Lokale Wirtschaft

Altersarmut trifft Frauen weitaus häufiger als Männer

Frauen mischen längst auf allen Ebenen mit. Sie belegen wichtige politische Ämter und qualifizieren sich beruflich. Wenn's allerdings um Geld geht, scheint ihnen der Weitblick zu fehlen. Banken und Versicherungen beklagen die mangelnde Altersvorsorge der weiblichen Bevölkerung.

IRENE STRIFLER

Anzeige

KIRCHHEIM Die Zeiten, in denen die Rente als "sicher" galt, sind vorbei. Von Riester bis Rürup geistern etliche Namen durch die Lande, die für zusätzliche Absicherung stehen. Die Vielzahl an Angeboten schreckt ab, vor allem Frauen.

Deshalb legt beispielsweise die Volksbank Kirchheim-Nürtingen heuer einen Schwerpunkt auf das Thema Versorgung von Frauen. "Frauen müssen unbedingt eine eigene persönliche Versorgung bilden, sie dürfen sich nicht auf ihren Mann verlassen", betont Friedrich Reich, Direktor der Abteilung Finanzdienstleistungen ein Angebotssegment, auf das die heimische Bank besonders stolz ist. "Wir bieten hier die gesamte Kompetenz aus den Bereichen Bank und Versicherung in einer Hand", betont der Vorstandsvorsitzende, Ulrich Weiß.

Speziell die Altersvorsorge beschäftigt die Abteilung stark, und die Fachleute haben längst beobachtet: "Das Thema kommt bei Frauen anders an als bei Männern." Das wirkt sich keineswegs zum Vorteil der Damenwelt aus. Um dies zu ändern, unterstützte die Bank unter anderem im Februar die Unternehmerinnengespräche im Kirchheimer Schloss, an denen auch das Wirtschaftsministerium des Landes beteiligt war. Aber das Engagement geht über einzelne Highlights hinaus. "Wir wollen das Thema Altersvorsorge generell bei Frauen ins Gespräch bringen", fasst Ulrich Weiß die Idee zusammen.

Frauen, die das Angebot zu einer umfassenden Berechnung annehmen, schlackern nicht selten mit den Ohren. "Die durchschnittliche Altersrente für Frauen aus der gesetzlichen Rentenversicherung beträgt heute 550 Euro", berichtet Helge Schünemann, Leiter der Abteilung Finanzdienstleistungen. Die Veränderung der Familienstrukturen fordert ihren Tribut: Da das Erbrecht einen "Lebenspartner" nicht berücksichtigt, geht die langjährige Freundin im Todesfall des Mannes leer aus. Auch Ehefrauen dürfen nur mit einer geringen Witwenrente rechnen, die zudem mit dem eigenen Einkommen verrechnet wird. Die schrittweise stärkere Besteuerung der Renten ist ein weiterer Punkt, der den Bankern Sorgenfalten verursacht. "Da muss unbedingt ein Zusatz geschaffen werden", insistiert Ulrich Weiß.

Auch im Berufsleben stehen Frauen im Blick auf die Altersversorgung schlechter da. Friedrich Reich zitiert aus der Statistik: 70 Prozent der sozialversicherungsfrei Beschäftigten sind Frauen. Selbst wenn sie vergleichbare Positionen wie Männer bekleiden, liegt die Bezahlung meist deutlich niedriger. Kindererziehungszeiten bescheren Müttern niedrigere Rentenansprüche. All dem steht eine höhere Lebenserwartung gegenüber, und das Leben im Alter will schließlich finanziert sein. Wer meint, sich dabei aufs Häusle verlassen zu können, der könnte eines Tages aus einem bösen Traum erwachen: "Hausbesitz braucht viel freies Kapital", warnt Friedrich Reich. Meist baut sich die Familie in jungen Jahren die eigenen vier Wände das Haus kommt mit seinen Besitzern in die Jahre. Teure Sanierungsmaßnahmen sind die Folge.

Bei all den Erkenntnissen steht für die Fachleute von den Banken fest: Es gilt, frühzeitig Vorsorge zu treffen und beispielsweise betriebliche Altersvorsorgemöglichkeiten auszuschöpfen. Über Direktversicherungen beispielsweise kann aus dem Brutto-Einkommen geschöpft und so dem Fiskus gewissermaßen ein Schnippchen geschlagen werden. Von der Pensionskasse bis zur Unterstützungskasse gibt es noch zahlreiche weitere Ansatzpunkte, die dem Laien meist ein Buch mit sieben Siegeln sind. "Bei all diesen Angeboten geht es nicht etwa ums Konsumsparen, sondern um die Altersvorsorge", macht Ulrich Weiß klar, dass die Beschäftigung mit der Thematik von existenzieller Bedeutung ist.

"Für die Altersvorsorge wählt man konservative Anlagen", setzt Ulrich Weiß auf Sicherheit. Diese Anlageformen bieten zwar nicht enorme Chancen auf plötzlichen Reichtum, dafür aber auch keine großen Risiken. "Für die Grundversorgung sollte man auf der sicheren Seite sein", lautet das Credo der hiesigen Banker, die nicht verstehen, dass Anleger den großen Aktiencrash von 2001 so schnell vergessen haben und auf hochspekulative angelsächsische Anlagesysteme einsteigen.

Dass Vorsorge von jungen Jahren an vorteilhaft sein kann, belegt ein Beispiel aus der Praxis der Banker: Irmgard S. hat nach der Ausbildung bis zum 28. Lebensjahr als Kauffrau gearbeitet bei einem Monatsverdienst von 1300 Euro. Danach bekam sie zwei Kinder, arbeitete vier Jahre später wieder als geringfügig Beschäftigte, stieg mit 38 in einen Halbtagsjob ein und stockte ab 40 auf ganztags auf. Brutto verdiente sie 2500 Euro, netto bei Steuerklasse 5 1500. Als Altersrente hat Irmgard S. mit 65 Jahren vor Steuern gerade mal 785 Euro zu erwarten. Will sie sich früher zur Ruhe setzen, fallen weitere drastische Einbußen an. Irmgard S. muss im Ruhestand gut rechnen können.