht Karl Boßler in der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Obermeister der Kraftfahrzeuginnung Kirchheim-Nürtingen erlebt immer wieder, dass viele Frauen Riesenprobleme haben, ihre Arbeitszeiten mit den Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen in Einklang zu bringen. „Ab 17 Uhr kriege ich niemanden mehr“, sagt er. „Da müssen die Einrichtungen flexibler werden.“ Viele Handwerksbetriebe gingen inzwischen sehr individuell auf die Bedürfnisse von Frauen ein, sagt Reichhold. „In Stuttgart hat zum Beispiel die Chefin einer Buchbinderei eine Tagesmutter für ihr eigenes wie auch für die Kinder ihrer Mitarbeiterinnen eingestellt.“Doris Brändle