Kirchheim

Äußeres Chaos spiegelt inneres

Kreisdiakonieverband Esslingen kümmert sich um Menschen in desorganisierten Haushalten

Es gibt Menschen, die nichts wegwerfen können. Manche verlieren den Überblick und stellen ihre Wohnungen so voll, dass sie sich darin kaum mehr selbst bewegen können. Das ist mehr als Unordnung. Das ist Chaos. Meist rührt es von einem inneren Chaos her. Monika Moll und Heike Blankenhorn-Frick versuchen, wieder Struktur in das Leben dieser Menschen zu bringen.

So kann es aussehen, wenn inneres Chaos in äußerer Strukturlosigkeit mündet. Foto: Kreisdiakonieverband Esslingen

So kann es aussehen, wenn inneres Chaos in äußere Strukturlosigkeit mündet. Foto: Kreisdiakonieverband Esslingen

Kirchheim. „Ich glaube, dort stand mal ein Sofa.“ Diesen Satz sagte ein Kind in einer brusthoch mit Dingen vollgestellten Wohnung zu Heike Blankenhorn-Frick, Sozialarbeiterin des Kreisdiakonieverbands Esslingen. „Im Laufe des Tuns sind wir dann auch tatsächlich zu dem Sofa vorgedrungen“, erzählt Blankenhorn-Frick. Dieser ist nur ein Fall, der beispielhaft ist für etwa 80 bis 100 Haushalte im Landkreis Esslingen, die Schätzungen zufolge vermüllt sind – oder, wie die Fachleute sagen: „desorganisiert“.

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Die meisten Menschen in solchen „desorganisierten“ Haushalten sind psychisch krank oder leiden an einer Sucht. Mit dem Tod der Eltern, der Trennung vom Lebenspartner oder dem Verlust der Kinder brach für diese Menschen die Lebensstruktur zusammen. Das emotionale Chaos ist der Auslöser für ein Verhalten, das auch Chaos in der eigenen Wohnung entstehen lässt.

„Man könnte denken, es sei ganz einfach: Wenn man etwas nicht mehr braucht, dann wirft man es halt weg“, erzählt Monika Moll, ebenfalls Sozialarbeiterin. „Aber den Leuten fällt das richtig schwer, Dinge wegzuwerfen. Alles hat einen Wert. Sie können nicht unterscheiden zwischen nützlich und unnütz, zwischen wichtig und unwichtig. So sammeln sich im Laufe der Jahre viele Dinge an, die zwar nicht zwangsläufig Müll sind, aber die auch nicht unbedingt nützlich sind.“

Die Sozialarbeiterinnen arbeiten mit einer Person etwa zwei Stunden pro Woche. „Das klingt wenig, aber das ist ganz anstrengend für die Betroffenen, weil sie immer wieder Entscheidungen treffen müssen: Kommt das weg, kann das in den Diakonieladen oder soll es bleiben“, schildert Monika Moll die Arbeit. Sie und ihre Kollegin fassen nichts an, worüber nicht vorher gesprochen wurde – vorrangig aus emotionalen Gründen, aber auch aus rechtlichen. Außerdem machen sie öfters Pausen, damit die Leute merken: Es ist gar nicht so schwer, wieder anzufangen.

Die Aufräumarbeit kann sich bis zu einem Jahr hinziehen. Es geht nicht um die Wohnung, sondern um den Menschen; nicht ums schnelle Entrümpeln, sondern um die Würde. Am Anfang steht ein Ziel. Das kann sein, wieder Leute zu sich nachhause einladen zu können oder keine Sorge haben zu müssen, wegen Verwahrlosung der Wohnung gekündigt zu werden.

Gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen erarbeiten die Personen einen Plan, wie dieses Ziel erreicht werden kann. „Ästhetische Vorstellungen nach dem Motto ‚schöner wohnen‘ spielen dabei keine Rolle“, betont Monika Moll. Und Dekan Bernd Weißenborn, Vorsitzender des Kreisdiakonieverbands ergänzt: „Die Bilder und Geschichten, die man aus dem Fernsehen kennt, entsprechen überhaupt nicht der Realität. Das ist sehr schmerzhaft für die Leute, ähnlich einer Beerdigung. Das ist ein Einschnitt, ein Abschnitt und für einige richtig brutal.“

Viele Menschen, denen Heike Blankenhorn-Frick und Monika Moll begegnen, leben nicht mehr wirklich in ihren Wohnungen. Aufgrund der schieren Menge an Gegenständen ist der Wohnraum nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt funktional. Die Sozialarbeiterinnen berichten von Menschen, die im Schwimmbad duschen und in der Eckkneipe auf die Toilette gehen. Die Wohnung nutzen sie allenfalls als Schlafstätte.

Manche ziehen sich aus dem sozialen Leben komplett zurück, brechen den Kontakt zu Freunden ab und vermeiden es, Menschen näher zu kommen, „weil das immer auch bedeuten würde, dass man jemanden nachhause einladen müsste und das geht nicht“, erklärt Monika Moll. Andere verlagern ihr soziales Leben komplett nach draußen, engagieren sich außerordentlich in Freundeskreis und Beruf – „bis hin zur Selbstaufgabe“, meint Heike Blankenhorn-Frick, „um das zu kompensieren, was sie im Haushalt nicht hinbekommen“.

Struktur zurückgeben, beim Verarbeiten einschneidender Erlebnisse helfen, Perspektiven schaffen – das sind die Aufgaben der Sozialarbeiterinnen, die zuallererst das Vertrauen der Menschen gewinnen wollen, die sie um Hilfe gebeten haben. Das Angebot des Kreisdiakonieverbands ist dank der Unterstützung durch den Verein Heimstatt Esslingen und den Verein Aktion Mensch kostenlos.

Projekt WABE hilft

Schätzungen zufolge sind im Landkreis Esslingen 80 bis 100 Haushalte „desorganisiert“. Die meisten Menschen sind alleinstehend und haben psychische Probleme oder leiden an einer Sucht. Die Altersspanne reicht von 30 bis 70 Jahren; die meisten sind zwischen 40 und 50 Jahre alt. Das Phänomen betrifft sämtliche Berufsgruppen.

Das Projekt WABE – Wohnraumarbeit mit Menschen in desorganisierten Haushalten – gibt es seit einem Jahr. Menschen, die in ihrer Wohnung nicht mehr leben und keinen Besuch mehr empfangen können, können sich dort melden.

Kontakt: wabe@kdv-es.de.

 

Finanziert wird das Projekt vom Kreisdiakonieverband Esslingen, dem Verein Heimstatt Esslingen e. V. und dem Verein Aktion Mensch e. V. Zukünftig wird sich auch der Landkreis Esslingen an der Finanzierung beteiligen.

 

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