Lokale Kultur

A bissle Schwäbisch für Herz ond Hirn

Hans Paulin präsentiert in seiner Gedichtsammlung „So zwischanei“ Heiteres und Nachdenkenswertes

Hans Paulin mit seinem Buch " So Zwischanei "
Hans Paulin mit seinem Buch " So Zwischanei "

Kirchheim. Gedichteschreiber tun sich zuweilen schwer, sich das ihnen gebührende Gehör zu verschaffen und genügend Menschen zu finden, die sich gerne einen Reim auf sie und ihre Verse machen wollen. Gute Mundartgedichte sind dabei eine ganz besonders anspruchsvolle und daher eher seltene Kunst.

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Wenn es ein bisher überwiegend zum eigenen Vergnügen schreibender Autor aber aus dem Stand heraus geschafft hat, mit ein paar wenigen, dafür aber umso gelungeneren Zeilen in die honorige Liste der Träger des renommierten Sebastian-Blau-Preises vorzudringen, lohnte es sich durchaus, geduldig darauf zu warten, bis das alles auch einmal in einem liebevoll gestaltete Gedichtbändchen auf den Markt drängt und damit nicht mehr nur handverlesenen Juroren und privilegierten Freunden und Bekannten eine Freude machen kann.

Der in Kirchheim lebende Hans Paulin hat schon immer gerne seine interessanten Gedanken über Gott und die Welt, vor allem aber über die dort lebenden Menschen und ihre Eigenheiten in Reime gefasst und damit bei unzähligen Veranstaltungen im Freundes- und Bekanntenkreis viel verdienten Applaus geerntet. „Auftrags-Lylik“ für Jubiläen und Geburtstage hat keinen allzu hohen Stellenwert, kann aber entsprechend meisterhaft aufbereitet und beherrscht großes Vergnügen garantieren – wenn man nicht gerade derjenige ist, der von einem aufmerksamen Beobachter so treffend beschrieben wird, dass alle anderen geladenen Gäste feixen vor Vergnügen.

Hans Paulin hat in seinen Lehr- und Wanderjahren die seltene Gabe entwickelt und immer weiter verfeinert, persönliche Eigenheiten seiner Mitmenschen so elegant auf den Punkt zu bringen, dass die konturenscharf gezeichneten Porträts nie zur verletzenden Karikatur verzeichnen, sondern immer etwas schon Vorhandenes süffisant betonen.

Vor drei Jahren hat der frühere Lehrer an der Alleenschule und nie plump auftrumpfende, sondern eher auf den Zauber ironisierender Zwischentöne setzende Wortakrobat tatsächlich das Kunststück fertiggebracht, beim renommierten Sebastian-Blau-Preis unter 144 Mundartschriftstellern zu den zehn Finalisten zu gehören. Der Sprung auf das von „alten Hasen“ belegte Siegerpodest blieb ihm zwar verwehrt, doch war Hans Paulin ganz besonders stolz darauf, dass er die hochkarätige Jury mit der Qualität seines Beitrags überzeugen und mit einem vierten Platz das Feld der bis ins Finale vorgestoßenen Amateure anführen konnte.

Was mit einem Überraschungserfolg und einem namhaften Preis bei seinem ersten „richtigen“ öffentlichen Auftritt begann, hat jetzt auch den Weg in den Buchhandel gefunden. Das mit dem bescheidenen Titel „So zwischanei“ daherkommende Büchlein, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt, ist eine sehr lesenswerte Sammlung von gedichteten Geschichten und Geistesblitzen unterschiedlichster Provenienz, denen bei aller Unterschiedlichkeit gemein ist, dass sie „A bissle Schwäbisch für Herz ond Hirn“ versprechen und vor allem auch sehr kurzweilige gute Unterhaltung garantieren.

Das preisgekrönte Gedicht „Computerles“ wird dabei nicht ins strahlende Licht gerückt und ehrfurchtsvoll auf einen Sockel gesetzt, sondern muss im bunten Gedränge unterschiedlichster anderer Kostbarkeiten selbst entdeckt und gegebenenfalls bei passender Gelegenheit auch einmal wiedergefunden werden.

Wie sich schnell zeigt, ist das anerkannte und hochdekorierte Meisterwerk, in dem Hans Paulin mit feiner Selbstironie seine leidvollen Erfahrungen mit der Welt der Computer auf seine unnachahmliche Art treffend auf den Punkt bringt, nur einer von vielen unterschiedlichsten Glanzpunkten, die sich als „Mundarttexte zwischen gestern und morgen“ als ein gelungenes Ganzes präsentieren. Dabei lassen sich immer wieder neue Schätze entdecken oder auch – erstmals aufmerksamer zwischen den Zeilen lesend – plötzlich ganz neu verstehen und bewerten.

Hans Paulin will eigentlich gar nicht, dass seine Leser sich gehetzt und voller Ungeduld vom Titel zum Buchrücken fressen und hat daher nicht ohne Grund auf eine Paginierung verzichtet. Die Leser sollten viel lieber jedes einzelne Kleinod genießen und auf der Zunge zergehen lassen. Immer wieder durchblitzende Altersmilde und Gelassenheit bestimmen den nie harten oder gar belehrenden Ton. Hans Paulins viele spannende Offerten zu eigenem Nachdenken machen deutlich, dass es eigentlich nicht schlimm ist, dass Deutschland immer mehr zu einer Nation sich gegenseitig Konkurrenz machender schreibender Rentner und Pensionäre wird. Wer in Mundart dichtet, könne schließlich ziemlich sicher sein, dass er von den Verlegern und Fans weitgehend in Ruhe gelassen wird, weiß der gewitzte Mundartschreiber.

Typisch für Hans Paulin ist auch, dass er sich in seinem die Leser begeisternd auf das vor ihnen liegende Vergnügen vorbereitenden Vorwort fast zu dem Bekenntnis zwingen muss, dass er die vielen originellen und anspruchsvollen Fotos alle selbst „verbrochen“ habe und das natürlich mit einer kleinen Kamera, wie man sie heute „oft em Hosasack mitromschloift“. Nachdem es ihm leider nicht gelungen sei, für eine richtige Ordnung zu sorgen, redet er dann explizit einem eher entspannten häppchenweisen Herumschmökern das Wort. Das steigert das Vergnügen und sorgt dafür, dass die individuellen Köstlichkeiten nicht voller Heißhunger verschlungen, sondern mit dem erforderlichen Respekt goutiert werden.

Ein besonderes Vergnügen dürfte für seine Freunde sein, Bekannte – oder auch sich selbst – wie im weichgezeichneten Spiegelbild zu erkennen und neu zu entdecken. Auch ohne die vielen liebevoll porträtierten Personen tatsächlich zu kennen, ist es aber ein großes Vergnügen zu entdecken, dass es im Schwabenland tatsächlich erfreulich viele besondere Persönlichkeiten gibt, deren Qualität man vielleicht auch im täglichen Leben erst bei ganz genauem Hinschauen und Hinhören erkennen und durchschauen kann.