Lokale Kultur

Annäherungen an den "privaten Harald" und den "öffentlichen Schmidt"

NÜRTINGEN Die Rotarier haben im Zeichen ihres gutes Ineinandergreifen symbolisierenden Zahnrades zweifellos schon viel bewegt.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Harald Schmidt, den in Nürtingen aufgewachsenen und zum hymnisch gefeierten und immer wieder auch hämisch geschmähten Star der Kabarettisten- und Entertainerszene, zu einem Heimspiel in die Hölderlinstadt zu laden, war aber doch etwas ganz Besonderes. Entsprechend fieberhaft waren dann auch die eher diskret abgewickelten Vorbereitungen des spektakulären Coups des scheidenden Präsidenten verlaufen.

In vertraulichen persönlichen Einladungen hatte Dr. Jochen Balbach auf das überraschend anstehende Gastspiel des gefeierten Fernsehstars Harald Schmidt hingewiesen. Vermieden werden sollte, dass außerhalb des rotarischen Freundeskreises zu große Begehrlichkeiten entstehen, nach den im Konferenzssaal der Volksbank in Nürtingen natürlich nur in sehr begrenzter Zahl zur Verfügung stehenden und natürlich enorm begehrten Plätzen.

Nach einigen Informationen über seinen beruflichen Werdegang und seine aktuelle Arbeit werde sich das Rotariertreffen an der bekannten Fernsehsendung orientieren, hatte der derzeitige Präsident vielversprechend formuliert und damit doch nicht zu viel verraten oder gar versprochen. Das war auch gut so, denn bei Harald Schmidts vielen Menschen deutlich zu anarchischem Humor weiß ein Veranstalter schließlich nie, ob der Stargast einmal mehr mit gewagten Hitler-Nummern brilliert, sich mit professioneller Häme auf irgendwelche Minderheiten oder Moderatorinnen konzentriert oder sich als harmlos und atemberaubend authentisch vor sich hinschwäbelnder "Klinsi" gefällt, "der wo" dann freilich keine ganz so große Gefahr für die zu erwartende Akzeptanz des Gebotenen darstellt.

Statt "His Schmidtness" oder gar "Dirty Harry" waren der Einladung von Dr. Balbach aber offensichtlich und erstaunlicherweise der "private Harald" und "der öffentliche Schmidt" gleichermaßen gefolgt, die es sich zur Herzenssache gemacht hatten, zur Aufklärung dieses vermeintlichen Widerspruchs wenigstens ansatzweise beizutragen. Dabei erlaubte der ehemalige Kirchenmusiker mit C-Prüfung ungewöhnlich konturenscharfe Einblicke in seine privaten Befindlichkeiten. Der sich sonst durch absolute Skrupelresistenz auszeichnende Kabarett-Kamikaze beantwortete brav selbst solche Fragen, die er vor kurzem noch Sportjournalisten öffentlich sehr stark verübelt hätte.

Artig setzte er sich auf Wunsch auch ans Klavier, um virtuos "Danke" zu spielen und machte wenn auch stark ironisch kommentiert gute Miene zur sofort folgenden Bitte, das wohl unvermeidliche Bad in der Menge gleich anzuschließen, um erahnbaren Foto- und Autogrammwünschen entsprechend gerecht werden zu können. Besonders dankbar war Harald Schmidt dabei sicher nur dafür, dass er nicht auch noch "irgend etwas Freundliches über Klappgaragentore sagen" musste.

Dass der erste geäußerte Autogrammwunsch ausgerechnet einem "sardischen Vulkan" zugedacht wurde, war dann eine Steilvorlage, die sich der an Schlagfertigkeit und Improvisationskunst nicht zu überbietende Kabarettist natürlich auch auf einer Familienfeier nicht entgehen ließ. "Früher musste man für so etwas extra nach Stuttgart fahren", murmelte er beim Schreiben vor sich hin und ließ auch noch "Grüße an den jungen Mann" ausrichten.

Entspannt und sichtlich gut gelaunt kommentierte er auch seinen vermeintlichen Flop mit dem Samstagabend-Schlachtschiff "Verstehen Sie Spaß" und sensibilisierte sein Publikum für den richtigen Umgang mit störender Kritik, der auch er sich immer wieder ausgesetzt sieht.

Hektische Politiker-Reaktionen auf Rücktrittsforderungen hält der mit unzähligen Auszeichnungen förmlich überschüttete und im Wissen um sein Können und seinen Marktwert ruhende Grimme-Preisträger für völlig falsch. Für das Tragen von Verantwortung gebe es ja schließlich Staatssekretäre Nachfolger hätten noch nie etwas besser gemacht. Affären müssten ausgesessen werden, lautet Harald Schmidts Überzeugung und es erstaunt nicht, dass Bill Clinton und Helmut Kohl daher seine großen Vorbilder in dieser Richtung sind.

Dass er immer wieder gerne mit seiner Hypochondrie kokettiert, hatte der vor Gesundheit Strotzende, der "am liebsten tagelang in Ärztehäuser" gehen würde, gleich zu Beginn der Veranstaltung im Beisein seiner Eltern unter Beweis gestellt, als er Dr. Balbach und seinen geladenen Gästen versicherte, dass er ganz besonders gerne auftrete, wenn ein Kardiologe in der ersten Reihe sitzt. Dass er gerade dringend darauf wartet, "mit irgend so etwas wie dem Mutterkreuz" ausgezeichnet zu werden, verriet er im Blick darauf, dass er nicht ins Ausland gehe, sondern seine alten Witze in Deutschland recycle und damit immerhin 20 neue Arbeitsplätze geschaffen habe.

Eine klare Absage erteilte der nahezu handzahme Harald Schmidt am Montagabend vor der versammelten Rotarierfamilie einer Jammergesellschaft, die begründet glaubt, lautstark leiden zu können, wenn sie nicht sofort einen passenden Parkplatz für den 7er-BMW findet und selbst bei der befreienden Papstwahl jeglichen Patriotismus vermissen lässt. Statt auch da erst einmal zu jammern, könnten die Gläubigen sich schließlich freuen über die nun unweigerlich bevorstehende Modernisierung der katholischen Kirche.

Die fachlich fundierte Wahrnehmung eines Gynäkologen, dass Harald Schmidt über lange Strecken vorrangig "mit unterhalb des Nabels" angesiedelten Witzen operiert habe, stellte der Gast überhaupt nicht in Abrede, sondern ärgerte sich eher darüber, dass er trotz frauenfeindlichster Ausschreitungen bislang noch keine einschlägige Auszeichnung dafür bekommen habe, während Tagesschausprecher oft schon wegen harmloser Formulierungen sofort im Kreuzfeuer der Kritik stünden.

Das "Trommelfeuer" des "Kanzlerduells" mit den die Lap-Top-unterstützten Moderatoren Dr. Balbach und Manuel Andrack-Double Dr. Mike Oberle und auch die nicht immer allzu bohrenden Fragen aus dem Publikum überstand Harald Schmidt erwartungsgemäß ohne Blessuren. Um nicht nur "Everybody's Darling" zu sein, übte er dann aber doch recht unartig Kritik daran, das seine Stichwortgeber ihm offensichtlich nicht immer uneingeschränkt aufmerksam zuhören und zudem auch das liebevoll vorbereitete Klavier denkbar ungünstig positioniert war.

Die als Auftragsarbeit eines Schülers nun zu übermittelnden "lieben Grüße an die ehemalige Englischlehrerin" ergänzte Harald Schmidt auf expliziten Wunsch seiner Mutter mit einer Botschaft an ihm möglicherweise nacheifernde Schüler. Wer "vergessen" hat, einen Englisch-Aufsatz zu schreiben, kann trotzdem eine gute Note bekommen, wenn er den angeblich im Heft stehenden Text flüssig vorliest und dabei auch das Umblättern einigermaßen überzeugend einbindet. Selbst ein Mitschüler, der auf die leeren Seiten verwies, konnte einst nicht verhindern, dass es für solch frevelhaftes Tun für den damaligen Klassenclown und Stimmenimitator auch noch die "Eins" gab.

Sein damals offensichtlich schon gut ausgebildetes und fast schon "ans Pathologische grenzende Selbstvertrauen" sieht der extrem schlagfertige und selbstironiefähige Mann, der "Harald Schmidt heißt und auch so aussieht", eher als Erfolgsgaranten an als das ihm nun doch etwas zu sehr in Mode gekommene Rhetorik-Coaching für Führungskräfte. Wer sich davor fürchtet, eine Rede halten zu müssen, habe schon verloren. Nur ein Redner, der ohne alle Zweifel davon überzeugt ist, dass die Menschen danach lechzen, ihm alles von den Lippen abzulesen, kann erfolgreich sein.

Mit "Stolz" hat das alles übrigens nichts zu tun. Dafür ist Harald Schmidt der Begriff einfach zu klein. Er ist da lieber gleich "berauscht von seinem Gesamtwerk" und hat daher all jenen längst verziehen, die nicht gemerkt haben, dass sein Einsatz bei "Verstehen Sie Spaß" ein enormer Erfolg war. Da auch Mozart, Beethoven und Schubert lange verkannt wurden, ist Schmidt überzeugt davon, dass auch in seinem Fall die Jahrhunderte einst alles richtig stellen werden.