Lokale Kultur

Arrivierte Rebellen im Rampenlicht

Wolfgang Schorlau und Reinhold Joppich blickten zurück auf ihre „wilden Zeiten“

Kirchheim. Von seiner eingeschworenen Fangemeinde mit Spannung erwartet wurde nicht nur Wolfgang Schorlaus neuer Roman „Rebellen“, sondern vor allem auch der Autor selbst. Als er trotz einer zunächst in Stuttgart Bad Cannstatt jäh und oh-

Anzeige

ne weitere sachdienliche Hinweise oder zielführende Informationen endenden ÖPNV-Fahrt dank spontan organisierter Taxi-Dienste doch noch rechtzeitig in Kirchheim eintraf, wurde es auf der kleinen Bühne fast genauso eng wie im Zuschauerraum.

Der mit vielen bedeutenden Preisen ausgezeichnete und zu Recht hochgelobte Erfolgsautor und Recherche-Perfektionist reizte nicht nur die Platzkapazität des Buchhauses Zimmermann voll aus, sondern hatte mit Reinhold Joppich – dem legendären Verlagsleiter von Kiepenheuer & Witsch – gleich noch einen guten Freund aus längster vergangenen Freiburger Tagen mit nach Kirchheim gebracht.

Die unvermeidbare Frage nach den in Wolfgang Schorlaus neuem Buch ja unübersehbaren Parallelen zu seiner eigenen Biografie und seinen Lehrjahren in Freiburg – die „rein zufällig“ auch genau mit Reinhold Joppichs Start in seine außergewöhnliche buchhändlerische Laufbahn zusammenfallen – nahm Geschäftsführerin Sibylle Mockler gleich vorweg.

Sie bestätigte dem versammelten Publikum unter leisem Protest der beiden direkt betroffenen geladenen Gäste, dass sie „ungefähr im gleichen Alter“ sind, daher auch die „wilden Jahre der Republik Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre hautnah und politisch aktiv mite­r­lebt“ hätten und zudem dabei waren, als „Studenten, Schüler und Lehrlinge auf die Straßen gegangen sind“, um zunächst einmal ganz konkret gegen die aktuell drohenden Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Personennahverkehr, aber grundsätzlich vor allem auch grundsätzlich „gegen den Muff und die starren gesellschaftlichen Konventionen der 60er-Jahre“ zu protestieren.

Wolfgang Schorlau bestätigte, dass er schon sehr lange immer wieder einmal daran gedacht habe, die hoch interessanten frühen Jahre, die ihn als sehr politischen Menschen zweifellos stark geprägt haben, endlich auch einmal gewissenhaft aufzuarbeiten. Nach mehreren Anläufen „zwischendurch“, hatte er das Projekt immer wieder vertagt, bis er schließlich sich und seinem ehemaligen BKA-Ermittler und erfolgreichen Privatdetektiv Georg Dengler eine Pause gönnte, um endlich die für sein eigenes Leben bestimmende Zeit wiederzuerwecken.

Wie gut ihm das gelungen ist, konnte er im Gespräch mit Reinhold Joppich, aber auch mit ausgewählten Passagen aus seinem Buch, klar belegen. Bekannt für seine immer außerordentlich intensiven Recherchearbeiten, kokettierte der Erfolgsautor damit, dass er an diesem Buch ganz besonders lange und intensiv gearbeitet habe, da man ja zunächst auch die passenden Zeitzeugen finden müsse, die erzählen können, wie das damals denn alles so war . . .

Als er endlich wusste, wie er erzähltechnisch mit der Darstellung dieser legendären Zeit des Wertewandels, des politischen Aufbruchs und des wachsenden Protests gegen das selbstgefällige Establishment umgehen will, „lief es dann aber ganz gut“. Um ein differenziertes und möglichst glaubwürdiges Bild des damaligen bundesrepublikanischen Zeitgeists, der Menschen und vor allem auch der sie prägenden Musik zu entwerfen, arbeitet Wolfgang Schorlau in seinem neuen Roman mit gleich drei sich kapitelweise immer abwechselnden fiktiven Erzählern, die sich in ihrer jeweils ganz subjektiven Wahrnehmung ergänzen, bestätigen oder auch zuweilen korrigieren, insgesamt aber ein überzeugendes und sehr verlässlich wirkendes Bild zeichnen, das sie immer wieder auch unaufdringlich kommentieren können.

Die auktoriale Erzählform wechselt dabei immer wieder in die prägnant voneinander abweichende und entsprechend anders „filternde“ Pers­pektive von Alexander und Paul, die eigentlich unterschiedlicher nicht sein könnten. Insgeheim beneiden und bewundern sie sich gegenseitig für genau das, was der andere hat oder kann. Über alle gesellschaftlichen Konventionen hinweg verstehen sie sich aber sehr gut und ergänzen sich perfekt.

Alexander kommt aus gutem Haus und ist wohlbehütet. Er kann Paul dann auch für die erste Einladung nach Hause perfekt coachen und dafür sorgen, dass er nicht nur dresscode-mäßig im grünen Bereich liegt, sondern sich auch an der mit unterschiedlichstem Besteck aufgebauten Tafel keine Blöße gibt. Von seinem großen Zimmer in einer für die Wirtschaftswunderzeit für erfolgreiche Unternehmerfamilien typischen Villa mit eigenem Swimmingpool blickt er in die düstere Welt des direkt angrenzenden Waisenhauses, in dem Paul von einem seiner Mitinsassen grausam gequält wird und sich jeden Tag aufs Neue bewähren, vor allem aber auch wehren muss.

Alexander ist fasziniert von dem anarchischen Jungen, der nicht unsicher und angepasst ist wie er, sondern mit elf Jahren schon erstaunlich selbstbewusst ist, heimlich raucht und im Garten des Waisenhauses sogar „eine richtige Pistole“ versteckt hat. Paul hat auch die angesagtesten Platten, wobei nicht sicher ist, ob sie auch alle bezahlt wurden. Der wohlbehütete Alexander hat dafür Zugang zu einem Plattenspieler mit zwei Boxen, den er, trotz des von den Eltern nicht gern gesehenen Umgangs mit Paul, immer wieder ins gegenüberliegende Waisenhaus schleppt, das für ihn zur zweiten Heimat und zur Brutstätte wachsenden Protests und Widerstands gegen die herrschende Klasse wird.

Vervollkommnet wird das doppelt gebrochene Gesellschaftsbild der beiden Jungen durch die Ich-Erzählerin Toni, die sich um magersüchtige Mädchen kümmert. Da sie sich lange nicht zwischen Alexander und Paul entscheiden kann, stillt sie über alle herrschenden gesellschaftlichen Konventionen und dank der die drei Rebellen verbindenden gemeinsamen revolutionären Gedanken aber auch ihren erwachenden Hunger nach Liebe gerecht mit den beiden ungleichen Freunden.

Da Vertriebsleiter Roland Joppich möglichst wenig verraten und nicht vorab schon viel zu viel erzählen wollte von dem, was noch alles in diesem immer wieder geschickt zwischen den Erzähl-Perspektiven und aktueller und damaliger Zeit wechselnden Buch verarbeitet wurde, erfreuten sich die handsignierten „Rebellen“ sehr guter Nachfrage.