Lokale Kultur

"Abend der Sinne" in heiterer Atmosphäre

KIRCHHEIM

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Entspannt und heiter trafen am Freitag immer mehr Frauen im Foyer der Stadtbücherei ein. Weit über hundert waren es

IRENE STRIFLER

schließlich, die beim Begrüßungscocktail miteinander ins Gespräch kamen und sich sichtlich auf den bevorstehenden Abend freuten. Kein Wunder, wussten doch viele der Gäste schon, was sie erwartete. Die sechste Kirchheimer Frauenlesenacht stand auf dem Programm, Garant für einen unterhaltsamen, informativen Abend in angenehmem Ambiente.

Angestiegen ist im Laufe der letzten sechs Jahre nicht nur die Zahl der Besucherinnen, sondern auch die der Veranstalter: Neben dem Pädagoginnentreff und der Stadtbücherei, die das Projekt aus der Taufe gehoben hatten, war nun erstmals auch das Kirchheimer Bürgerbüro mit im Boot. Die Lesenacht wiederum hat sich in der kurzen, aber intensiven Geschichte ihres Bestehens nicht nur als Frauenlesenacht, sondern auch als Kulturnacht einen Namen gemacht, wie die geistigen "Mütter" des Projekts bei der Begrüßung kundtaten.

So ging es auch diesmal darum, Frauenleben in anderen Kulturkreisen, anderen Ländern nachzuspüren, ausgehend von literarischen Texten in Originalsprache. Dazu gab es ein ansprechendes Rahmenprogramm, bei dem auch leckere Gaumenfreuden nicht fehlen durften. Was fürs Auge boten gleich zum Auftakt drei Mädchen aus der tamilischen Schule. Die Freundinnen präsentierten in festlichen, farbenfrohen Gewändern Tänze aus ihrer Heimat. Traditionelles fehlte dabei ebenso wenig wie durchaus modern Anmutendes.

Im Anschluss dauerte es nicht lang, bis sich alle Besucherinnen die Leseecke ihrer Wahl gesucht hatten. Frauen aus Frankreich, England, Russland, Vietnam und Sri Lanka luden dazu ein, in ihre Kultur einzutauchen. So individuell die Persönlichkeiten der Frauen, so unterschiedlich wirkten auch die Leseecken und das jeweilige Programm. Da war zum Beispiel die Lehrerin aus Nordengland, Spross einer Verbindung zwischen einer Deutschen und einem britischen Soldaten. Sie las die Selbstbeschreibung einer jungen Frau, die in den 50er Jahren gegen den Widerstand ihres Vaters eine gute Schulbildung für sich durchsetzte und schließlich sogar studierte. Der Preis war der Abbruch jeglichen Kontakts zu ihrem Vater. Prompt entwickelten sich hitzige Diskussionen um Mädchenbildung, Studiengebühren und vieles mehr.

Auch in der russischen Ecke, wo eine ehemalige Professorin, die aus einem deutschen Dorf in Sibirien stammte, das Wort hatte, standen Fragen nach der russischen Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit der aktuellen Politik im Vordergrund. Es ging unter anderem um die Drogenproblematik in Russland oder aber auch um die Eingliederungsschwierigkeiten russlanddeutscher Mitbürger hierzulande. Um Land und Leute, durchaus unter touristischen Aspekten, drehten sich dagegen viele Gespräche in der vietnamesischen Ecke. Die dortige Leserin wurde eifrig von ihrer übersetzenden Tochter und deren Freundin unterstützt.

Ganz klar die Texte und weniger Allgemeines standen in der französischen Leseecke auf dem Programm, wobei französische Chansons für die passende Untermalung sorgten. Hier versammelten sich vor allem frankophile Zuhörerinnen und ließen sich von der französischen Sprache in den Bann nehmen. Auch in der Leseecke der Frau aus Sri Lanka wurde viel über Sprache gefachsimpelt, allerdings ganz konkret: Die Töchtergeneration in beiden Sprachen firm informierte über einzelne Buchstaben und grammatische Details.

Versteht sich, dass jede Besucherin, die von Ecke zu Ecke lustwandelte, überall nur Ausschnitte der Informationen mitnehmen und Fetzen der Atmosphäre erhaschen konnte. Manch eine entschied sich daher, den ganzen Abend an ein und derselben Stelle zu verweilen oder auch mal auf eigene Faust in den Bücherregalen der Bücherei zu stöbern.

Zum Auftritt der Frauen-a-cappella-Band "Ladies first" versammelten sich dann alle wieder im Foyer. Die vier Sängerinnen boten ein musikalisches Feuerwerk an spritziger A-capella-Literatur. Speziell bei den Liebesliedern durften auch die Männer als Thema nicht gänzlich fehlen. "Ladies first" verstanden es, bei einer köstlichen Persiflage auf "Sah ein Knab ein Röslein stehn" das Publikum mit einzubeziehen eine Szene, in der die ganz besondere, ausgelassene Stimmung der Kirchheimer Frauenlesenacht greifbar wurde.

Traditionell läutete die etwas nachdenklich stimmende Gutenacht-Geschichte den Ausklang ein. Keine Frage: Die Frauen haben "ihren" Abend der Sinne und des Genusses, den Abend ganz für sich allein, in vollen Zügen genossen.