Lokale Kultur

Aquarelle, Gouachen und Mischtechniken im kleinen Format

KIRCHHEIM Knapp siebzig Arbeiten auf Papier Aquarelle, Gouachen und Mischtechniken im kleinen Format versammelt Ulrich Schneider derzeit im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus unter dem Titel "Ausflüge". Obwohl Landschaftlichkeit immer wieder eine deutliche Rolle spielt, handelt es sich hierbei nicht um Wald- und

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FLORIAN STEGMAIER Wiesenausflüge oder um Reiseschnappschüsse, es sind vielmehr Ausflüge der künstlerischen Phantasie, Hinwendungen zu Geschehnissen und Befindlichkeiten, die das Leben einem immer wieder vor die Füße spült, Auseinandersetzungen sowohl mit historisch Gewichtigem, als auch mit scheinbar Peripher-Alltäglichem.

Ulrich Schneider, der seit dreißig Jahren an der Stuttgarter Kunstakademie im Fach künstlerische Druckgrafik lehrt, geht dabei nicht dogmatisch vor. Er ist keiner Stilrichtung, keiner künstlerischen Ideologie zwingend verpflichtet, bedient sich in deren reichen Fundus jedoch gern, ohne dabei an Individualität einzubüßen, oder gar ins Epigonenhafte abzurutschen. Im Gegenüber mit den Werken kann man zwar nicht durchgehend, aber immerhin als kontinuierliches Phänomen das Auftauchen konstruktivistischer Elemente bemerken.

Den Konstruktivismus nutzt Ulrich Schneider um wie er formuliert "Festigkeit ins Blatt zu bringen", gleichzeitig sind diese strengen Formen auch ein Widerspiegeln, eine Reflektion der heutigen Welt, die stark normiert und gerastert ist und sich fast ganz dem Messen und Zählen verschrieben hat. Ein Zustand, den Ulrich Schneider somit künstlerisch einbezieht, ihn aber auch kritisch sieht, ist ihm doch in seinen Arbeiten stets an einem starken Sinnes- und Lebensbezug gelegen.

Zwei Arbeiten Schneider nennt sie Landschaften, man könnte auch von abstrakten Kompositionen sprechen bewegen sich am äußersten Rand dessen, was an Abstraktion und Reduktion möglich ist. Als Gegenpol zu diesen reduzierten, geradezu leergeräumten Welten stehen die äußerst malerisch durchgearbeiteten Blätter, etwa "Am Atlantik", "Steilküste und Gitter" oder "Scheune". Zwei völlig gegensätzliche Positionen, die ein großes und offensichtlich fruchtbares Spannungsfeld auftun.

Ulrich Schneider ist ein Künstler, der bei aller Intensität seiner Arbeit, bei aller Intimität und Behaustheit, die seine kleinen Formate zunächst suggerieren, nicht im Autismus versinkt, sondern vielmehr seine Umwelt sehr genau wahrnimmt und den ganzen Facettenreichtum des menschlichen Tuns in den Fokus rückt, das eben nicht nur reich an Komik und Ironie ist, sondern auch angefüllt ist mit Verwirrung, Vergeblichkeit und Tragik. Wenn auch der Humor in Ulrich Schneiders Arbeiten sicher nicht zu kurz kommt, so sind die Blätter jedoch nicht einfach nur lustig oder witzig. Vielmehr sind in ihnen Komik und Tragik untrennbar verwoben.

Am dichtesten erfahrbar ist diese eigentümliche Melange anhand der figurativen Arbeiten, deren erzählerische, meist auf jedwedes Pathos verzichtende Titel ihr Übriges zur Wirkung beitragen. Allein Schneiders Landschaften, die nur einen Teil des komplexen Kosmos ausmachen, den er im Kornhaus entrollt, wären eine eigene ausführliche Betrachtung wert. Landschaftlichkeit wird als freies Spielfeld, als Bühnensituation genutzt, in die dann Themen hineingesetzt werden. So zum Beispiel die Auseinandersetzung mit Kriegsgeschehnissen: "Lang vergessen" eines der zahlreichen Blätter zum Russlandfeldzug, "Kosovo" der erste Blick täuscht: keine idyllische Blumenlandschaft, sondern unbarmherziger Beschuss von oben, "Spaziergang am Strand" im Hintergrund schwere und kampfbereite Kriegsmarine.

Große Formate gebieten ihren nötigen Abstand, kleine Formate, wie sie Ulrich Schneider erschafft, laden die Betrachter ein, an sie heranzutreten, sich auf sie einzulassen. Dazu besteht bis Sonntag, 12. Februar, Gelegenheit. Zur Finissage wird Ulrich Schneider ab 14 Uhr anwesend sein.