Lokale Wirtschaft

"An diesem imposanten Auto kommt kein Mann vorbei"

Wie sieht ein Auto von innen aus? Was verbirgt sich im Gehäuse eines Motors? Wie arbeitet ein Kolben? All diese Fragen lassen sich im Ausstellungsraum der Notzinger Firma Grau Schnittmodelle beantworten.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN "An diesem imposanten Auto kommt kein Mann vorbei", ist Johannes Grau, Inhaber der gleichnamigen Schnittmodellfirma überzeugt. Bei dem Auto handelt es sich exakt um jenen Honda Accord i-CTDi, mit dem der japanische Hersteller zahlreiche Rekorde aufgestellt hat. Der wichtiste war dabei der 24-Stunden-Dauertest. "Das ist ein normaler Serienwagen, wie er im Autohaus zu bekommen ist, mit Reserverad, Navigationssystem, Klimaanlage, Nebelscheinwerfer und sonstigem", erklärt Johannes Grau.

Dieses Auto steht nun, fein säuberlich an sämtlichen Stellen aufgeschnitten, in der Werkstatt des Unternehmens. Trotz der zahlreichen Schnitte, die Johannes Grau und seine beiden Mitarbeiten vorgenommen haben, ist der Honda voll funktionsfähig. Zu sehen ist dank ausgeklügeltem Lichtsystem und der Schnitte mehr oder weniger der komplette Motorraum, die Federung der Hinterachse oder der Aufbau der hinteren Sitzreihe.

Zunächst wollte Johannes Grau sich nicht an so ein großes Projekt wagen. Bislang schnitt er große und kleine Motoren, Küchengeräte, Auspuffanlagen, Kondensatoren, Getriebe, Pumpen oder Kettensägen durch. Da einer der Mitarbeiter ein 54-jähriger Aserbaidschaner, der seit 2001 bei der Firma Grau arbeitet schon seit geraumer Zeit seinem Chef in den Ohren lag, wann denn endlich das erste Auto aufgeschnitten wird, erklärte sich Johannes Grau schließlich bereit, das Wagnis anzunehmen. "Wir haben das Auto dann von Honda bekommen und nach unseren Ideen bearbeitet", sagt der Firmeninhaber. Da keiner so recht wusste, wie das Resultat aussehen sollte und könnte, wurden die Arbeiten auf eigene Kosten ausgeführt. Rund zwei Monate haben die drei "Aufschneider" daran gearbeitet, teilweise parallel zu anderen Aufträgen. "Wir wussten nicht, ob sich das Metall verbiegt, wenn wir mit dem Schneider drangehen", erklärt er. Zudem mussten sich die Handwerker auf verschiedene Materialien einstellen. Blech verhält sich anders als Schaumgummi, weshalb Chef und Mitarbeiter Kenntnisse aus sämtlichen Berufen haben müssen. "Das macht unsere Arbeit dafür hochinteressant", meint Johannes Grau. Ein bisschen Feinmechaniker, Elektroniker, Schreiner und Kfz-Kenntnisse all diese Fähigkeiten sind im Hause Grau gefragt.

"Allein an der Haube waren wir einen Tag beschäftigt, weil wir vorsichtig arbeiten mussten. Wir mussten darauf achten, dass der Lack nicht heiß wird und Kratzer durften wir uns auch nicht erlauben", beschreibt Johannes Grau. Der Schnitt machte dabei die Hälfte der Arbeit aus, die "Fitzelfeinarbeit" ein oft strapaziertes Wort von Johannes Grau begann danach: sauber machen und entgraten. "Da steckt viel Handarbeit drin", so Grau. Normalerweise schneidet er seine Objekte mit der Flex auseinander, für den Honda schaffte er sich jedoch eine Gipssäge an, wie sie im Krankenhaus verwendet wird. Diese schneidet von oben nach unten, was ein vorsichtigeres Arbeiten als mit der sich drehenden Flex erlaubt.

Das Innenleben des Honda ist offengelegt. Man sieht den Tank, ebenso den Aufbau der Hintersitze oder die Reifen. "Mir kennet den Karra en älle Oinzeldoil", erzählt der schwäbische Tüftler lachend. Er und seine Mitarbeiter haben den Motor komplett zerlegt und dann lackiert, damit alles schön für den Betrachter aussieht. Vom 16. Januar bis 12. Februar ist es im Foyer des Motorpressehauses in Stuttgart, Leuschnerstraße 1, zu sehen.

Die investierte Arbeitszeit hat sich gelohnt. Honda war vom Ergebnis des Prototyps so begeistert, dass das zweite Auto, ein Civic Hybrid, schon in der Werkstatt von Johannes Grau steht. "Wir haben ein neues Feld für Kunden geöffnet. Dieser Wagen geht nach Genf zum Automobilsalon, der ersten Automesse im Jahr", sagt der Firmenhaber stolz. Allerdings macht ihm der Zeitplan einige Sorgen. Die Zeit bis zum 2. März wird langsam knapp, das Auto termingerecht zu präparieren.

Auf die Idee, alles zu zerlegen, kam Johannes Grau im Januar 1986. Damals betrieb er einen Motorradladen und da tiefer Winter bekanntlich nicht die Saison für Motorradfahrer ist, war es im Geschäft recht still. Deshalb nahm er einen lang gehegten Entschluss in Angriff und baute ein eigenes Schnittmodell. Dabei handelte es sich um einen Minarelli P6-Motor. Er war dank seiner Anschaulichkeit in verschiedenen Berufsschulen zu sehen. Daraufhin gingen die ersten Aufträge von namhaften Firmen ein und zwei Jahre später waren die ersten Modelle auf Messen zu bestaunen. "Mittlerweile sind unsere Schnittmodelle rund um den Globus zu sehen: Hongkong, San Franzisco oder Genf, unsere Kunden gehen damit wandern", erklärt Johannes Grau stolz.