Lokale Kultur

Annäherung an Polen von der Geschichte bis zum Dativ und zur Lokomotive

KIRCHHEIM Unterschiedlicher können Erwartungshaltungen kaum sein: Wer als alteingesessener Kirchheimer oder doch zumindest Baden-Württemberger am Samstagabend in

ANDREAS VOLZ

die Kirchheimer Linde kam, konnte wohl mit dem Namen Steffen Möller nicht viel anfangen. Ganz anders sah es mit dem polnischen oder doch zumindest polnischsprachigen Teil des Publikums im proppenvollen Saal der Linde aus. Dieser Teil schien zahlenmäßig weit überlegen zu sein. Zumindest liegt dieser Schluss nahe, wenn man an die Anzahl und die Lautstärke der Lacher denkt, sobald Steffen Möller auf der Bühne wieder einmal polnisch sprach. In Polen ist der gebürtige Wuppertaler seit einigen Jahren bereits ein großer Fernsehstar und der mit Abstand bekannteste und beliebteste Deutsche.

Eigentlich erzählt Steffen Möller im Rahmen seines Kabarettauftritts lediglich seine eigene Geschichte, wie es ihn eines schönen Tages im März 1993 nach Polen verschlagen hat und was er dort seither erlebt hat, wie er Land und Leute sowie deren Sprache und Mentalität kennen und schätzen gelernt hat. Aber das alles ist schon von ganz allein urkomisch, auch wenn Steffen Möller immer wieder in aller Bescheidenheit betont, dass er von wahren Erlebnissen berichtet. Freilich sind diese Erlebnisse an Skurrilität kaum zu überbieten. Fast immer geht es um Missverständnisse, die vor allem von einem gewissen Unverständnis herrühren. Als "normaler" Deutscher weiß man eben über Polen so gut wie nichts.

Das genügt schon, um Aberwitziges zu erleben. So etwa an Steffen Möllers erstem Abend in Polen. Bevor sein zweiwöchiger Sprachkurs in Krakau beginnen sollte, hat er mit einem anderen Deutschen aus dem Wohnheim die Altstadt bei Nacht besichtigt. Dabei bemerkten die beiden ein altes Straßenschild, auf dem "Adolf-Hitler-Platz" zu lesen war. Sie beschlossen, gleich am nächsten Morgen die Stadtverwaltung auf dieses offensichtlich vergessene Straßenschild hinzuweisen, und schlenderten weiter zur Marienkirche. Zu ihrer großen Verwunderung sahen sie dort Lastwagen der SS. Des Rätsels Lösung: Krakau war nicht etwa in der Vergangenheit stehen geblieben, sondern in der globalen Gegenwart angekommen. Hollywood hatte sich in Krakau niedergelassen, Steven Spielberg drehte dort gerade seinen Film "Schindlers Liste".

Weitere skurrile Begegnungen folgen mit den Jahren: Als Steffen Möller bereits an einem Gymnasium in Warschau Deutsch unterrichtet, möchte ihn der Hausmeister immer zu sich nach Hause einladen, um deutsch mit ihm zu sprechen. Er sei früher mal in Deutschland gewesen. "In der DDR?" "Nein, nein, vorher." Mit 15 Jahren war er als Zwangsarbeiter nach Deutschland gekommen. Für Steffen Möller ist das natürlich ein heikles Thema, er weiß nicht, wie er dem Hausmeister gegenüber damit umgehen soll. Der jedoch schwärmt von einer "tollen Zeit" und meint: "In Polen wäre ich wahrscheinlich verhungert."

Auch auf eine gänzlich entgegengesetzte Geschichte trifft der deutsch-polnische Grenzgänger: An einer Bushaltestelle in Warschau erkennt ihn ein alter Mann, wahrscheinlich ist er über 80. Er bedankt sich bei Steffen Möller "für das, was Sie für uns Deutsche in Polen getan haben". Deutsch will er aber nicht sprechen, er spreche seit 60 Jahren nur noch polnisch. Kurz vor Kriegsende sei er bei Breslau desertiert, habe sich nach Warschau durchgeschlagen und sich dort in den Trümmern versteckt. Bis heute halte er sich versteckt, fügt er hinzu.

Steffen Möller spricht schon seit vielen Jahren perfekt polnisch. Trotzdem lässt er seine deutschen Zuhörer daran teilhaben, wie er sich als Sprachkursteilnehmer den sie an der Uni in Berlin alle für verrückt erklärt hatten, weil er nach Polen ging und nicht nach England oder Italien der polnischen Sprache annäherte. Um sein erstes polnisches Wort im Zugabteil zu entziffern, brauchte er neun Stunden. Kein Wunder, lautet es doch: "hamulec bezpieczenstwa" zu Deutsch "Notbremse", wörtlich übersetzt "Bremse der Sicherheit".

Befremdet und erfreut zugleich stellt Steffen Möller nach seiner Ankunft in Krakau fest, dass dort im Rahmen eines Musikfestivals für eine Aufführung der "9. Symfonia Ludwika van Beethovena" geworben wird. Er stellt sich die Polen auf einmal sehr weltoffen vor, denkt an eine emanzipierte, feministische Musikerin, die sich ein auffälliges Pseudonym zugelegt hat. Im Sprachkurs lernt er dann, dass die Endung "-a" in diesem Fall den Genitiv markiert. Es handelte sich also um nichts anderes als die 9. Symphonie Ludwig van Beethovens.

Besonders hat es ihm aber der Dativ angetan, der durch das Maskulin-Singular-Suffix "-owi" besticht. Was Steffen Möller freilich noch nicht wusste, als er an einer Art Beethoven-Denkmal die Inschrift "Adamowi Mickiewiczowi Narod" las. Oben auf dem Sockel stand Polens Nationaldichter, und die Inschrift besagt so viel wie: "Dem Adam Mickiewicz gewidmet von der Nation". Noch begeisterter vom Dativ war allerdings Möllers schärfster Konkurrent um die Gunst der Polnisch-Lehrerin Beata im ersten Sprachkurs: der Slawistik-Student Jörg, "aus Stuttgart oder München". Er hat sogar seine Doktorarbeit über den Dativ in einer östlichen Region Polens geschrieben. Mit dem Mikrofon in der Hand habe er sich in dieser hinterwäldlerischen Gegend mit alten Leuten unterhalten "und wenn die dann beispielsweise Steffenuwi statt Steffenowi sagten, dann kriegte er einen Orgasmus."

Steffen Möller, der von den Polen unter anderem den Aberglauben, die Fähigkeit, Komplimente zu machen, die Höflichkeit und die Gastfreundschaft übernommen hat ("frage einen Polen immer drei Mal, ob er etwas essen will, aber beim dritten Mal musst du es befehlen"), zeigt nur einmal, dass ihm jemand nicht so ganz sympathisch ist und das ist eben Jörg. Deshalb sticht er ihn nachträglich noch aus, indem er das sehr bekannte und ausgesprochen lange Kindergedicht über die Lokomotive, mit dem Jörg einst im Sprachkurs geglänzt hatte, bei seinem Kabarettauftritt in Kirchheim nicht nur vorwärts, sondern auch rückwärts zitiert. Als Zugabe hat Möller noch eine Version der "Lokomotive" in polnischem Schlesisch zu bieten. Unbedarfte deutsche Zuhörer staunten darüber, dass überhaupt jemand so ein Gedicht in so einer Sprache aufsagen kann. Die polnischen Zuhörer wiederum johlten vor Vergnügen.

Gelohnt hat sich der Abend für alle Zuschauergruppen. Nur am Ausgang hatte das polnischsprachige Publikum einen entscheidenden Vorteil: Steffen Möllers erstes Buch mit dem Titel "Polen lässt sich mögen" gibt es nur auf Polnisch. In Kirchheim musste der Autor, Schauspieler und Kabarettist sein Buch im Anschluss an den Auftritt gleich dutzendfach signieren.

Foto: Thomas Skalak

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