Lokale Wirtschaft

Arbeitsplätze für Menschen mit Handicaps

NÜRTINGEN Noch bis Anfang Oktober müssen sich Stammgäste und Gelegenheitsbesucher des Cafés im Rathauskomplex bis zur Neueröffnung gedulden. Hinter der Theke werden sie dann neue Gesichter sehen, denn das Bürgertreff-Café wird künftig in der Hauptsache von behinderten Menschen unter der Regie der Behindertenförderung Linsenhofen betrieben.

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Die Stadt Nürtingen beschreitet mit der Bewirtschaftung ihres Bürgertreffs neue Wege und setzt damit ein erklärtes Ziel aus der letztjährigen Zukunftswerkstatt im Rahmen des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen um. Hannes Wezel, Leiter des Bürgertreffs und der Geschäftsstelle für Bürgerengagement, zur Zusammenarbeit mit der Linsenhöfer Einrichtung: "Die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt wollten es nicht dabei belassen, über Probleme behinderter Menschen zu reden." Neben dem "Forum Handicap", das derzeit einen Behindertenstadtplan für Nürtingen erarbeitet, sollten Arbeitsmöglichkeiten für behinderte Menschen geschaffen werden. Der Café-Betrieb im Bürgertreff bot sich an, zumal sich laut Wezel die Rahmenbedingungen in der Gastronomie doch merklich geändert haben: "Es macht wenig Sinn, sich mit Ehrenamtlichen in Konkurrenz zu der vielfältigen Nürtinger Gastronomie zu begeben."



Für die Behindertenförderung dagegen ist es ein Nischenbetrieb, steht doch der Gedanke der Integration behinderter Menschen noch vor der Notwendigkeit eines wirtschaftlichen Betriebs. Brauße, der die behinderten Mitarbeiter anleiten wird, sieht dafür in einem Café-Betrieb gute Voraussetzungen: "Hier ist eine zwanglose Begegnung zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen möglich."



Zu verschenken hat das Café aber auch nichts, macht Siegfried Bosch, der Geschäftsführer der Behindertenförderung Linsenhofen (BFL), deutlich: "Eine schwarze Null streben wir schon an." Schließlich hat der eingetragene gemeinnützige Verein für die Erneuerung des Cafés einiges an Investitionskosten zu tragen. Das Mobiliar wird auf eigene Kosten erneuert, die Theke überarbeitet, und das Prunkstück, der professionelle Kaffeeautomat, ist auch gebraucht nicht ganz billig. Für Bosch ist er sein Geld aber wert: "Wir wollen nicht, dass die Leute aus Mitleid zu uns kommen, sondern weil es zum Beispiel guten Kaffee gibt."



Christian Brauße ist laut Bosch die Idealbesetzung für den Job. Der 34-Jährige ist nicht nur staatlich geprüfter Erzieher für Behinderte am Arbeitsplatz, er kann darüber hinaus auf Erfahrungen aus sieben Jahren in der Gastronomie verweisen. Mit seiner Ehefrau, einer Konditormeisterin, betrieb er das Café Renz in Metzingen. Auch als Abteilungsleiter der Cafeteria in der Kurklinik Bad Urach holte er sich das Rüstzeug für die Branche. Zudem ist Brauße kein Unbekannter in der BFL, in der er bereits vor seiner Zeit als Selbstständiger tätig war.



Brauße und sein Team aus der Behindertenförderung wollen sich neben dem klassischen Café-Angebot mit kalten und heißen Getränken sowie Kuchen zunächst auf eine kleinere Speisekarte beschränken.



Begünstigt wird das Projekt durch eine Gesetzesänderung, die von der Bundesregierung eingebracht und im April verabschiedet wurde. Bosch dazu: "Im Gegensatz zur Produktion in Behindertenwerkstätten waren bislang gastronomische Betriebe nicht als Zweckbetriebe zur Förderung Behinderter anerkannt." Im Klartext hieß das, der Staat mit seinen Finanzämtern hielt die Hand auf. Mit der geänderten Abgabenordnung, so Bosch, sei man nun in der Lage, Behinderte auch in dieser Branche einzusetzen.



Viele Erfahrungen auf diesem Sektor gibt es aus besagten Gründen bisher also nicht und so sieht auch Nürtingens Bürgermeister Rolf Siebert die vertraglich geregelte Kooperation mit der BFL als ein Experiment an. Jedenfalls deutet er das Projekt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus als ein positives Signal und beteuert: "Wir trauen das der Behindertenförderung und ihren Schützlingen zu und hoffen auf eine positive Resonanz in der Bevölkerung."