Lokale Kultur

"Alles was atmet": Weidenplastiken, Tee-Ei und Samenschalen

KIRCHHEIM Zum zehnjährigen Bestehen des katholischen Gemeindehauses Sankt Lukas in Jesingen hatten sich alle wieder eingefunden: Zahlreiche Kunstliebhaber aus den

Anzeige

MARTINA BAISCH

umliegenden Kirchenbezirken und der ganzen Region, Stadträte, Ortschaftsräte und Landrat Heinz Eininger. Sie waren gekommen, um in die Arbeiten von Angela Flaig und Josef Bücheler einzutauchen. In die Ausstellung mit dem Titel "alles was atmet", die anlässlich des zehnten "Geburtstags" des Gemeindezentrums eröffnet wurde, führte Barbara Honecker ein.

Das Künstlerehepaar Flaig und Bücheler aus Rottweil ist weit über die Region hinaus bekannt und begeisterte bereits vor zehn Jahren viele Besucher des Jesinger Gemeindezentrums, als die Neugestaltung der kleinen Kapelle im Erdgeschoss auf dem Plan stand. Ziel war es, ein Zusammenwirken von Kirche und Kunst zu schaffen. Josef Büchelers Entwurf von Altar über Tabernakel und Leuchter bis hin zu den Glasfenstern fand großen Anklang und sein wohl räumlich größtes und einheitlichstes Kunstwerk entstand: Ein harmonischer Raum, der mit seiner Schlichtheit besticht und den Besuchern Platz zum Atmen lässt.

Kunst und Kirche, Kirche und Kunst schon im Mittelalter stand der christliche Glaube in engem Zusammenhang mit der Kunst und die Kirche galt von jeher als Hauptauftraggeber der Künstler. Im Leben des überregional bekannten Künstlers Josef Bücheler spielt der Glaube eine ganz besondere Rolle. Aufgewachsen in einer christlichen Familie und nach Abschluss einer Lehre als Kunstglaser, Glasmaler, Tapezierer und Polsterer, ging er für ein Noviziat in die Benediktinerabtei Sankt Matthias nach Trier. Dieser Aufenthalt und die künstlerische Leitung eines Entwicklungsprojekts in Bangladesch prägt seine Arbeiten bis heute. Für seine Werke verwendet er hauptsächlich Materialien, die er in der Natur und auf der Straße vorfindet: Erde, Lehm, Papier, Weidenäste, Asche und in jüngster Zeit auch bunte Zeitungen. In feuchtem Zustand verleimt er Materialien wie Weidenstöcke, kaschiert sie mit Jute, bewirft sie mit Asche oder Grafit. Eschenstämme und Weiden werden mit PVC-Seilen umspannt.

Laut Bücheler entsteht jedes seiner Kunstwerke aus einem spontanen Gedanken. Die endgültige Gestalt des Objekts ergibt sich während des Erarbeitens. Josef Bücheler selbst bezeichnet seine Objekte als "geheimnisvoll und doch ganz einsichtig und nachvollziehbar". Seine Technik des Collagierens ermöglicht dem Betrachter, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, eigene Assoziationen anzustellen und Neues in bekannten natürlichen Materialien zu entdecken, ob es sich nun um am Boden liegende Seile handelt, die an Nabelschnüre erinnern, um Asche, die Vergänglichkeit symbolisiert oder um die kreisförmige Papier-Esche-Arbeit, die Ruhe und Einheit sowie Dynamik und Energie darstellt.

Die Zeichnungen Büchelers sind gleichzeitig bildhauerische Arbeiten. Bücheler bearbeitet dabei mehrere Lagen Büttenpapier so lange mit Grafit, bis die Papieroberfläche aufbricht. So verlassen die Zeichnungen ihre Zweidimensionalität und eröffnen verschachtelte Raumtiefen und gleichen metaphysischen Gebilden, die Raum für eine individuelle Interpretation offen lassen. Durch das Aufbrechen der Papierschichten und durch das Bearbeiten der großen Bauminstallationen und Papier- und Weidenplastiken gibt Bücheler, der für seine Werke verschiedene Projektpreise, unter anderem den Erich-Heckel-Preis des Künstlerbundes Baden-Württemberg erhalten hat, Einblick in sein Inneres.

Genau wie Bücheler verarbeitet Angela M. Flaig, die seit ihrem pädagogischen Studium als Künstlerin arbeitet, in ihren Werken Lebenszeichen und -spuren aus der Natur und greift den andauernden Prozess des Lebens auf: Weiterentwicklung, Stillstand und Darstellung der Vergänglichkeit. Ob Bohnen, Dinkelsamen, Liebstöckel, Salbeiblätter, Estragon, Weidenröschen oder Löwenzahnflugsamen Angela Flaig verarbeitet diese Naturprodukte zu halbrunden, runden und gleichmäßigen fragilen Formen und Gestalten, fixiert bei manch einem dieser Kunstwerke Schicht um Schicht mit Haarspray und verleiht der entstehenden Form Ruhe und meditative Ausstrahlung.

Huflattichhalbkugel, Weidenröschenfläche, Tee-Ei Flaigs Kunstwerke verkörpern eine starke Einheit und das obwohl die Ursprungsmaterialien zart und zerbrechlich sind. Durch das Bearbeiten erleben die Stoffe eine geometrische Ordnung, die sie in ihrem "eigentlichen Leben" nie haben werden.

Eine der wohl wichtigsten Thematiken von Angela Flaig ist die Hand, ihre Form und ihre Bewegung. In ihren ersten Reibebildern hat sie gezeigt, was eine Hand und ihre Bewegung ausdrücken kann, indem sie in Kreisbewegungen Sand bis zur Aufreibung auf Papier rieb. Dieser Kreis, schon in ihren ersten Bildern entstanden, hat sich in Angela Flaigs Bildern bis heute durchgesetzt. Samen, die sie zum Keimen bringt, die das Wachsen und Verändern aufzeigen, werden von der Künstlerin zu Schalen geformt und symbolisieren so wieder die Handfläche. Die Werke Flaigs unterliegen einem sehr langen Prozess, der mit dem Sammeln von Naturmaterialien beim Spaziergang beginnt und schon dort Ausdauer, Geduld und Ruhe fordert. Genau diese Ruhe spiegelt sich in den beeindruckenden Arbeiten wider.

Ganz bewusst haben Angela M. Flaig und Josef Bücheler ihre Ausstellung mit dem Titel "alles was atmet" versehen, einem Bibelzitat. Jedes der ausgestellten Werke atmet auf seine Weise, indem es die Gedanken der Künstler zum Ausdruck bringt.

Die Ausstellung "alles was atmet" passt ins Jesinger Gemeindezentrum, denn Sankt Lukas ist nicht nur der Namenspatron des Gemeindehauses, sondern gilt nach alter Überlieferung auch als Schutzpatron aller Künstler. Und den zahlreich erschienenen Besuchern bei der Ausstellungseröffnung nach zu urteilen, war Sankt Lukas den faszinierenden Arbeiten des Künstlerehepaars wohlgesonnen.

INFO Die Ausstellung im Gemeindezentrum Sankt Lukas in Jesingen ist bis Sonntag, 13. November, freitags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.