Lokale Kultur

Abgesang auf den Adel

Badische Landesbühne gastierte mit Tschechows „Kirschgarten“ in der Stadthalle

Kirchheim. 1904 in Moskau uraufgeführt, ist Anton Tschechows „Kirschgarten“ ein nuancenreiches gesellschaftskritisches Abbild eines Russland im Wandel und ein gna-

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denloser Abgesang auf einen alteingesessenen Adel, der sich längst überlebt und seinen unaufhaltsamen Niedergang noch gar nicht bemerkt hat.

Carsten Ramms BLB-Inszenierung schafft dank eines gut aufgestellten Ensembles in der gefälligen Ausstattung von Ines Unser und mit den Gitarrenklängen von Hennes Holz eine schwierige Gradwanderung: Der Tragik wird ihre Schwere genommen, um dem aberwitzigen Tanz auf dem Vulkan eine komödiantische Leichtigkeit und Turbulenz zu verleihen, die aber nie Gefahr läuft, zum bemühten Klamauk zu werden.

In Tschechows vielleicht tatsächlich „bedeutendstem und merkwürdigstem seiner realistisch-symbolischen Stücke“ war die Stadthallenbühne mit Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsschichten bevölkert. Sie reden und reden, kränken und missverstehen sich unentwegt, sind aber nie in der Lage oder auch nur bereit, eigenverantwortlich zu handeln, um das drohende Schicksal zunehmender Bedeutungslosigkeit und den Verlust der herrschaftlichen Selbstherrlichkeit abzuwenden.

Intendant Carsten Ramm und Ensemble verstehen es dabei hervorragend, die einzelnen Charaktere nicht zu Karikaturen werden zu lassen, sondern ihnen Defizite und kleinen Macken mit auf den Weg zu geben, die – elegant und ohne wirklich zu verletzen – die fast schon tragische Hilflosigkeit der Protagonisten vor Augen führt, „die sich nach einem besseren Leben sehnen, aber unfähig sind, selbst etwas dafür zu tun“.

Die von Cornelia Heilmann perfekt in Szene gesetzte elitäre Gutsbesitzerin Ranjewskaja stammt aus altem Adelshause, hat aber nicht standesgemäß geheiratet und damit ihre grundlos auf einen Rechtsanwalt herunterschauende Familie gegen sich aufgebracht. Ihr billardbesessener Bruder (Markus Hennes) wirft ihr außerdem vor, dass sie sich „nicht sehr tugendsam“ benommen habe. Einig sind sie sich aber in der vor allem im Zusammenspiel mit ihrem devoten Diener Firs (Ghorban Moinzadeh) immer wieder grandios durchschimmernden Arroganz ihrer bereits verlorenen Macht.

Dieser 87-jährige Lakai ist und bleibt für sie ihr Leibeigener nach Gutsherrenart, auch wenn solche Zeiten längst überwunden waren. Dass ausgerechnet der gram- und altersgebeugt duckelnde Firs am Ende auf der Bühne „vergessen“ und im Inferno einstürzender Kirschbäume eingesperrt wird, malt ein effektvoll ausgeleuchtetes Schlussbild aus. Mit diesem unter die Haut gehenden Tableau hat die tragische Geschichte um den Untergang eines wunderbaren Kirschgartens – der zugleich für das unfreiwillige Ende einer überholten, verhassten Gesellschaftsschicht steht – ihre schlimmstmögliche Wendung genommen. Die schmeichelnden Gitarrenklänge aus dem romantischen Kirschgarten wurden dann auch zugunsten Angst machender rhythmischer Baumfäll-Geräusche ausgeblendet.

Da die Bankzinsen nicht rechtzeitig bezahlt wurden, drohte schon lange die Versteigerung des einst stolzen Herrenhauses und Familiensitzes. Auch wenn der Termin schon präzise feststand und unaufhaltsam immer näher rückte, rang sich niemand auch nur ansatzweise dazu durch, das Unglück noch aufzuhalten. Dauernd debattierend, Parolen reproduzierend und über Banalitäten und Petitessen philosophierend, trudeln die noch immer stolzen Mitglieder der nicht mehr herrschenden und handelnden Gesellschaft in stoischer Schicksalsergebenheit dem Abgrund entgegen. In routiniert gepflegtem Konversationston glauben sie wohl, ein Wunder vielleicht doch noch elegant herbeiparlieren und den Absturz aus ihrem Wolkenkuckucksheim verhindern zu können.

In völliger Verkennung der existenzbedrohenden Situation wird ausgerechnet am Tag der Versteigerung in nicht zu überbietender Dekadenz und Realitätsverdrängung sogar noch ein großer Ball gefeiert und ausgelassen getanzt wie in den guten alten Zeiten. Dass der Kirschgarten endgültig untergeht und am Ende der quälend untätig zerredeten Zeit das Abholzen beginnt, ist letztlich verschmerzbar.

Viel schlimmer ist, dass mit dem cleveren Jermolay Alexejewitsch Lopachin (René Laier) ein Prolet und Emporkömmling der neuen Gesellschaftsklasse Besitzer des Guts wird, in dem die „schrecklich nette Familie“ schon seinen Großvater, dann seinen Vater und zuletzt auch ihn selbst als Jungen unterdrückt, ausgebeutet und misshandelt hatte.

Der Kaufmann, dessen anfängliche Hilfsangebote nicht einmal ausgeschlagen, sondern einfach arrogant ignoriert wurden, ist wie von Sinnen nach dem Racheakt gegen seine einstigen Peiniger. Herr im Herrenhaus ist jetzt der zur neuen Oberschicht gehörende einst „geprügelte Jermolaj, der Jermolaj, der nicht richtig lesen und schreiben kann, der Jermolaj, der im Winter barfuß gehen musste . .  .“ Er genießt, dass alle sehen, wie er den Kirschgarten abholzt. Beim Blick auf die grausige Tat frohlockt er: „Wir werden Sommerhäuser bauen, und unsere Enkel und Urenkel werden ein neues Leben hier sehen“, während die Gutsbesitzertochter Anja (Andrea Nistor) ihrer Mutter versichert: „Wir pflanzen einen neuen Garten, prachtvoller als dieser . . .“

Die feine adlige Gutsherren-Gesellschaft hat sich in bornierter Überheblichkeit selbst ruiniert und kehrt mit den im Tross mitreisenden Töchtern und Adoptivtöchtern, Dauerstudenten, Gouvernanten und Kontoristen dem für immer verlorenen Paradies den Rücken, während „im off“ die ersten Bäume fallen.