Lokale Kultur

Äcker waren wichtiger wie eine Liebesheirat

NEIDLINGEN Auf Einladung des Schwäbischen Albvereins Neidlingen gastierte der schwäbische Schriftsteller Karl Napf am vergangenen Freitag in der stimmungsvoll renovierten

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RENATE SCHATTEL

Kelter im Rathaus. Auf der vom Albverein initiierten "Mundartbühne" hielt der Humorist seinem Neidlinger Publikum wortgewaltig den "Schwabenspiegel" vor und definierte die fünf Grundtugenden der Schwaben in Zwerchfell erschütternder Weise neu.

Nach der Begrüßung von Gerhard Hepperle plauderte er zunächst aus seiner reichen Erfahrungskiste als durchs Ländle reisender Vorleser in eigener Sache. So habe einmal am Ende einer Lesung der evangelische Posaunenchor "Nun danket alle Gott" gespielt, das sei aber nicht persönlich gemeint gewesen. Keine Mühe habe ein sparsamer Buchhändler gescheut und für die Dekoration einer Lesung den Blumenschmuck der Kirche ausgeliehen und danach wieder zurückgestellt. "So send se halt, die Schwaben, und so waret se scho emmer", ist Karl Napfs Resultat.

Wie im alten Württemberg mit harten Zeiten umgegangen wurde, hatte der Jurist in seinem erfahrungsreichen Berufsleben im baden-württembergischen Staatsministerium und im Wissenschaftsministerium sattsam gelernt. Zahlreiche Bücher über das schwäbische Leben sind daraus hervorgegangen, ebenso wie Hörspiele für den SWR. Karl Napf, der mit bürgerlichem Namen Ralf Jandl heißt, ist zudem der Herausgeber des Schwäbischen Heimatkalenders.

Die erste Grundtugend der Schwaben ist unumstritten Genügsamkeit. "Sie ist kontraproduktiv zum heutigen Zeitgeist, der vom Konsum bestimmt wird", urteilte Napf und beschrieb sie plastisch. So soll eines Tages ein Stuttgarter auf die Alb gefahren sein und die neue Albwasserversorgung besichtigt haben. ("Und ein Stuttgarter ist so ungefähr das Höchste, was es genetisch gibt"). Dieser habe einen Bauern gefragt, ob die neue Wasserversorgung denn wirklich nötig gewesen sei. Der Bauer habe daraufhin geantwortet: "Für die Menschen net, aber halt fürs Vieh!".

Die zweite Grundtugend sei Vorsicht und Misstrauen gegen jede Neuerung. Als das Straßenbauamt die Alb mit Wegweisern versehen hatte, waren diese am nächsten Tag verschwunden. Die Bauern hatten sie in ihren Scheunen versteckt mit der Begründung: "Wir wissen wo's langgeht und die andern müssen es nicht wissen!"

Die dritte Grundtugend sei Direktheit, meinte der schwäbische Humorist, dem im Laufe seiner Lesungsreisen so manche direkte Begegnung nicht unbedingt angenehmer Art widerfuhr. Die vierte Tugend sei die Schaffigkeit, die durchaus auch zum Fluch werden konnte, wie eine liebevolle Gastwirtsfrau erfahren musste. Diese hatte ihren Mann ins Krankenhaus begleitet und seine achtstündige Operation geduldig abgewartet. Als der Gastwirt dann endlich aus der Narkose erwachte, fragte er aufgebracht: "Ja was, hoscht du nix zom schaffe?"

Die Kerntugend des Schwaben sei zweifelsohne das Sparen. Hier wurde der Humorist aber sehr ernst. "Das Sparen war Ausdruck bitterster Not", erklärte er. Durch Realteilung wurde der Grundbesitz immer geringer, die Ernten fielen schlecht aus und Hungersnöte überzogen das Land. Das Thema Sparen war bei der Eheschließung wichtig. "Nicht den Menschen heiraten, sondern die Äcker", sei oft der Grundsatz bei der Auswahl des Ehepartners gewesen. Bei der Realteilung seien die Äcker über die ganze Gemarkung verteilt gewesen. Durch eine geschickte Heirat hätten sie arrondiert werden können. "Die Liebesheirat im württembergischen ländlichen Raum gibt es erst seit der Flurbereinigung", vermutete Napf.

Der Württemberger habe sich noch bis vor einer Generation dadurch ausgezeichnet, dass er zwischen Werktag und Sonntag durch Kleidung und Essen unterschied. Zudem sei der Württemberger "hälinge" reich, er traue sich nicht, sich über seinen Besitz zu freuen und ihn zu zeigen. Die Krone der Sparsamkeit sei der Häuslesbauer, der unter großen Entbehrungen lebe. Aber was wäre, wenn der Schwabe nicht mehr sparen müsste? "Seid mer nemmer spare müsset, isch es gar nemmer schee!"

"Das Bauen in Württemberg ist gewissermaßen das Eintrittsexamen in die Gesellschaft", lautete das Resümee des Humoristen.