Lokale Kultur

Armut als Quelle eindrucksvoller Kreativität

KIRCHHEIM Mitten in den konsumfreudigsten Wochen des Jahres setzt die Weihnachtsausstellung in der städtischen Galerie im Kornhaus einen interessanten Kontrapunkt.

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TOBIAS FLEGEL

Seit Sonntag sind im Keller des Kornhauses pfiffige Recycling-Produkte von Menschen aus Ländern der Dritten Welt zu besichtigen.

Dass materielle Not erfinderisch macht, ist bekannt. Die Umsetzung erstaunt doch immer wieder. Auch die Spielzeuge, Alltagsgegenstände und Lehrmittel, die afrikanische Kinder und Erwachsene aus gebrauchten Getränkedosen, Telefondrähten, Glühbirnen und anderen Abfallmaterialien hergestellt haben, überraschen.

Unter dem Titel "Einfälle für Abfälle Kreativität in der Dritten Welt" will die 19. Weihnachtsausstellung weniger das Elend in den entwicklungsschwachen Ländern in den Vordergrund rücken, sondern vielmehr den Reichtum an Eigeninitiative, Ideen und handwerklichem Geschick zeigen, mit dem die Menschen in den entwicklungsschwachen Erdteilen ihr Überleben sichern. Gleichwohl erinnert die Ausstellung daran, dass Armut auch in Deutschland einst Quelle der Inspiration war. Wie in vielen Dritte-Welt-Ländern heute, bewies die deutsche Bevölkerung in der von Hunger und Armut geprägten Nachkriegszeit ein erstaunliches Maß an Einfallsreichtum. Die Menschen funktionierten Stahlhelme zu Abtropf- und Spätzlessieben um, aus Granatkartuschen wurden Kaffeebecher und mit dem Gummi der Gasmasken Fahrradreifen geflickt.

"Diese Ausstellung soll zur Erinnerung an die Vergangenheit hier, zur Wahrnehmung der Gegenwart in der Dritten Welt und zum selbstkritischen Vergleich vom Reichtum eigener und fremder Lebenswelten anregen", sagt Hans Schmidt, der seine Exponate für die weihnachtliche Sonderausstellung im Kornhaus zur Verfügung stellt.

Ihre Wirkung verfehlen die gezeigten Gegenstände nicht. Besonders die Konstruktionen der Kinder, die mit einfachsten Mitteln oft genügen Holz, Plastik, Draht, Blech und alte Gummisandalen als Materialien funktionale und zum Teil schicke Gegenstände entwarfen, versetzen die Betrachter immer wieder ins Staunen. Für Hans Schmidt, der als Lehrer im Auftrag des Goethe-Instituts in den Ländern der Dritten Welt unterwegs ist, sind diese Erfindungen Ausdruck vom "inneren Reichtum der Armen". Deren Fähigkeit, das Leben auf kreative Weise zu meistern und zu verschönern, könne für uns als Vorbild dienen.

Auch Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker betonte unter Verweis auf die Tübinger Weltethos-Rede von Bundespräsident Köhler bei der Ausstellungseröffnung, wie wichtig die Partnerschaft mit und das Engagement für Afrika ist. Indem die gezeigten Exponate das kreative Kapital dieses Kontinents ins Bewusstsein der Kirchheimer Bürger rücken, wird diesem Anspruch Rechnung getragen.