Lokale Kultur

40 Jahre und kein bisschen leise

Kirchheim. Die Stimmung hätte besser nicht sein können und auch das Wetter ließ nichts zu wünschen übrig, als am vergangenen Samstag die Kirchheimer Projektband „The Holzfellaz“ den zweiten Tag des Rollschuhplatzfestivals 2008 eröffnete.

Heinz Böhler

Die sieben Musiker kamen für ein Konzert im Kirchheimer Kultclub zusammen und nahmen alles auf die Schippe, was sich an Klischees im Szene-Dschungel von Rap und Hip-Hop findet.

Mit Spannung erwartet, lockte der zweite Bühnenact des Samstags vor allem die Fans der australischen Hardrock-Ikonen „AC/DC“ auf das Festivalgelände. Auch etliche Motorräder eines bekannten amerikanischen Herstellers trugen ihre mittlerweile in Ehren ergrauten „Reiter“ dorthin, wo die vier Mädels von den „Hells Belles“, die sich aus organisatorischen Gründen mit einem männlichen Gitarristen verstärkt hatten, nach „TNT“, „Highway to Hell“, „The Jack“ und natürlich den unvermeidlichen „Höllenglocken“ das ultimative Bekenntnis hinterließen: „Let ­There Be Rock.“

Sie waren die einzigen Europäer, deren Demoband Gnade vor den Ohren der Organisatoren des renommierten Bridgeport-Bluesfestivals an der Ostküste der USA fanden.

Was müssen die Entscheider gedacht haben, als sie „Dr. Mablues & the Detail Horns“ live erlebten? Waren die Techniker professionell genug, sich nicht vom ersten Stück an vor Lachen im Gras zu wälzen, anstatt ihrer Arbeit nachzugehen? Wir wissen es nicht, dürfen jedoch an dieser Stelle vermelden, dass Mischer-Guru Achim Bosch mit seiner Ton- und Lichttechnikercrew während des gesamten Festivals einen sehr guten Job machte und dafür sorgte, dass das Vergnügen bei den Musikern und ihrem Publikum bis zu jenem unseligen Torres-Tor nicht abnahm. Rhythm & Blues vom Allerfeinsten, garniert mit einer Bühnenshow voller Überraschungen, bis hin zu einer (fast) perfekten Elvis-Parodie riss das Publikum auf dem Rollschuhplatz zu Beifallsstürmen hin, zumal wenn Sänger/Gitarrist „Gaz“ seine Rock-Röhre zu „Halleluja, I love her so“ erschallen ließ.

Was wäre der Kirchheimer club bastion ohne Andreas Kenner? Er ließ jedenfalls keinen Zweifel daran, dass es sich nur um eine rhetorische Frage handeln konnte, als er auf die vierzig zurückliegenden Jahre und eine damit einhergehende äußerst erfolgreiche Kulturarbeit hinwies, bevor er mit der Reggae-Band „Vitamin X“ zum Abschluss des Samstagsprogrammes einen weiteren Festival-Höhepunkt ankündigte. Seit dreißig Jahren „on the road“ präsentierten die fünf aus der Karibik und Afrika stammenden Musiker bis tief in die Nacht einen unkomplizierten Reggea-Sound.

Nicht nur mit dem Haft- ond Hokafescht fiel der Festivalsonntag im Jubiläumsjahr des Veranstalters zusammen, sondern, als besondere Dreingabe, mit dem Endspieltag der Fußball-Europameisterschaft. Was böte sich mehr an, dachte man sich seitens der Stadt Kirchheim und der Ausrichter des Festivals, als den Rollschuhplatz direkt im Anschluss an das Musikprogramm zur „Public ­Viewing Location“ umzubauen. So wurde das abschließende Konzert der „Dicken Kinder“ aus Landau schon für 18 Uhr angesetzt und anschließend in einer Blitzaktion das Mischpult abgebaut und die Bühne geräumt und Platz für mehrere Tausend Fußball-Fans geschaffen, die in ihren weißen Trikots und der schwarz-rot-goldenen Kriegsbemalung unaufhaltsam jeden Quadratzentimeter des Platzes eroberten. Doch zuvor – nämlich schon ab dem späten Vormittag – hatten die Fans der Country-Musik von „Devils und Söhne“ sowie der einstündigen (Musik)-Comedydarbietungen der „Lost Locos“ ihren Spaß.

Freunde des Hardfolk-Sounds der Gruppe „Moria“ kamen ab etwa 16 Uhr zum Zuge und konnten mit ansehen, wie sich Sänger Boris Kunze auf der direkt in der westlich-abendlichen Sonneneinstrahlung gelegenen Bühne bis zur völligen Erschöpfung verausgabte. Was danach zum musikalischen Höhepunkt werden sollte, geriet zu einer Art Gesprächstherapiestunde, die die wechselnden Sänger der Formation „Dicke Kinder“ offenbar sich und ihrem Publikum verordnet haben mochten. In der Zeit, in der sie ihren Zuhörern beizubringen versuchten, wann und wo zu klatschen, schreien oder mit dem Hintern zu wackeln sei, hätten sie das musikalische Programm gut und gerne um 30 Prozent ausdehnen können. Wenn der geplante Song dann doch endlich in die Mache genommen wurde, gab es nichts mehr zu kritisieren. Mit anderen Worten: Die Mucke war – wenn sie kam – zweifellos immer vom Allerfeinsten.

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