Lokale Kultur

Ältester erhaltener Wandmalereizyklus zu Bernhard in Owen

OWEN Vor drei Jahren wurde die Bernhardskapelle in Owen nach umfangreichen Sanierungsarbeiten als neues Bürgerzentrum im alten Ortskern Owens im Oberen Städtle eingeweiht. Jetzt ist eine Broschüre erschienen, die alle wesentlichen Erkenntnisse zu diesem Kleinod in

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REGINE BENKER

Wort und Bild enthält. Am Samstag wurde das Buch als Heft 2 der Reihe "Kulturdenkmale in Baden-Württemberg" in der Bernhardskapelle in feierlichem Rahmen unter Mitwirkung einer Bläsergruppe der Owener Stadtkapelle der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege, Professor Dr. Dieter Planck, erklärte, das Hauptanliegen dieser seit einem Jahr bestehenden Buchreihe sei es, "bedeutende Kulturdenkmale im Lande in wissenschaftlicher und allgemein verständlicher Form der Öffentlichkeit nahezubringen." Im Mittelpunkt stünden dabei die Baugeschichte und die Ergebnisse der denkmalpflegerischen Maßnahmen.

Die Kapelle ist eines der wenigen erhaltenen Gebäude aus der Zeit der Herzöge von Teck. Die Baugeschichte zeigt einen sehr wechselvollen Verlauf. Der landeshistorische Forscher Rolf Götz hat eine grundlegende Aufarbeitung der Geschichte der Bernhardskapelle bereits im Jahr 1992 vorgelegt. In seiner Untersuchung, die er für das jetzt erschienene Buch überarbeitet hat, weist er außerdem zweifelsfrei nach, dass das Gotteshaus dem heiligen Bernhard von Clairvaux geweiht war und eben nicht dem heiligen Petrus, wie man irrtümlich lange Zeit glaubte.

Erbaut wurde es in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, und zwar nach der Gründung der Stadt Owen, die oberhalb des alten Dorfes durch die Herzöge von Teck angelegt worden war. Es diente den Bürgern als Kapelle zur Abhaltung von Frühmessen, ohne dass diese deshalb die schützenden Mauern der Stadt verlassen mussten. Die etwas ältere Pfarrkirche befand sich außerhalb des Mauerrings, aber in unmittelbarer Nähe der neuen Stadtanlage und konnte daher weiterhin genutzt werden.

Nach der Reformation wurde die Bernhardskapelle im 16. Jahrhundert zur kirchlichen Zehntscheuer umfunktioniert, nach Aufhebung der Zehntpflicht im 19. Jahrhundert dann zu einem Ackerbürgerhaus umgebaut, in dem eine Bauersfamilie sich ihre Wohnung sowie den durch eine Zwischenwand abgetrennten Viehstall einrichtete.

Einzigartig sind die Wandmalereien, die das ehemalige Gotteshaus im seinem Inneren schmücken. Die Bernhardskapelle enthält an der Ostwand den bislang ältesten erhaltenen Bernhardszyklus, der sich in der Wandmalerei erhalten hat. Seine Entstehung wird auf die Zeit um 1400 bis 1420 datiert. Ungefähr um die gleiche Zeit erfolgte durch einen anderen Künstler die Ausmalung der Südwand mit Darstellungen aus dem Leben Christi. Die Malereien waren im Lauf der Zeit nur mehr schemenhaft zu sehen, überzogen von einer Schmutzschicht und gerieten mehr und mehr in Vergessenheit. Erwähnt wurden sie 1842 "als fast ganz verlöschte Freskomalereien" so berichtete der Oberkonservator a.D. Helmut F. Reichwald vom Landesdenkmalamt, der die Restaurierung der Wandmalereien leitete.

Bereits im Jahr 1926 erfolgte die Eintragung des Gebäudes ins Denkmalverzeichnis, wäre dann aber während der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts beinahe wieder daraus gestrichen worden, bis die Stadt Owen 1988 das Haus erwarb, um es schließlich im Rahmen eines denkmalpflegerischen Gesamtkonzeptes zum Kulturzentrum umbauen zu lassen. Im Laufe der Sanierungsmaßnahmen wurden auch die Malereien freigelegt und restauriert.

Stolz resümierte Bürgermeister Siegfried Roser, dass sich die Bemühungen um die Erhaltung der Bernhardskapelle trotz allgemeiner anfänglicher Skepsis sich gelohnt hätten. Dies zeige sich am wiedererwachten Geschichtsbewusstsein der Owener Bevölkerung, die regen Anteil an "ihrer" Bernhardskapelle nimmt. Der alte Ortskern Owens hat durch sie zweifellos eine kulturelle Aufwertung erfahren.

Das Gebäude wird heute für öffentliche und private Veranstaltungen genutzt. Es finden Konzerte, Ausstellungen, Vereinsversammlungen und sogar Hochzeiten darin statt. Außerdem werden durch den Alt-Owen-Förderkreis regelmäßig Führungen und Vorträge in dem Gebäude zur Baugeschichte, zur Geschichte Owens und zur Interpretation der Wandmalereien angeboten, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Durch diese ehrenamtliche Arbeit wurde in den vergangenen Jahren bereits ein wesentlicher Beitrag dafür geleistet, das Kultur-denkmal Bernhardskapelle einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Diese Bemühungen erfahren durch das jetzt vorgelegte Buch sicher einen weiteren Aufschwung.