Lossprechung

Mir sind wenig Frauen auf Baustellen begegnet

Foto: oh/Mariam Ghalaini
Sophia Weinmann war in ihren Ausbildungsjahren die einzige Frau unter den Fliesenlegern – und ist auch jetzt im Meisterkurs allein unter Männern. Foto: oh/Mariam Ghalaini

pm. Es gilt immer noch als außergewöhnlich, wenn Frauen auf der Baustelle oder in einer Werkstatt arbeiten. „Mir sind bisher wenig Frauen auf Baustellen begegnet. Wenn, dann in Führungspositionen“, bestätigt Franziska Dangel. Die 23-Jährige hat im Februar ihre Ausbildung als Klempnerin beendet und dabei „eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht“. Sie habe sich immer akzeptiert gefühlt und nie dumme Kommentare gehört, erzählt die junge Frau, die nach dem Abi ein duales BWL-Studium im Bereich Immobilienwirtschaft absolviert hat. Dabei hat sie festgestellt, dass ihr die Bauvorlesungen viel Spaß machen. So hat sie beschlossen, im elterlichen Betrieb in Lenningen eine Ausbildung zu machen. Dabei hat Franziska Dangel gelernt, wie Metallfassaden und -verkleidungen entstehen, Blechdächer und Regenrinnen geplant, gefertigt und angebracht werden. Auch die Arbeit in der Werkstatt findet sie spannend. „Heute finde ich schade, dass ich früher nicht mehr in der Werkstatt herumgestromert bin“, sagt die junge Frau. So musste sie - wie eine Fremde im Familienbetrieb - lernen, wo sich was befindet, welche Maschine was kann. Als sehr hilfsbereit hat sie da die Kollegen erlebt. Aber klar ist ihr auch, dass es sicher eine Rolle gespielt hat, dass sie die Tochter des Chefs ist. Ihre Eltern leiten den 40 Mitarbeiter starken Betrieb seit 2006, der 1969 vom Opa gegründet wurde.

Fragende Blicke und ehrliche Hilfe
Franziska Dangel ist überzeugt: „Frauen können im Handwerk genauso gut ausgebildet werden wie Männer.“ Ihre 20-jährige Schwester Elena hat sich inzwischen auch fürs Handwerk entschieden. Sie studiert BWL, Fachrichtung Handwerk. Die Praxisphase absolviert sie ebenfalls im elterlichen Betrieb, was sich als abwechslungsreich herausstellt: Büro, Werkstatt, Baustelle. „Aber das Praktische ist bisher eher mein Bereich“, sagt Franziska Dangel lachend. Inzwischen sind die Schwestern Teil der Initiative „Frauen im Handwerk“, ins Leben gerufen von der Handwerkskammer Region Stuttgart. Als @diehandwerkschwestern informieren sie über den Ausbildungsberuf der Klempnerin.

Auf Baustellen gebe es manchmal fragende Blicke, wenn sie ankomme. „Aber das ist eher neugierig, weil es eben nicht ins Bild passt“, sagt Franziska Dangel. Wenn es schweres Material zu tragen gibt, wollen es die Männer vom Bau der 23-Jährigen meist abnehmen. „Da sag ich dann schon, dass ich es selbst kann“, erzählt sie. „Wenn es mal nicht geht, nehme ich auch gern Hilfe an.“ Und welche Pläne hat die junge Frau? „Ich möchte erst noch praktische Erfahrung sammeln. Man lernt täglich Neues dazu. Irgendwann möchte ich den Meister machen“, sagt Franziska Dangel. Dass sie eines Tages gemeinsam mit der Schwester den Betrieb übernehmen wird, ist naheliegend. „Momentan lassen wir da aber noch alles offen.“

Strammes Programm

Einen kleinen Schritt weiter ist Sophia Weinmann. Die gelernte Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerin besucht zurzeit den Meisterkurs in Stuttgart. Die 23-jährige Esslingerin stammt aus einem Fliesenlegerbetrieb und war „von klein an auf Baustellen dabei“. Während der Schulzeit hat sie schon ein Praktikum im Handwerk gemacht und nach dem Abi die Ausbildung zur Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerin begonnen. „Die Jüngste hat’s ins Handwerk geschafft“, sagt sie lachend mit Blick auf zwei ältere Schwestern, die andere Berufe haben. Die Ausbildung hat sie nicht im elterlichen Betrieb absolviert. Dafür war das Ausbildungsprogramm - mit dem Ziel, eines Tages den Familienbetrieb zu übernehmen - umso strammer: Sie machte nicht nur die duale Ausbildung, sondern ein triales Studium mit den Abschlüssen als Gesellin, Betriebswirtin, Bachelor of Arts und Meisterin. Viereinhalb Jahre dauert es; den Gesellenbrief und den Betriebswirt hat Sophia Weinmann schon in der Tasche. Die Bachelorarbeit hat sie kürzlich abgegeben, im Mai folgen die mündlichen Prüfungen - und seit Februar besucht sie die Meisterschule. Dort will sie dann im Februar 2022 ihre Prüfung machen. Wenig Freizeit, zumal sich ihr Studium in Köln auf freitagabends und samstags konzentrierte. „Manchmal war es schon blöd, wenn andere was ausmachen und ich konnte nicht dabei sein“, sagt sie. Inzwischen ist sie zurück und arbeitet neben dem Meisterkurs im elterlichen Betrieb mit. Die Eltern hätten anfangs schon Bedenken gehabt, ob ein körperlich anstrengender Job das richtige für ihre Jüngste sei. „Man gewöhnt sich aber an die Belastung“, sagt Sophia Weinmann. „Ein Sack Kleber wird mit der Zeit leichter.“ Das Fitnessstudio könne man sich aber tatsächlich sparen bei dem Job, sagt sie scherzhaft. Generell arbeite man auf der Baustelle ja viel zusammen. „Wenn mal was zu schwer ist, muss man das halt kommunizieren.“ Wie auch ihre Handwerkskollegin Franziska Dangel hat sie sich von den Männern am Bau immer gut angenommen gefühlt. Viel eher werde sie oft neugierig gefragt, wie sie zu diesem Beruf kam. Dann kann es sein, dass sie ins Schwärmen kommt - etwa davon, wie toll es ist, etwas Neues zu erschaffen. „Ich mag es, wenn man alles Alte rausreißt, palettenweise Material anschleppt und am Ende ein komplett neues Bad hat.“ Von Stephanie Danner

Foto: oh/kuhnograph
Franziska (vorn) und Elena Dangel packen im elterlichen Betrieb mit an. Sie sind inzwischen durch eine Initiative der Handwerkskammer Region Stuttgart als #diehandwerkschwestern bekannt. Foto: oh/kuhnograph
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