Lossprechung

Schneidern für ein selbstbestimmtes Leben

Maßschneidermeisterin Celina Kirschmann ist nach Sambia gereist, um den dort lebenden Frauen das Nähen beizubringen – und ihnen damit den Weg in ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben aufzuzeigen.

Entwerfen, Schneiden, Nähen: In der Schule lernen die sambischen Frauen einfache Techniken, die ihnen neue Zukunftsperspektiven eröffnen. Foto: privat

Viele Menschen möchten mit ihrem Handeln die Welt ein Stück weit besser machen. Wie kaum eine andere Branche bietet das Handwerk die Chance, das weltweit zu tun. Celina Kirschmann, 21, hatte schon früh den Wunsch, ihre Fähigkeiten zum Wohle anderer einzusetzen. Seit September unterrichtet die Maßschneiderin aus Holzmaden Sambierinnen in einer Bildungseinrichtung und bringt ihnen die notwendigen Fähigkeiten bei, damit sie sich selbständig machen und für Ihren Lebensunterhalt sorgen können.

Bestmeisterin mit Auslandsplänen

Schon als Kind entdeckte Kirschmann ihre Leidenschaft für das Nähen und fertigte kleinere Arbeiten für Freunde und Verwandte an. Über eine Freundin wurde sie auf die bekannte Kerschensteinerschule in Stuttgart aufmerksam. „Für mich war das die Gelegenheit, mein Hobby zum Beruf zu machen“, erklärt die Handwerkerin. Innerhalb von drei Jahren absolvierte sie die Ausbildungen zur Damenschneiderin und zur staatlich geprüften Modedesignerin und hatte zusätzlich die Fachhochschulreife in der Tasche. Der Wunsch, im Ausland zu arbeiten, war bereits nach der Lehre vorhanden, doch die Pandemie verhinderte die Reise. Kirschmann machte das Beste aus der Situation und wurde für ihre Mühe belohnt: Im Herbst 2021 wurde sie als Bestmeisterin im Maßschneider-Handwerk ausgezeichnet.

Eintauchen in eine neue Kultur

Celina Kirschmann hatte schon immer Freude daran, ihr Wissen an andere weiterzugeben. „Ich wollte unbedingt mit meinen Fähigkeiten Menschen helfen und informierte mich, in welchen Ländern das möglich ist.“ Bei der Missionsorganisation Operation Mobilisation wurde sie fündig: Im Rahmen eines Projekts erlernen Frauen in Sambia das Schneiderhandwerk. „Mich hat besonders angesprochen, den Frauen die notwendigen Fähigkeiten an die Hand geben, um unabhängiger zu werden.“ Das Projekt verfolgt das Ziel, dass sich die Frauen selbständig machen und für ihren Lebensunterhalt sorgen können, indem sie Kleider auf Märkten oder an Freunde verkaufen. „Sie sollen auch Mut und Wertschätzung erhalten, denn noch immer werden viele von Männern unterdrückt.“

Am 1. September reiste die Handwerkerin in den Süden Afrikas. Bekannt ist Sambia für seine vielfältige Tierwelt, atemberaubende Landschaften und die spektakulären Viktoriafälle, aber auch die Armut ist groß. „Das Land hat erstmal sehr überfordernd auf mich gewirkt: Die Infrastruktur, die bunten Märkte und das Lernen sind ganz anders.“ Wichtig sei die Kleiderordnung: Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Getragen werden oft sogenannte Chitengis, lange und farbenfrohe Stoffbahnen mit kreativen Mustern, die um die Taille gewickelt werden. Gegessen wird mit den Händen. Auf dem Speiseplan stehen viele Blätter, dazu Tomaten, Zwiebeln und oft der Maisbrei Nshima, das Nationalgericht.

Einfache Techniken mit großer Wirkung

Drei Sambierinnen leiten die Schule, in der Kirschmann als Lehrerin arbeitet. Die Voraussetzungen der Schülerinnen sind so verschieden wie die Altersspanne, die von 18 bis Ende 50 reicht. „Einige wissen beispielsweise nicht, wie mit einem Lineal umgegangen wird.“ Das Projekt möchte bewusst alle Frauen aufnehmen und ihnen die Möglichkeit geben, das Nähen zu lernen. „Nachdem die Lehrerinnen gesehen haben, dass ich vom Fach bin, habe ich viel Verantwortung bekommen und durfte gleich die erste Unterrichtsstunde allein durchführen.“ Anfangs sei der Unterricht herausfordernd gewesen, doch je öfter sie vor der Klasse stand, desto besser verstand sie, welche Themen und Schwerpunkte für die Frauen wichtig sind. In den ersten Stunden brachte Kirschmann den Schülerinnen einfache Handnähte bei, denn nicht alle Frauen besitzen eine Nähmaschine. Im Unterricht behandelt sie auch verschiedene Stiche für Kleidungsstücke wie Jutetaschen oder Schürzen. „Wir sind aber auch tiefer in die Schnittherstellung eingestiegen und haben Röcke, Blusen und zum Schluss ein Kleid geschneidert.“ Wichtig sei, die Anforderungen langsam zu steigern. „Der Fokus liegt auf Grundfertigkeiten – die Kleider müssen keine Meisterstücke sein.“ Zum Abschluss der Ausbildung, die im Februar beginnt und im Dezember endet, absolvieren die Frauen ein einwöchiges Praktikum in einer Schneiderei und bekommen ein Zertifikat. „Das Zertifikat wird gut angesehen und die Freude der Frauen ist riesig, endlich etwas in der Hand zu haben.“

Dankbarkeit und Wertschätzung

„Die Frauen, die in dem Projekt arbeiten, investieren unglaublich viel Liebe und Zeit – und machen einen tollen Job“, erzählt die Bestmeisterin. Besonders berührt habe sie die Freude und die Wertschätzung der Schülerinnen für ihre Arbeit. „Mir wird definitiv die große Dankbarkeit in Erinnerung bleiben.“ Die wunderschöne Natur und die Kultur werde sie ebenfalls nicht vergessen: „In den Städten und auf den Märkten findet ein farbenfrohes und reges Leben statt.“ Auf der anderen Seite sei aber auch die Armut spürbar.

„Jeder, der neugierig ist und etwas Neues entdecken will, sollte ins Ausland gehen!“, empfiehlt Kirschmann. Das Handwerk eigne sich dafür besonders gut. Mitte Juli geht es für sie wieder zurück nach Deutschland. Um ihr Wissen zu erweitern, soll dann ein Textiltechnik-Studium mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit folgen.

Foto: privat
Foto: privat
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