Lokale Kultur

"Actus phantasticus" mit hoch motivierten Akteuren

KIRCHHEIM Unter dem Titel "Actus tragicus, Musik und Texte zur Passionszeit" hatte das Schlossgymnasium Kirchheim zu einem Konzert

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ERNST LEUZE

in die Kirche Maria Königin eingeladen. Damit war klargestellt, dass es sich nicht nur um ein Schul-Event handeln würde, sondern um eine Aufführung mit höchstem Anspruch an Mitwirkende und Besucher.

Erstaunlich, dass Passion, Leiden, Sterben von einer Schulgemeinschaft thematisiert wird und nicht nur von der Kirchenmusik. Eigentlich geht es im gesellschaftlichen Leben doch eher um Fun, Edutainment, Winner und, na ja, dann zwangsläufig auch um Loser. Vor diesem Hintergrund gesehen ist am erstaunlichsten, dass dieses Konzert überhaupt hat verwirklicht werden können mit hoch motivierten Akteuren und auch begeisterungsfähigen Besuchern.

Es ist ja so wichtig, dass Lehrer, in diesem Falle der Schulmusiker Wolfgang Junker, nicht nur auf ihre Unterrichtstätigkeit reduziert werden, sondern ihre Begabung, ihr Können und Wissen auch außerschulisch entfalten dürfen. Wir haben sehr gerne davon profitiert und dabei erfahren, dass Schule viel mehr ist als "Schüler und Lehrer". Die Interaktion von Eltern, Freunden und Lehrern kann sich im Projekt eines Eltern-Lehrer-Chores aufs Schönste entfalten. Hier nun könnte der Bericht enden, wenn es nicht ein öffentliches Konzert gewesen wäre, das sich auch einer öffentlichen Berichterstattung stellen will.

Fangen wir beim "Oratorium" von Bert Brecht an: Es ist das Fragment eines 19-Jährigen und wurde unter der Regie von Bernd Löffler dargestellt, von Mitgliedern der Theater-AG des Schlossgymnasiums. In seiner tastenden Radikalität diente es als Kontrast, Übergang und auch Einstimmung zum Geniestreich des 22-jährigen Johann Sebastian Bach dem "Actus tragicus", einer Trauerkantate.

Noch nie habe ich die glückselige Melancholie der einleitenden Sonatina so ergriffen hören können! Natürlich, wenn Martin Hermann und Ingrid Gräbner mit ihren "Flûtes a bec" zusammenspielen, ist souveräne Meisterschaft angesagt. Eine großartige Idee, zwei Werke mit der seltenen Besetzung in einem Programm zu vereinigen. Zum Glück richtet Bach in der Trauerkantate den beiden Blockflöten ein "sozialverträgliches" Umfeld ein mit nur noch zwei Gamben und Continuogruppe. Für die Zuhörer blieb aber noch genügend Konfliktstoff. Zwar wusste sich Bernhard Moosbauer (Viola) als Ersatzgambe perfekt einzupassen, und seine Mitspielerin Adina Schattel ließ sich auch von ihm inspirieren. Aber der an sich hervorragende Cellist Rainer Balbach blieb musikalisch beharrlich auf einer anderen Baustelle. Seine Kollegen Rainer Frank (Kontrabass) und Jochen Scheytt (Orgel) mussten sich zwischen den differierenden Spielstilen durchlavieren, so gut es eben ging.

Das spielte sich aber eher im Hintergrund ab. Beherrschend war der Eindruck der hingebenden Begeisterung an die unvergleichliche Bachsche Musik. Das ging zunächst unübersehbar vom Dirigenten aus. Er und sein Chor, das Orchester samt Solisten genossen es sichtlich, sich dieser herrlichen Musik widmen zu dürfen. Allen voran die absolut überzeugende Altistin Cornelia Carle. Hörbar von ihr inspiriert Paul Theis (Bass). Mit den Herztönen einer berufslangen Vertrautheit Gertrud Junker (Sopran) und mit dem weniger dankbaren Rezitativ der Tenor Alexander Illi. Gut, dass dieses Werk am Schluss stand. Was hätte nach dem beseelt gesungenen Cantus firmus der Chordamen und dem von den prächtigen Männerstimmen (insbesondere dem Tenor) angefeuerten Schlussjubel auch noch Überbietendes kommen können!

Zurück zu Brecht. Sehr eindrucksvoll der junge Lucas Ortmeier in der Hauptrolle, etwas undeutlich in ihren kleineren Rollen Eva Maria Groß und Tabea Junker. Überzeugend wiederum Peter Dieterich und schließlich auch Max Braun, nicht zuletzt dank der fantastisch guten Lautsprecheranlage. Die Inszenierung wirkungsvoll in der Beschränkung auf einfachste Mittel. Auch für solche Aktionen ist der Raum von Maria Königin bestens geeignet wenn die Akteure hoch genug stehen, dass sie auch von den hinteren Bänken aus gesehen werden können.

Mit der Choralkantate "Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott" hat Wolfgang Junker allen eine Freude gemacht, die darin schon eine musikalische Predigt über den Text des nachfolgenden Sonntags gehört hatten, und auch allen, die den meisterhaften Einsatz der Blockflöten genossen und natürlich allen, die an den komplexen kontrapunktischen Künsten Bachs sich zu ergötzen wussten.

Der Aufführungsapparat, so qualifiziert er in seinen einzelnen Mitgliedern auch war ein Streichorchester unter Konzertmeisterin Regina Otsuka und Christian Reichle (Trompete) zusätzlich zu den schon genannten Spielern und Sängern, die beiden glänzend disponierten Oboen Elke Karner-Funk und Carolin Dressler nicht zu vergessen war vollauf beschäftigt, den Schwierigkeiten dieses exorbitant schweren und deshalb so selten aufgeführten Werkes Herr zu werden. Wer weiß, ob wir danach so beglückt gewesen wären, wenn alles mit geölter Perfektion exekutiert worden wäre?

Ein großes Kompliment an Wolfgang Junker, dass er das Wagnis eingegangen ist. Er hat gewonnen. Entsprechend lang anhaltend war der Applaus.