Lokale Wirtschaft

Arbeit finden statt Abfinden

Die geplante Schließung des Panasonic-Bildröhrenwerkes in Esslingen lehnt die IG Metall ab. Sieghard Bender, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Verwaltungsstelle Esslingen, sagte gestern, man werde unter dem Motto Arbeit finden statt Abfinden um die 620 Arbeitsplätze in dem Werk kämpfen.

HELMUT KÖNIG

Anzeige

ESSLINGEN Die Anteilseigner des Esslinger Werkes, die beiden japanischen Elektronikkonzerne Matsushita und Toshiba, hatten angekündigt, die Bildröhrenproduktion spätestens Ende März 2006 einzustellen. Als Grund für die Schließung des Werkes führten sie den sich beschleunigenden Preisverfall bei Bildröhren sowie Verluste in Höhe von 50 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2004/2005 an, das am 31. März endete.

Bender sagte, die beiden japanischen Konzerne mit weltweit 600 000 Mitarbeitern hätten das Potenzial, um Alternativen zur Bildröhrenproduktion zu entwickeln. "Diese Konzerne verkaufen eine ganze Menge in Europa", ergänzte Bender. Er attestierte der Esslinger Belegschaft hohes Fertigungswissen im Bereich Feinmechanik und Beschichtungstechnik. Konkrete Alternativen für eine künftige Produktion nannte Bender gestern noch nicht.

Vielmehr soll eine Konzeptgruppe der Beschäftigten unter der Moderation von Professor Heinz Bierbaum das Potenzial des Betriebes in den kommenden Wochen herausarbeiten. Bis Ende Januar 2006 werde ein Alternativkonzept vorliegen. In einem Drei-Punkte-Katalog fordert Bender die Konzernleitung zu konstruktiven Gesprächen auf. Nach den Vorstellungen der IG Metall ließe sich eine Alternativproduktion aus den eigenen Konzernbereichen aufbauen. Eine andere Möglichkeit sei, aufgrund der bestehenden Kontakte einen anderen Investor zu finden und bei der Ansiedlung zu unterstützen. Auch die Wirtschaftsförderung bei der Ansiedlung eines Unternehmens sei denkbar.

Der Übergang zu einer Lösung im Interesse des Erhalts der Arbeitsplätze müsse für die Arbeitnehmer finanziert werden. Die Beschäftigten hätten bereits genug Opfer gebracht, sagte Bender. Nach Fertigstellung des Konzepts im Januar werde die IG Metall auch die Landes- und Bundesregierung zur Unterstützung auffordern. Bender kündigte an, mit den 620 Arbeitern, Angestellten und Auszubildenden den Kampf aufzunehmen, sollte sich die Konzernleitung den Verhandlungen entziehen.

So bitter es klingt, die Fernsehröhren aus Esslingen wollte zuletzt kaum mehr jemand. Und jene wenigen, die sie noch kaufen, sind nicht bereit, dafür auskömmliche Preise zu bezahlen. Zwar ist die Technik dieser Röhren ausgefeilt und die Bilder gestochen scharf. Doch das allein genügt nicht mehr. Das Design beispielsweise: Egal wie flach die Bildröhre ist, sie wirkt dennoch globig. Wer sich in Elektronikläden umsieht weiß, in welche Richtung der Trend nun schon seit einiger Zeit läuft. Die inzwischen bezahlbaren, superflachen und vergleichsweise leichten LCD-Fernseher sowie Plasmafernseher erobern den Markt, sie verdrängen die großformatigen Fernseher mit Bildröhren, wie sie in Esslingen gefertigt werden, aus den Regalen. Selbst die Verlagerung der Endfertigung nach Tschechien in diesem Frühjahr, die die Kosten senken sollte und der mehr als 200 Arbeitsplätze in Esslingen zum Opfer fielen, brachte nicht den erhofften Befreiungsschlag.

Die neue Generation der Plasma- und LCD-Fernseher lässt sich auf den in Esslingen vorhandenen Anlagen nicht bauen. Diese sind speziell auf Bildröhren ausgerichtet und lassen sich selbst unter hohem technischen Aufwand nicht umstellen. Das Wunder von 1994, als der finnische Nokia-Konzern die Produktion einstellte und im Frühjahr 1995 die Japaner die Produktion an gleicher Stelle wieder aufnahmen, wird sich leider nicht wiederholen. Damals sprachen gewichtige Punkte für Esslingen: Es gab hier eine trainierte Belegschaft vom Arbeiter am Band bis zum Ingenieur. Ohne Reibungsverluste konnte mit der Produktion sofort durchgestartet werden. Außerdem stand für die Japaner ein fertiges Werk da. Heute müssten die Japaner alle Gebäude räumen, um dann anschließend eine alternative Produktion hochzuziehen. Viel Zeit und viel Geld würden sowohl für die notwendigen Umbauten als auch für die Schulung der Mitarbeiter benötigt. Außerdem müssten die Asiaten von ihren betriebswirtschaftlichen Maximen abrücken. Das ist eher unwahrscheinlich doch die Hoffnung stirbt zuletzt.